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Ein Berner in geheimer Mission für die Norweger

Das kleine norwegische Skiteam ist überaus erfolgreich. Support erhalten die Athleten von der Universität Oslo – vertreten durch den Berner Oberländer Matthias Gilgien.

Micha Jegge
Der Weltklassefahrer ist offen für Neues: Kjetil Jansrud findet die Ideallinie nicht zuletzt dank wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Der Weltklassefahrer ist offen für Neues: Kjetil Jansrud findet die Ideallinie nicht zuletzt dank wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Keystone

In den Abfahrtstrainings auf der Corviglia stehen alle Konkurrenten vor der gleichen Herausforderung. Es geht darum, den schnellsten Weg vom «Freien Fall» hinunter nach Salastrains zu finden. Rund 100 Sekunden dauert der wilde Ritt, über die Vergabe der Medaillen werden am Samstag womöglich Hundertstel entscheiden. Wobei jedem Podestplatzkandidaten erstklassige Skier, windschlüpfrige Anzüge und fachkundige Trainer zur Verfügung stehen.

Von genau gleichen Voraussetzungen lässt sich trotzdem nicht schreiben. Kjetil Jansrud und Aleksander Aamodt Kilde, die erfolgreichen Norweger, können auf wissenschaftlichen Support zählen. Ihre Quelle stammt, man halte sich fest, aus dem Berner Oberland.

Von Reichenbach nach Oslo

Wenn Jansrud, Kilde und Konsorten talwärts brettern, befindet sich Matthias Gilgien mitsamt eines Rucksacks voller technischer Geräte irgendwo am Berg, auf der Suche nach der Ideallinie. Natürlich hält sich der Biomechaniker aus dem Kandertal nicht irgendwo am Berg auf, natürlich hat er ganz bestimmte Geräte dabei. Beschreibungen, die präziser sind als die gewählte, wollen die Verantwortlichen der Skandinavier jedoch nicht in der Zeitung lesen.

Matthias Gilgien ist für den ­norwegischen Skiverband ­tätig. Bild: zvg
Matthias Gilgien ist für den ­norwegischen Skiverband ­tätig. Bild: zvg

«Wir dürfen nicht zu tief hineintauchen», lässt der 41-Jährige verlauten. Rasch wird klar: Das hoch technologische Geheimprojekt soll geheim bleiben. Was in der Retrosportart Ski alpin, in welcher die Startnummernauslosung immer noch mit Plastikplättchen erfolgt, die per Handarbeit an einer Anschlagtafel befestigt werden, seltsam anmutet.

«Die Schweizer kennen diesen Hang aus dem Effeff. Wir versuchen, diesen Nachteil wettzumachen.» Oder anders ausgedrückt: «Wir liefern den Trainern und Athleten objektive Informationen, damit sie den Fehler am richtigen Ort suchen.»

Gilgien war Orientierungsläufer auf Leistungssportniveau, nahm an zwei Weltmeisterschaften teil; er ist aus Berufung ein Suchender und hat diese zum Beruf gemacht. Wer im OL etwas ­erreichen wolle, verlege den Wohnsitz vorübergehend nach Skandinavien, hält er fest. Der Reichenbacher zog nach Norwegen – und ist geblieben.

Gilgien steht im Sold der Universität Oslo, die Hochschule und den nationalen Skiverband verbindet eine Partnerschaft. In diesem Zusammenhang ist er seit drei Jahren gemeinsam mit einem norwegischen Kollegen für die Leistungsanalyse der Alpinen verantwort­lich. Die beiden unterstützen nicht nur die Speedspezialisten, sondern auch die Techniker um Ausnahmekönner Henrik Kristoffersen.

In den Trainingslagern statten sie die Athleten mit GPS-Sendern aus, nehmen Messungen vor, werten Daten aus; die Wissenschaftler sind sogar im sommerlichen Südamerika-Camp dabei. Was die Frage aufwirft, ob die Ergebnisse den gewaltigen Aufwand rechtfertigen. Gilgien meint schmunzelnd, «wir sind nur ein Mosaiksteinchen. Aber wir fanden Sachen heraus, welche die Trainer zuvor anders gesehen hatten.»

Projekte wie jenes der Norweger gibt es auch in anderen Ländern, Swiss-Ski beispielsweise arbeitet mit der ETH Lausanne zusammen. Es erstaunt nicht, waren die Verbandsverantwortlichen bestrebt, den ausgewanderten Landsmann in die Schweiz zurückzuholen.

Die in Kooperation mit dem Bundesamt für Sport kreierte Offerte sei «reizvoll» gewesen, «ein Familienangebot», sagt Gilgien. Dieses beinhaltete eine Stelle für seine norwegische Partnerin, die im norwegischen Skiverband als Ärztin engagiert ist. Zum Wechsel kam es trotzdem nicht. «Uns gefällt es in Oslo», hält der Vater zweier kleiner Kinder fest.

Nicht für die Schublade

Er schätzt den unkomplizierten Austausch, sagt, die Leistungskultur in diesem Verband sei inspirierend. «Es murrt keiner, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt.» Der momentan verletzte Aksel Svindal und Jansrud hätten so gut wie alles gewonnen, Allüren jedoch seien ihnen fremd. «Wenn wir nach Übersee reisen und viel Material dabei haben, hilft jeder mit, bis das letzte Gepäckstück verfrachtet ist.»

Gilgien ist nicht der einzige Ausländer in der Gruppe. Cheftrainer Christian Mitter hat den österreichischen Pass, Speedtrainer Reto Nydegger lebt in Iseltwald am Brienzersee. «Jeder ist für Neues offen, das Klima ausgezeichnet.»

In der Wissenschaft werde oft für die Schublade gearbeitet. «In unserem Fall bringt die solide Forschung einen konkreten Nutzen», erwidert er auf die Frage, was ihn an der geheimen Mission fasziniere. Wohin der konkrete Nutzen führen kann, war zuletzt im WM-Super-G zu sehen; Jansrud und Kilde belegten die Ränge 2 und 4. Es überraschte nicht, wenn es einem der Genannten gelänge, die Mosaiksteinchen in der samstäglichen Abfahrt zu einem goldenen Ganzen zusammenzufügen.

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