Ihr droht Sperre, wenn sie nicht bei Rossignol unterschreibt

Die österreichische Skifahrerin Katharina Liensberger sorgt mit einem Markenwechsel für ein kleines Erdbeben.

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Philipp Rindlisbacher

Es geht um eine Firma, die Ski herstellt, aber keine Schuhe. Es geht um eine junge Frau, die stur ist, aber schlecht beraten. Es geht um einen Verband, der helfen möchte, aber nicht nachgeben kann.

Katharina Liensberger, Skifahrerin aus Österreich, hat mit ihrem Markenwechsel von Rossignol zu Kästle für ein kleines Erdbeben gesorgt in der Szene. Der Wechsel im Frühling erstaunte, war es der WM-Zweiten im Teambewerb und Gesamt-12. im Weltcup doch mehr als ansprechend gelaufen.

Die Vorarlberger Firma aber wollte mit der Vorarlberger Rennläuferin nach 22-jähriger Absenz wieder zurück auf die grosse Bühne, das Angebot war dementsprechend lukrativ. Wobei Geld alleine nicht glücklich macht – es muss einem auch gehören.

Die naive Haltung

Dass Liensberger an die Honigtöpfe gelangen wird, erscheint unwahrscheinlich. Aber alles der Reihe nach: Seit diesem Jahr gehört Kästle wie rund 300 andere Firmen zum Austria Ski Pool. Nur Mitglieder dieses Vereins dürfen Athleten des österreichischen Skiverbandes (ÖSV) ausrüsten.

Grosse Nationen haben solch einen Pool, die Aufnahme hat ihren Preis. Die Schweizer Skimarke Stöckli etwa gehört jenem des ÖSV nicht an. Ski, Schuhe, Bindung, Stöcke, Helm, Brille, Handschuhe – alle Utensilien müssen von einem Pool-Mitglied stammen. Ohne gültige Ausrüstungsverträge kriegen die Athleten keine Lizenz.

Im Kontrakt zwischen Liensberger und Kästle steht, dass der Sportlerin Ski und Schuhe zur Verfügung gestellt werden. Dumm nur, produziert Kästle gar kein Schuhwerk. Die Verantwortlichen hatten beim ÖSV nachgefragt, ob sie bei einem Pool-Mitglied Schuhe kaufen können. Dies wurde mit ja beantwortet, samt Zusatz, man müsse mit den Firmen sprechen.

Geplant war, dass Liensberger mit einem Schuh der Firma Lange fahren würde. Lange aber gehört zum Rossignol-Konzern.

Kästle bezog das «Sprechen» auf den blossen Kauf der Produkte, nicht auf einen Vertragsabschluss. Es spricht weder fürs Unternehmen noch für Liensberger, kannten sie die seit Jahrzehnten gängigen Regeln nicht. Geplant war, dass Liensberger mit einem Schuh der Firma Lange fahren würde. Lange aber gehört zum Rossignol-Konzern. Welcher – brüskiert vom Abgang des Talents – den Deal nicht akzeptierte.

Das Ultimatum

Kästle hat es versäumt, Kooperationen aufzubauen mit Herstellern von Schuhen und Bindungen. So wie es Stöckli, ebenfalls kein Schuhproduzent, getan hat. Offenbar fällt es Kästle schwer, Verbündete zu finden, weil mit dem Vorpreschen die Konkurrenz brüskiert und gegen ein Gentlemen`s Agreement verstossen wurde. Ein Neuling im Skipool soll zu Beginn ausschliesslich Nachwuchsathleten ausrüsten. Es überrascht denn auch nicht, wurde Kästle vom Austria Ski Pool auf 2021 hin bereits wieder gekündigt.

Die Macht des Pools, sie ist riesig. Fahrer und Fabrikanten würden dadurch geschützt, weil mit den Regeln und Verträgen Qualität und Planungssicherheit für beide Seiten garantiert sei, heisst es. Vergleiche Fälle wie die Causa Liensberger hat es nie gegeben, Lara Gut-Behrami war 2010 einst für zwei Rennen gesperrt worden, weil sie an offiziellen Swiss-Ski-Anlässen Kleider eines Ausrüsters trug, der nicht dem Skipool angehörte.

Einigen sich die Partien nichtbis in acht Tagen, wirdLiensberger gesperrt –für den ganzen Winter.

Der ÖSV hat mehrmals eingelenkt. Die eigentliche Frist verstrich bereits vor drei Monaten, bereits dannzumal hätte Liensberger von Verbandstrainings ausgeschlossen werden können. ÖSV-Vertreter glätteten die Wogen bei Rossignol, sorgten dafür, dass die Franzosen Liensberger wieder aufnehmen wollen. Ihr Status aber wäre kaum mehr derselbe.

Und: Rossignol offeriert keinen Einjahres-, sondern will einen Zweijahresvertrag. Diesen aber mag die Slalom- und Riesenslalomfahrerin partout nicht unterzeichnen, weshalb sie vor drei Wochen in Sölden nicht starten durfte.

Eine Alternative gibt es nicht, das Transferfenster ist längst zu. Einigen sich die Partien nicht bis in acht Tagen, wird Liensberger gesperrt – für den ganzen Winter. Szenekenner meinen, die 22-Jährige habe schlechte Einflüsterer, einige halten einen Nationenwechsel für möglich, andere schliessen nicht einmal aus, dass die Athletin den juristischen Weg bestreiten werde. Affaire à suivre.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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