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Ein Berner Skicross-Quartett im Weltcup

Am Sonntag beginnt mit fast zweiwöchiger Verspätung die Weltcupsaison der Skicrosser in Arosa. Unter anderem sind auch die Berner Sanna Lüdi, Priscillia Annen, Ryan Regez und Peter Stähli am Start.

Sanna Lüdi (hinten rechts) wurde in Südkorea Siebte. Foto: EPA
Sanna Lüdi (hinten rechts) wurde in Südkorea Siebte. Foto: EPA

Sanna Lüdi: «Noch ein Vierjahreszyklus»

Die 32-jährige Sanna Lüdi aus Leimiswil debütierte vor zehn Jahren im Weltcup. Foto: Keystone
Die 32-jährige Sanna Lüdi aus Leimiswil debütierte vor zehn Jahren im Weltcup. Foto: Keystone

Sanna Lüdi, der Saisonstart ist mit einem 2. und einem 3. Platz Ende November bei Rennen in Österreich gelungen?

Ja, definitiv. Ich war selber überrascht.

Weshalb?

Ich hatte eine schwierige Vorbereitung. Ich musste im Sommer zuerst Rehabilitation machen, danach wurde ich noch krank. So konnte ich erst im Oktober mit dem Schneetraining beginnen. Am Ende kam ich vor dem ersten Rennen bloss auf dreizehn statt der geplanten dreissig Schneetage.

Was war denn der Grund für die Reha-Phase?

Das ist blöd gelaufen. Ich ging wie immer nach der Saison surfen. Ich hatte jedoch dermassen Schmerzen, dass ich abbrechen musste. Bei einer MRI-Untersuchung zeigte sich, dass ich die Hüfte gebrochen hatte und daraus eine Entzündung entstanden war. Das war mühsam. Ich musste zuerst eine Pause einlegen, bevor ich mit der Physiotherapie beginnen konnte. Den ganzen Sommer sass ich dann fast nur auf dem Rennvelo, weil dies das Einzige war, was ich tun durfte.

Wo haben Sie sich die Verletzung denn zugezogen?

Beim letzten Training an den Olympischen Spielen im Februar war ich zu weit gesprungen und auf einer Kante gelandet. Danach kroch ich am Rennen richtiggehend an den Start.

Und trotzdem erreichten Sie in Südkorea noch den 7. Platz.

Ja, Ski fahren war kein Problem, bloss gehen ging fast nicht. Aber ich habe diese Verletzung nie richtig wahrgenommen und bin nachher die Saison ja noch fertig gefahren.

In zehn Jahren war das Ihre erste ganze Saison.

Genau, ich war erstmals von A bis Z dabei. Das hat richtig Spass gemacht, ich habe meine Ziele erreicht und bin auf dem richtigen Weg. Deshalb habe ich mich auch entschieden, nochmals einen Vierjahreszyklus anzuhängen.

Das heisst, Sie wollen 2022 in Peking nochmals an die Olympischen Spiele. Dann werden Sie 36 Jahre alt sein.

Vielleicht werde ich ja die älteste Skicross-Olympiasiegerin (lacht).

Sind Sie eigentlich im Moment schmerzfrei?

Absolut, ich fühle mich wie ein junges Reh.

Das Alter ist das eine, das andere sind Ihre Verletzungen. Die Liste ist lang, von Kreuzbandrissen über Brüche ist fast alles dabei. Mach Ihnen das keine Angst?

Nein, wie gesagt, ich fühle mich fit. Aber die Liste schaut man sich besser nicht an, was dort steht, ist definitiv nicht gesund. Was das Alter betrifft: Roger Federer spielt auch immer noch, das macht Mut (lacht). Aber natürlich spüre ich, dass ich nicht mehr die Jüngste bin. Während ich nach einem Training aufs Bett liege und ins Komma falle, erledigt meine zehn Jahre jüngere Zimmerkollegin noch tausend Sachen. Ich muss gut auf meinen Körper achten. Sollten sich Beschwerden einstellen, müsste ich clever sein und meine Planung umgehend anpassen und der Gesundheit zuliebe auch mal ein Rennen auslassen.

Vorerst steht der Weltcupauftakt mit dem Heimrennen an. Mit welchen Erwartungen gehen Sie nach den Podestplätzen in Österreich nach Arosa?

Im Piztal hat es sich um ein Europacuprennen gehandelt, der Weltcup ist etwas ganz anderes. Ich nehme mir nie Rangziele vor, ich will einfach Spass haben.

Peter Stähli: Der letzte Anlauf

Der 29-jährige Peter Stähli aus Homberg will noch einmal den Anschluss schaffen. Foto: Keystone

Die Knieoperationen sind überstanden. Kreuzband- und Meniskusriss gehören der Vergangenheit an. Peter Stähli sagt: «Ich bin gesund und fit.» Wie Ryan Regez hat der 29-Jährige aus Homberg bei Thun im vergangenen Winter den Europacup bestritten. Stähli wurde Gesamtzweiter, hinter Regez. «Mein Ziel ist diese Saison, alle Weltcuprennen zu fahren. Einen Fixplatz habe ich jedoch nicht, wie andere muss auch ich mich immer wieder beweisen.»

Stähli blickt der Saison zuversichtlich entgegen, und vor allem ist er froh, dass es nun endlich losgeht. Gestern ist er mit dem Schweizer Team in ein kurzes Vorbereitungscamp nach Davos gereist, bevor es für ihn direkt nach Arosa geht. Dort steht am Sonntag die Qualifikation und am Montag stehen die Finalläufe an. «Wenn man den ganzen Sommer und Herbst trainiert hat, will man schliesslich Rennen fahren», sagt Stähli. Ende November resultierte für ihn bei den beiden Events in Österreich Rang 23 und 21. «Für mich war das okay. Die beiden Rennen waren eher ein Test und eine Standortbestimmung.»

Allzu weit vorausblicken mag Stähli nicht. «Ich schaue von Jahr zu Jahr.» Aber für den Routinier ist klar: «Wenn ich nicht mehr schnell genug bin, höre ich auf. Dann darf ich festhalten, dass ich zehn Jahre dabei war und viele schöne Sachen erlebt habe. Im Moment kann ich aber nicht sagen, ob ich meine Skicross-Karriere im Frühjahr oder erst in vier Jahren beende.» Er weiss, dass nach seiner verletzungsbedingten Pause im Winter 2015/2016 und dem zuletzt erfolgten Aufbau im Europacup ein wohl letzter Anlauf erfolgt, um sich im Weltcup festzusetzen. «Das ist so. Entweder es klappt, und ich verdiene auch etwas Geld, oder es klappt nicht, und ich höre auf. Denn noch einmal eine ganze Saison im Europacup würde ich nicht mehr fahren.»

Doch daran mag der Homberger nicht denken. Er spürt, dass es in den vergangenen zwei Jahren mit ihm wieder aufwärtsgegangen ist, dass noch Topresultate möglich sind. «Aber natürlich bin ich auch realistisch. Wir haben ein sehr starkes und erfolgreiches Team. So dürfte etwa auch eine WM-Teilnahme im Februar für mich zu einer Knacknuss werden.»

Ein Karriereende würde ihn jedenfalls nicht unvorbereitet treffen. Bereits hat er ein Studium als Wirtschaftsingenieur in Angriff genommen. Aber vorerst ist er bis März wieder als Profi unterwegs. Die Arbeit bei der Maschinenbaufirma in Thun, bei der er schon die Lehre absolviert hatte, hat er ausgesetzt. Sein Fokus gilt jetzt den Rennen. (pbt)

Ryan Regez: Der schräge Vogel

Der 25-jährige Ryan Regez aus Wengen dominierte 2017/2018 den Europacup. Foto: Keystone

Ryan Regez ist anders. «Ich passe in kein Raster», sagt der 25-Jährige aus Wengen und gibt zu: «Ich bin extrovertiert.» Das zeigt sich schon auf seinem Instagram-Account. Gleiche mehrere Nacktbilder – von hinten abgebildet – hat der Berner Oberländer hochgeladen. «Nein, ich bin kein Nacktwanderer. Alles hat mit einer Idee der Teamkollegen begonnen, als wir ein Bubenfoto mit nackten Hintern machten», erzählt Regez lachend. Sprüche hat ihm das schon viele eingebracht. Doch die ist sich der 192 Zentimeter grosse und 96 Kilo schwere Modellathlet gewohnt. Er ist seit eineinhalb Jahren Veganer. «Ich werde immer wieder gefragt, wie man mit einer solchen Ernährung muskulös sein könne. Das ist eine völlig veraltete Denkweise. Aber solche Sachen sind für mich nicht neu. Schon als ich vor rund vier Jahren aufhörte, Alkohol zu trinken, musste ich mir Sprüche anhören.»

Sportlich haben ihm die Umstellungen nicht geschadet. Nach überstandenem Kreuzbandriss dominierte Regez in der vergangenen Saison den Europacup nach Belieben. Sechs Rennen hat er gewonnen. Schon zwei Wettkämpfe vor Schluss stand er wie bereits 2016 als Gesamtsieger fest. Damit sicherte er sich einen Startplatz im Weltcup. Schon in der Saison 2016/2017 war er in der höchsten Kategorie gestartet, bis ihn ein Kreuzbandriss bremste. «Das war eine lehrreiche Saison gewesen. Ich hatte mit den Rängen 9, 12 und 15 durchaus zufriedenstellende Resultate. Aber insgesamt beging ich zu viele Fahrfehler und hatte meine Nerven nicht immer im Griff», blickt der Berner Oberländer, der noch als Hochbauzeichner in Unterseen arbeitet, zurück.

Jetzt will er sich im Weltcup etablieren. «Wir haben allerdings ein brutal starkes Team. Ich bin jedoch einer der Jüngeren und habe noch etwas Zeit. Wichtig ist, dass ich mich nicht verletze. Meine Risikobereitschaft werde ich deswegen aber nicht ablegen», ergänzt der Draufgänger. Im Skicross-Team gilt Regez als der schräge Vogel. «Das stimmt, vor allem meine Zimmerkollegen können das bestätigen. Ich schnarche, und ich schlafe nackt», gesteht er lachend. (pbt)

Priscillia Annen: Auf dem Weg zurück

Die 26-jährige Priscillia Annen aus Lauenen startete an den Olympischen Spielen. Foto: Keystone

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen im vergangenen Februar mit dem 26. Rang war für Priscillia Annen ein Highlight. «Das war ein sehr eindrückliches und cooles Erlebnis», blickt die 26-Jährige aus Lauenen auf Südkorea zurück.

Dass sie in Pyeongchang dabei sein konnte, war nach einem Beckenbruch, einem Fersenbruch und zwei Kreuzbandrissen überhaupt nicht selbstverständlich. «Die Verletzungen waren im vergangenen Jahr immer noch im Hinterkopf», erzählt Annen. «Ich hoffe, dass die Blessuren nun ein Ende haben. Denn eine vollständige Genesung und vor allem die Rückkehr auf das vorherige Niveau benötigen immer viel Zeit und Geduld. Ich bekundete entsprechend Mühe, den Anschluss an die Spitze wiederherzustellen.»

Das ist nun anders. Ende November fuhr sie in den beiden Rennen in Pitztal auf die Ränge 4 und 5. Annen war dabei jeweils hinter Sanna Lüdi und Fanny Smith die drittbeste Schweizerin. «Es waren zwar bloss ein Europacup- und ein nationales Rennen, aber es waren viele Weltcupfahrerinnen am Start. Deshalb bin ich wirklich sehr zufrieden», sagt Annen. Der verletzungsfreie Sommer sowie der Formaufbau ohne Zwischenfälle im Herbst hätten ihr wieder Sicherheit und Selbstvertrauen gegeben. «Das Gefühl ist sehr gut, ich bin für den Weltcupstart ­bereit.»

Dass sie von Swiss-Ski für diese Saison aus dem A- ins B-Kader zurückgestuft worden ist, hat bisher keine Auswirkungen. «Ich trainiere nach wie vor mit dem Weltcupteam.» Annens Ziel ist die WM-Teilnahme im Februar in Park City in den USA. «Und ich möchte leistungsmässig wieder dorthin zurückzukommen, wo ich vor den Verletzungen war.» Damals hatte sie im Januar 2015 mit dem 8. Rang in Val Thorens auch ihr bisher letztes Top-Ten-Resultat im Weltcup realisiert. Bereits zwei Jahre zuvor in Megève war sie einmal Achte geworden. Annen weiss, dass wieder einmal ein Exploit fällig ist. «Aber im Skicross kann immer viel passieren. Alle sind sich bewusst, dass in unserer Sportart Glück und Pech nahe beieinanderliegen.» (pbt)

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