Zum Hauptinhalt springen

Ein bisschen Genuss

Weil Ilka Stuhec am Samstag den Slalom in Aspen nicht bestreitet, steht Mikaela Shiffrin als Gesamtweltcupsiegerin fest. Die 22-jährige Amerikanerin tanzt ebenso geschmeidig wie sicher durch die Tore.

Mit 22 auf dem Gipfel: Mikaela Shiffrin hat Grund zum Feiern.
Mit 22 auf dem Gipfel: Mikaela Shiffrin hat Grund zum Feiern.
Keystone

Die Kür läuft nahezu perfekt. Mikaela Shiffrin brilliert, wenn sie nicht gerade pausiert. Die Amerikanerin konnte es sich beispielsweise leisten, der Olympiahauptprobe in Südkorea als Beobachterin beizuwohnen, sich auf die Besichtigung des Geländes zu beschränken.

Seit dem 10. Februar, als Lara Gut an der WM in St. Moritz beim Einfahren vor dem Kombinationsslalom stürzte, dabei einen Kreuzbandriss erlitt, ist der Gesamtweltcup praktisch entschieden. Weil die Slowenin Ilka Stuhec verkündete, am Samstag auf die Teilnahme am Slalom von Aspen zu verzichten, ist auch rechnerisch alles klar.

«Ich hatte mich wirklich auf den Kampf mit Lara gefreut, für sie tut es mir sehr leid», liess die Amerikanerin unlängst verlauten. Und hob die positive Folge der Konstellation heraus: «Nun kann ich den Weltcupfinal ein bisschen geniessen.»

Die Einschränkung («ein bisschen») mag erstaunen, deutet jedoch auf die Gedanken hin, welche die neue Skikönigin beschäftigen, zuweilen wohl auch quälen. So schön es ist, permanent an der Sonne zu stehen: Ganz geheuer ist ihr die Slalom­dominanz nicht. Mit jedem Sieg wachse die Angst, nicht mehr gewinnen zu können, hielt sie vor Wochenfrist in Squaw Valley fest.

Rund 20'000 Zuschauer wurden an den Rennen in der kalifornischen Skistation registriert. Shiffrin reüssierte in Riesenslalom und Slalom – ähnlich souverän und abgeklärt, wie sie 2015 zu Hause in Beaver Creek Weltmeisterin geworden war. Wobei die Versagensängste mehr mit der eigenen Erwartungshaltung als mit jener der Zuschauer zu tun haben dürften.

Wachsame Mutter

Ende Oktober in Sölden plauderte Shiffrin, mit einem Holzfällerhemd bekleidet, vor einem künstlichen Kaminfeuer sitzend, locker über ihren Status in der Heimat, sagte, sie sei ein «Average Joe», wie Otto Normalverbraucher in den USA genannt wird. In grossen Teilen des Landes wisse «kein Mensch», wer sie sei und was sie mache.

Genüsslich erzählte sie eine Episode von Bode Miller, welcher sich in seinen besten Zeiten ein T-Shirt mit der Aufschrift «In Europa bin ich berühmt» habe anfertigen lassen und damit unerkannt durch New York geschlendert sei.

Shiffrin lässt sich als Projekt ambitionierter Eltern bezeichnen, Kindheit und Jugend waren mehr oder weniger kanalisiert. Ihr Vater Jeff ist Anästhesist; es ging daher nie um existenzielle Fragen wie beispielsweise bei Janica Kostelic. Entsprechend ist der Körper nie übermässig belastet, der Sieg nie um jeden Preis angestrebt worden.

Mutter Eileen wacht als Teil des Betreuerstabs über ihre Tochter; sie würde einschreiten, sollte ein übereifriger Trainer den Motor überdrehen und die Athletin Gefahr laufen, ihre fast spielerische Leichtigkeit zwischen den Toren zu verlieren. Der seit letztem Montag 22-Jährigen behagt diese Situation.

Sie geht generell ihren eigenen Weg, will mit sportlichen Argumenten und ihrer Persönlichkeit punkten. Das wird deutlich, wenn sie mit Fragen konfrontiert wird, die sie nicht mag: Fragen zum Vergleich mit Lindsey Vonn.

27 Siege Vorsprung

Letztere ist in den USA dank der Kombination aus Erfolg, extrovertiertem Wesen und mitunter dramatischem Privatleben über sportaffine Kreise hinaus populär. Sie orientiert sich an Rekorden, was sehr vielen Landsleuten per se gefällt. Shiffrin hingegen winkt ab, wenn der Superlativ ins Spiel kommt.

Nur einmal, nachdem sie in Sotschi Slalomolympiasiegerin geworden war, spielten ihr die Emotionen einen Streich. «Ich träume davon, 2018 in Südkorea fünf Goldmedaillen zu gewinnen», hielt sie damals fest. Ein paar Tage später ruderte sie zurück. In dieser Saison versuchte sie sich ansatzweise als Allrounderin, registrierte jedoch bereits im Dezember, dass sie weder physisch noch mental bereit ist, das ganze Programm abzuspulen.

Trotzdem: Bleibt sie gesund, wird sie sich den Rekordfragen dereinst stellen müssen. Der Bestwert von Ingemar Stenmark liegt bei 86 Weltcupsiegen. Lindsey Vonn hält bei 77 Erfolgen, Shiffrin bei 31. Als Vonn ihren 22. Geburtstag feierte, hatte sie 4 Siege auf dem Konto. Rechnen erübrigt sich.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch