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Martina Kocher: «Ohne deutsche Hilfe ginge es nicht»

Gold im Sprint, Silber im Einzelbewerb – die Bernerin Martina Kocher ist an der Weltmeisterschaft der Rennrodler am Königsee über sich hinausgewachsen. Sie spricht über ihren Alleingang und den möglichen Rücktritt.

Weltenbummlerin daheim in Bern: Martina Kocher schlittelt derzeit auf der Erfolgswelle.
Weltenbummlerin daheim in Bern: Martina Kocher schlittelt derzeit auf der Erfolgswelle.
Keystone
Kaum zu fassen: Rodlerin Martina Kocher posiert mit WM-Gold.
Kaum zu fassen: Rodlerin Martina Kocher posiert mit WM-Gold.
Keystone
Martina Kocher 2013 beim Fotoshooting im Berner Rosengarten.
Martina Kocher 2013 beim Fotoshooting im Berner Rosengarten.
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«Go for Gold», so haben Sie das Motto auf Ihrer Homepage formuliert. Hand aufs Herz: Hatten Sie den Gewinn einer Goldmedaille tatsächlich für möglich gehalten?Martina Kocher:Definitiv ja, ob Sie es glauben wollen oder nicht. Ich strebe nach dem Besten, das mache ich in sämtlichen Lebensbereichen. Ich glaube daran, dass jeder etwas zurückbekommt, wenn er brutal hart dafür arbeitet. Und ich spürte: Bei mir ist es bald so weit. Darum hörte ich im letzten Sommer nicht auf.

Seit über 10 Jahren gehören Sie zur erweiterten Weltspitze, ganz nach vorne aber hatte es nie gereicht. Weshalb kam das Erfolgserlebnis gerade jetzt?Ich hatte alles auf diese WM ausgerichtet, an und für sich seit einigen Jahren. Klar, die Olympischen Spiele sind wichtiger, aber mit dieser WM hatte ich unglaublich viel verknüpft.

Wie meinen Sie das?2003 fand am Königssee die Junioren-WM statt. Ich gehörte zum Favoritenkreis, stürzte beim Einlaufen, brach mir fünf Finger und musste zuschauen. Ich sagte mir: Irgendwann kriege ich Gelegenheit zur Revanche. Vor exakt 20 Jahren hatte ich überdies mein erstes Schülerrennen gewonnen. Und weil ich mit den Deutschen trainiere, war es für mich quasi ein Heimspiel. Aus solch kleinen Dingen schöpfte ich Kraft.

Sie sind im Weltcup nie besser als Fünfte gewesen, der Start in diese Saison missglückte. Sind Sie eine unverbesserliche Optimistin?Es ist nicht so, dass ich ein unerschütterliches Selbstvertrauen habe. Meine Grundeinstellung ist positiv. Ich will das Optimum kreieren, ob im Sport, im Job oder im Umgang mit Mitmenschen. Dadurch kann ich mich verkrampfen, weil ich es zu gut machen will. Ich investierte ins mentale Training, änderte meine Sichtweise: Ich strebe nicht mehr nach dem perfekten Rennen, sondern nach der bestmöglichen Fahrt. Für viele mag dies dasselbe sein, für mich nicht. Es schnürt mich weniger zu.

An den Olympischen Spielen in Sotschi gehörten Sie nach starken Trainings zu den Favoritinnen, Ihre Nerven jedoch hielten dem Druck nicht stand. Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?Ich machte mich krank. Die Medaille wäre griffbereit gewesen, aber ich nahm sie nicht mit heim. Daran hatte ich lange Zeit zu kämpfen. Mit einem Sportpsychologen arbeitete ich das Geschehene intensiv auf. Ich vergab in Sotschi zwar eine riesige Chance, aber ich gewann eine Erkenntnis: Ich kann sehr schnell sein.

Schnell waren Sie auch letzte Woche in den Trainings vor der Weltmeisterschaft.Genau, aber ich flippte nicht aus, blieb cool. Ich spürte eine innere Ruhe, eine Zufriedenheit. Vor dem Start konnte ich lächeln.

Sie trainieren oft mit dem deutschen Team. Wie reagierten Fahrerinnen und Betreuer, nachdem Sie ihnen den Sprinttitel weggeschnappt hatten?Keiner war neidisch, keiner war böse. Es ist nicht so, dass ich jetzt ausgewiesen werde. (lacht) Die Freude war ehrlich gemeint. Viele in der Szene staunten. Der Tenor ist eindeutig: Es handelt sich um eine der grössten Sensationen in unserer Sportart.

Im Schweizer Verband ist in den vergangenen Jahren einiges schiefgelaufen, Sie sparten nicht mit Kritik. Nun sind Sie in der Position der Stärke – werden Sie Veränderungen fordern?Damit habe ich mich noch nicht befasst. Im Moment ist das Verhältnis zwischen mir und den Verantwortlichen in Ordnung.

Man stellt sich vor: Da gibt es eine Weltmeisterin in einer olympischen Sportart, aber der nationale Verband beschäftigt keinen Cheftrainer.Wenn man es so betrachtet, ist das krass und schwer nachvollziehbar. Rodeln hat im Bob- und Schlittenverband nun mal nicht den Stellenwert, den ich mir wünsche. Ohne deutsche Hilfe ginge es bei mir nicht, ganz klar. Dass ich mich vom Verband gelöst habe, war die richtige Entscheidung.

Was hat sich durch Ihren Alleingang verändert?Ich kann alles selbst entscheiden. Meinem Trainer Stefan Höhener und meinem Vater bin ich wahnsinnig dankbar. Ich brauche Leute um mich herum, denen ich vertraue, die ich mag. Nur so funktioniere ich. Ich muss mich nicht mehr an Nebensächlichem stören, verschwende weniger Energie.

Rennrodeln hat hierzulande kaum Tradition. Als Profi wurden Sie auch schon belächelt . . .. . . Aussenstehende sollen sagen, was sie wollen. Die meisten wissen ohnehin nicht, um was es geht. Ich bin es gewohnt, dass viele staunen, wenn ich ihnen von meinem Beruf erzähle. Ich führe bestimmt kein gewöhnliches Leben – dafür ein spannendes.

Spüren Sie Genugtuung?Nein. Das letzte Wochenende empfinde ich vielmehr als Lohn für 20 Jahre harten Kampf, für Entbehrungen, für Schmerzen.

Im vergangenen Sommer dachten Sie ans Aufhören. Haben sich Ihre Pläne durch die beiden WM-Medaillen verändert?Ich geniesse den Moment und denke derzeit kaum zwei Wochen voraus. Es wäre falsch, sich nun von den Emotionen leiten zu lassen. Ich weiss wirklich nicht, wie es weitergehen wird.

Würden Sie den Nervenkitzel nicht vermissen?Klar. Ich bin ein Speedjunkie! Sitze ich im Auto, erinnern mich die Beifahrer daran, dass ich nicht im Eiskanal bin. (lacht)

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