Noch mehr Russen-Doping? Nun geraten die Biathleten ins Visier

Der Weltverband soll positive Proben russischer Athleten ignoriert haben – allenfalls gegen Geld. Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon.

hero image
Christian Brüngger@tagesanzeiger

Es braucht wieder einmal den berühmtesten Doping-Whistleblower unserer Zeit: Grigori Rodtschenkow. Dank des früheren Leiters des Anti-Doping-Labors von Moskau flog der systematische Betrug von Russland rund um die Heim-Winterspiele von 2014 auf. Nun lieferte Rodtschenkow, der sich nach seiner Entlassung aus Angst um sein Leben in die USA abgesetzt hat, die nächsten Informationen für einen Dopingskandal. Verwickelt sind abermals russische Athleten und (Sport-)Politiker, aber auch Spitzenfunktionäre der Internationalen Biathlon-Union (IBU).

Laut Rodtschenkow wurde der IBU-Präsident, der Norweger Anders Besseberg, mit einem Koffer voller Dollars bedacht – damit er und sein Team zahlreiche auffällige Proben russischer Biathleten ignorierten. Bis 2017, also weit nach dem Auffliegen des russischen Grossbetrugs, haben Teile des russischen Sports laut Rodtschenkow dreist weitermanipuliert.

65 auffällige Proben

Konkret soll die IBU 65 auffälligen Proben nicht nachgegangen sein. Dabei soll es sich auch um Kontrollen von 17 jener 22 Russen handeln, die in der abgelaufenen Saison im Weltcup oder im zweitklassigen IBU-Cup starteten. 300'000 Dollar sollen Besseberg zugeschoben oder zumindest versprochen worden sein.

Diese Verdachtsmomente bestätigte gestern die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien. Sie ermittelt, weil die IBU in Salzburg beheimatet ist. Die entscheidende Datengrundlage erhielt sie von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Diese stützt sich auf Informationen von Rodtschenkow und einem zweiten Insider. Anhand der Whistleblower-Aussagen nahm die Rechercheeinheit der Wada ihre Arbeit auf und erstellte einen Bericht. Ende 2017 zirkulierte er intern. Nun machte ihn «Le Monde» in Auszügen publik.

Razzia am Verbandshauptsitz

Laut Wada hat die IBU alles unternommen, um diese Recherchen zu behindern. Davon will IBU-Präsident Besseberg nichts wissen. Gegenüber norwegischen Medien sagte er darüber hinaus, er sei zwar verhört worden. Auch habe die Polizei sein österreichisches Handy und seinen Computer in seinem Haus beschlagnahmt. Von einer Verschwörung könne aber keine Rede sein. Weder habe er jemals Geld erhalten, noch habe er sich in Anti-Doping-Angelegenheiten eingemischt.

Zeitgleich durchsuchten am Dienstag österreichische Beamte den Hauptsitz der IBU. Sie interessierten sich vor allem für die Geräte von Generalsekretärin Nicole Resch. Diese ist mittlerweile suspendiert. Besseberg wiederum hatte schon länger angekündigt, sein Amt abzugeben. Im September folgt die Wahl seines Nachfolgers.

Obschon sich der Skandal erst anbahnt und viele Informationen noch verifiziert werden müssen, steht eines fest: Kronzeuge Grigori Rodtschenkow bekam alle seine spektakulären Aussagen der letzten Jahre nach Überprüfungen bestätigt. Er ist ein glaubwürdiger Zeuge.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt