Klack, und Murisiers Kampf geht von vorne los

Diesen Winter hätte es für Justin Murisier klappen sollen mit dem ersten Podestplatz. Stattdessen arbeitet er wieder einmal an seiner Rückkehr.

Tief hängender Nebel und ein viel zu fragiles rechtes Knie: Für Justin Murisier kein Grund, um Trübsal zu blasen. Foto: Pedro Rodrigues

Tief hängender Nebel und ein viel zu fragiles rechtes Knie: Für Justin Murisier kein Grund, um Trübsal zu blasen. Foto: Pedro Rodrigues

René Hauri@tagesanzeiger

Das Unterwallis lädt so wunderbar ein zur Melancholie an ­diesem Dienstagvormittag. Der ­Nebel hängt über den Wäldern des 4 Vallées, der Schnee hat die Baumwipfel über Nacht gepudert. Ziegen grasen an einem fast senkrecht abfallenden Hang, nur ihre kleinen Glocken durchdringen die Stille. Justin Murisier lehnt an einen hölzernen Zaun, sein Blick geht rüber nach Verbier, nebenan stehen zwei Bauern vor einem Stall, in der Hand je eine Flasche Wein. 11 Uhr hat die kleine Kirche im Dorf Bruson gerade geschlagen. Murisier sagt: «Es ist kaum ihre erste Flasche.»

Es herrscht eine Stimmung, wie sie nur im Herbst und vielleicht auch nur hier herrschen kann. Und die Situation, in der Murisier, dieses riesige Skitalent, steckt, könnte ihn durchaus dazu verleiten, in dieselbe Melancholie ­zu verfallen.

Der 26-Jährige ist verletzt. Das mag zum Leben eines Skirennfahrers gehören. Nur meint es das Schicksal mit ihm besonders schlecht. Bei einem Sturz Ende August im Training in Neuseeland ist das Kreuzband im rechten Knie gerissen – zum dritten Mal. Schon 2011 verpasste er ­eine ganze Saison, kämpfte sich zurück, trainierte wieder auf Schnee, vier Tage nur, dann riss das Band erneut. Nun verpasst er zum dritten Mal einen Winter.

Er wohnt im Kuhstall

Murisier sitzt am Holztisch in seiner Wohnung, es ist ein schmuck umgebauter Kuhstall, in dem er mit seiner langjährigen Freundin lebt. Er sagt: «Damals war das wirklich schlimm. Aber die jetzige Verletzung ist schon fast normal: ein Sturz und klack.» Kann passieren. Und immerhin, sagt Murisier noch, habe sein Knie diesmal ja sechs Jahre gehalten – die Operation 2015 am Meniskus ausgenommen.

Er meint es so, wie er es sagt. Murisier ist so wenig sarkastisch wie melancholisch. Kämpft er sich halt zurück, was solls. Seit zwei Wochen kann er immerhin wieder Auto fahren, ist nicht mehr abhängig von seinen Eltern, die ein Dorf weiter wohnen. Auf die Motocross-Maschine aber, seine zweite Leidenschaft, lassen ihn die Ärzte noch nicht.

Im Sommer fährt er oft zusammen mit Freunden auf der Piste unten in Le Châble. Er tat das lange auch mit Marc Ristori, einem Supercross-Fahrer. Bis dieser stürzte und seither von der Hüfte abwärts gelähmt ist. «Und ich soll weinen wegen meines kleinen Kreuzbandrisses? Nein, so bin ich nicht.»

Die linke Sehne flickt das rechte Knie

Murisier hat den Blick auf die Aussenwelt nicht verloren, wie es so vielen Spitzensportlern passiert. Er weiss, dass sich die Erde auch jetzt weiterdreht. ­Heute Morgen reiste er für eine Woche nach Nepal. Einer seiner Sponsoren unterstützt dort Schulen, Murisiers gepackter Koffer steht neben der Eingangstür, viele Kinderkleider hat er ­hineingestopft. Vielleicht, glaubt er, haben ihm die Zwangspausen dabei geholfen, auch das grosse Ganze zu sehen. Wenigstens ­etwas Positives also hatten sie.

Doch sonst? Wo wäre dieser Justin Murisier heute nur, hätte sein fragiles Knie gehalten? Würden die Knochen in den Knien der Murisiers nicht so eng beieinanderliegen, dass das Band kaum Platz findet dazwischen? Seiner Mutter riss es schon, seiner älteren Schwester und seinem älteren Bruder zweimal. Bei Justin haben sie nun die Patellasehne aus dem linken Knie geholt, um das rechte wieder zu flicken – ihm gehen die Ersatzteile aus.

Die Jahre fehlen noch immer

Ja: Wo stünde er heute? Murisier atmet tief durch, «daran denke ich manchmal, versuche aber, das weit von mir zu schieben. Ich wäre sicher schon ein paar Mal aufs Podest gefahren. Vielleicht auch nicht.» Allzu verrückt will er sich dann doch nicht machen. Doch der Trainer muss erst ­gefunden werden, der etwas ­anderes behauptet. Von Murisier schwärmten sie schon in jungen Jahren. 2010 mit 18 wurde er im Weltcup-Slalom von Val-d’Isère Achter, im gleichen Winter holte er an der Junioren-WM in Crans-Montana drei Medaillen.

Dann begann die Krux mit dem Kreuzband, seither hinkt er der Konkurrenz hinterher. Er merke noch heute, dass ihm die Jahre fehlten. «Ich sehe einen Hirscher, einen Pinturault, die während des Rennens überlegen können, ob sie Vollgas geben oder aufpassen müssen. Ich kann das nicht, mir fehlt die Erfahrung. Ich kann nur Vollgas geben. Geht es auf, bin ich schnell. Sonst kommt der Fehler.» Aufgegangen ist es Murisier, der sich mittlerweile auf den Riesenslalom beschränkt, doch einige Male. Zehn Top-10-Plätze hat er, und im letzten Winter verpasste er in Alta Badia als Vierter nur knapp das Podest.

Nun hätte der Schritt unter die ersten drei folgen sollen, im Sommer hatte er erstmals keine Schmerzen, «nicht im Rücken, nicht im Knie». Stattdessen ­bewegt er sich wieder einmal zwischen Kraftraum und Sofa. Und nimmt erneut Anlauf, um der Skiwelt endlich zu zeigen, wie gut er doch eigentlich ist.

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