«Ich habe es im Fuss, ich habe es im Kopf»

Lara Gut sagt vor den Olympischen Spielen, wieso eine Verletzung sie stoppen musste und Medaillen kein angemessener Lohn sind.

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Nach Ihrer Verletzung sagten Sie: «Ich habe sie gebraucht, um eine Pause zu kriegen.» Wieso konnten Sie sich diese nicht selber verschaffen?
Ich lernte in meinem Leben als Athletin: Selbst wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr kann, geht es eben doch noch irgendwie. Es ist immer noch etwas Kraft vorhanden. Wir sind vielleicht nicht gleich Maschinen. Aber dieses ­Leben haben wir, habe ich so tief verinnerlicht, derart automatisiert, dass ich zum Beispiel nicht bewusst steuern kann, schnell zu fahren. Es ist das Unbewusste, das das ermöglicht.

Diese verinnerlichten Automatismen übertölpeln Sie?
Vielleicht sagt der Kopf: Ich kann jetzt nicht mehr! Dann kommt der Moment – zack! –, und der Fuss hats doch gemacht.

Trotzdem müssen Sie doch spüren, wenn Körper und Kopf an eine Grenze stossen.
Mit solchen Erlebnissen im Hinterkopf ist es sehr schwierig zu sagen: Jetzt ­mache ich eine Pause. Es käme sofort der Gedanke: Was wäre gewesen, wenn es doch wieder gegangen wäre? Wenn ich doch wieder schnell gewesen wäre? Damit zu leben, wäre unglaublich schwer für mich. Aber das gehört zum Risiko einer Athletin. Wir wollen die Grenzen kennen lernen. Oft realisieren wir, dass diese viel, viel weiter weg liegen, als wir selber je gedacht hätten. Ich trainiere ­jeden Tag hart für die zwei Minuten auf der Strecke. Soll ich auf diese verzichten? Nein! Vielleicht gehts ja doch.

Was wird schneller müde: Kopf oder Körper?
Der Kopf. Der Körper macht lange mit.

Video: Lara Gut gewinnt in Cortina d'Ampezzo

Die Schweizerin kämpft sich zurück an die Spitze. Video: SRF

Sie verwendeten den Begriff ­Burn-out. Wie nahe an einem ­solchen waren Sie vor dem Sturz?
Ich weiss es nicht, ich weiss auch nicht genau, wann wirklich von einem Burn-out gesprochen wird. Ich weiss nur, dass ich schon im Sommer 2016 nach dem Gewinn des Gesamtweltcups komplett leer war im Kopf. Anna Veith und Tina Maze, mit denen ich während jenem Winter geredet hatte, hatten mich vorgewarnt. Sie sagten, dass es ein schwieriger Sommer werden würde, dass ich mir Zeit nehmen müsste, dass spezielle, ungewohnte ­Gefühle aufkommen würden. Und ja: Ich war leer. Ich war nicht mehr so wie davor. Ich merkte, dass etwas nicht stimmt, aber was, das wusste ich nicht.

Nun haben Sie Momente der Ruhe kennen gelernt, sich mit Freunden getroffen, sind gereist, haben ­Energie getankt, wie Sie sagen. Konnten Sie diese Energie für den Winter konservieren?
Es geht darum, dieses Gefühl vom Sommer weiterzuentwickeln. Zu wissen, was mich früher gut machte auf der Piste, was mir davor fehlte, was mich störte. Und ich versuche nun, das zu ändern.

Wie?
Ich nehme mir auch einmal drei Tage Zeit für mich, vor Weihnachten, über Neujahr. Ich spüre, dass mir das enorm gut tut. Aber derzeit stehe ich auch sehr gerne auf den Ski, weil mir die sechs ­Monate fehlen, in denen ich verletzt war.

Was machen Sie in der Ruhe?
Ich atme. (hält inne) Und ich lese.

Atmen Sie bewusst?
Ich meditiere.

«Du nimmst dir die Zeit nicht mehr, dich zu fragen: ­Warum machst du das alles überhaupt? Jetzt weiss ich wieder, warum.»

Können Sie so Energie gewinnen?
Absolut. Ich befinde mich zwar wieder in diesem Kreislauf, in dem ich jeden Tag versuche, besser zu werden. Aber manchmal ist es viel gescheiter, drei Tage lang nichts zu tun, nicht darüber zu reden, nicht daran zu denken. Das habe ich gelernt.

Fällt es Ihnen schwer, abzuschalten?
Manchmal sehr. Oft träume ich in der Nacht von meinen Fahrten im Riesen­slalom, in dem es mir noch nicht rund läuft. Gleich nach dem Aufstehen ver­suche ich dann, die Gedanken zu vertreiben. Ich kriege es meist hin, dass sie nicht wiederkommen.

Sie stehen derzeit gerne auf den Ski. Hatten Sie davor die Lust verloren?
So schlimm war es nicht. Es ging einfach alles sehr schnell, mir war alles viel zu viel. Ich rannte und rannte und hatte das Gefühl, ich könne nicht mehr atmen. Du tust und tust und tust – und nimmst dir die Zeit nicht mehr, dich zu fragen: ­Warum machst du das alles überhaupt? Jetzt weiss ich wieder, warum.

Warum?
Weil ich es liebe.

Haben Sie mehr Glücksgefühle auf der Piste als vor der Verletzung?
Es geht immer noch um dasselbe. Wenn der Schwung passt, wenn ich das Gefühl habe: Genau so hatte ich das im Kopf, ­genau so hatte ich mir das erträumt, wenn ich einen Schritt vorwärtsmache, nachdem es viele Tage lang nicht ging, dann sind das sehr schöne Momente.

Hat für Sie das Skifahren heute eine andere, eine grössere Bedeutung?
Es ist mittlerweile wieder natürlich. Ich bin in der Routine einer Athletin. Aber es ist mir viel bewusster, dass ich unheim­liche Freude an dem habe, was ich tue.

Video: Februar 2017 – Der Sturz

Beim Trainig für den Kombi-Slalom verletzt sich Lara Gut am Knie. Video: TA/SRF

Schritte vorwärts zu machen als Skifahrerin: Sind das die schönsten Momente in Ihrem Leben?
Ich habe gelernt, dass es nicht nur das Skifahren gibt, das mich glücklich machen kann. Aber wenn ich mich überwinden kann, wieder mutig werde, dann zeigt mir das: Es ist doch möglich!

Aber die Rückkehr benötigt Zeit.
Ja, zu Beginn war das nicht einfach. Sobald ich versuchte, ans Limit zu gehen, kamen Kleinigkeiten zum Vorschein, die mir fehlten. Es ist ziemlich einfach, wieder bei 90 Prozent der Form zu sein, aber die fehlenden 10 Prozent entscheiden darüber, ob ich 15. werde oder siege.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie 15. werden?
Liegt es vielleicht am Knie? Aber dann muss ich mir sagen, dass es solche Resultate auch in dem Winter gab, in dem ich den Gesamtweltcup gewann, Rennen, in denen nichts ging. Es ist mir viel klarer, dass es einfach schlechte Tage gibt, es braucht sie sogar, um besser zu werden. Deshalb brauche ich mir nicht den Kopf zu zerbrechen. Ich weiss, dass ich die nötigen Instrumente habe, ich habe es im Fuss, ich habe es im Kopf.

Hatten Sie früher mehr Mühe, schlechte Resultate zu akzeptieren?
Ich war brutal genervt, weil ich wusste, dass ichs ja eigentlich kann. Jetzt weiss ich das auch, aber ich befinde mich in einem Prozess. Um schneller zu werden, muss ich auch durch miese Tage.

«Dank – oder wegen – der Verletzung bin ich als ­Person stabiler, ich spüre mich besser.»

Sind Sie auf der Suche nach dem oft genannten Grundgefühl auf den Ski?
Nein, das trage ich in mir, den Instinkt. Ich war schon oft weit unten und habe mich jedes Mal selber herausgeholt. Ich weiss, dass ich das Grundgefühl nicht zu suchen brauche. Tief in mir drin weiss ich, dass alles wieder gut kommt.

Sind Sie geduldig?
Ich merke im Kraftraum, dass die Gewichte leichter werden. Solange das so ist, ist es einfacher für mich. Dank – oder wegen – der Verletzung bin ich als ­Person stabiler, ich spüre mich besser. Das Faszinierende an meinem Job ist die tägliche Suche, die tägliche Arbeit an ­jedem ­Detail, bis das Bild passt.

Wie viele Teile fehlen noch zum perfekten Bild?
Das Bild ist nie perfekt. Beim Skifahren sind so viele Faktoren entscheidend. Morgen ist das, was heute perfekt war, nicht mehr gut, weil der Schnee anders ist. Vielleicht kann ich einen engeren ­Radius fahren, etwas am Ski ausprobieren, am Schuh, versuchen, drei Sekunden länger in der Hocke zu bleiben. Es ist ein ewiges Schaffen.

«Wenn ich in den zwei Minuten alles perfekt treffe, dann vergesse ich all die Monate, all die Jahre der harten Arbeit, all die Kritik.»

Sie rennen etwas hinterher, das Sie nie erreichen können. Das klingt nach Mühsal.
Ich denke nicht so: Das fehlt, das fehlt, das fehlt. Ich weiss, ich habe eine gute Basis, kann von da aus weiterschreiten. Und: Gewinne ich, kann mir diesen Sieg keiner mehr nehmen. Ich kann darauf aufbauen. Läuft es nicht, weiss ich, dass ich es einmal ganz gut konnte.

Ein Sieg, eine Kugel, eine Medaille, ist das ein angemessener Lohn?
Nein, der Lohn ist eine gute Fahrt. Wenn ich in den zwei Minuten alles perfekt treffe, dann vergesse ich all die Monate, all die Jahre der harten Arbeit, all die Kritik, alles, was ich in meiner Karriere verdauen musste.

Aber Sie werden wie jetzt bei ­Olympia an Medaillen gemessen. Eine solche bedeutet Ihnen nichts?
Natürlich bedeutet sie mir etwas. Aber eine Medaille ist nur der Lohn für eine Rangierung, die ich letztlich nicht beeinflussen kann. Ich kann alles geben und so schnell wie möglich ins Ziel kommen. ­Alles andere liegt nicht in meiner Macht.


Video: «Lara Gut ist immer gut»

Wir haben uns auf der Strasse umgehört, wer sich für die Ski-WM interessiert und unsere Stars noch kennt. (7.2.2017) Video: TA (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 23:10 Uhr

Morgen Filmpremiere

«Laras Lauf» dauerte etwas länger

Der 10. Februar 2017 stellte nicht nur Lara Guts Leben und Pläne auf den Kopf, es machte auch das Konzept zunichte, das sich Filmemacher Niccolò Castelli zurechtgelegt hatte. In «Laras Lauf» wollte der Tessiner den Weg der Skirennfahrerin vom Sieg im ­Gesamtweltcup 2016 bis zur Heim-WM 2017 in St. Moritz dokumentieren. Dann kam Guts zweiter Renntag an der Weltmeisterschaft, dieses Training vor dem Kombinationsslalom – und der Sturz, bei dem sich die Tessinerin einen Kreuzbandriss und eine Meniskus­verletzung zuzog.

Castelli, der Gut kennen lernte, als er vor zehn Jahren am Drehbuch zum Spielfilm «Tutti giù – Im freien Fall» schrieb, in dem Gut letztlich eine junge Skifahrerin und damit eine der Hauptrollen spielte, änderte sein ursprüngliches ­Vorhaben. Er begleitete Gut auch bei deren Rückkehr mit der Kamera. Morgen Mittwoch hat «Laras Lauf» Premiere auf SRF 1 (22.55 Uhr). Der Film dauert eine Stunde. Eine doppelt so lange Version kommt noch in diesem Jahr in die Kinos. (rha)

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