Zum Hauptinhalt springen

Sieger ohne Sieg – dabei hing seine Karriere am seidenen Faden

Mauro Caviezel gewinnt die kleine Kristallkugel im Super-G. Es ist der verdiente Lohn für den Bündner.

Mauro Caviezel freut sich mit der Kugel für den Gewinner der Super-G-Wertung. (Bild: EPA)
Mauro Caviezel freut sich mit der Kugel für den Gewinner der Super-G-Wertung. (Bild: EPA)

Dieses Bild, es ist durchaus ungewohnt. Da steht Mauro Caviezel also zuoberst auf dem Podest und ballt die Siegerfaust. Rechts flankiert von Vincent Kriechmayr, links von Aleksander Kilde - der Österreicher wie der Norweger müssen sich dem Bündner geschlagen geben. Wobei dessen Vorsprung minimal ist, lediglich 3 Punkte liegt er vor Kriechmayr, 29 vor Kilde.

Das aber kann Caviezel in diesem Moment egal sein. Weil der Super-G von Kvitfjell - der letzte der Saison - Regen, Schnee und Wind zum Opfer fällt, wird der Disziplinensieger bereits jetzt geehrt. Wobei es diesbezüglich ein wenig Improvisation bedarf. Da die kleine Kristallkugel nicht vor Ort ist, hilft Henrik Kristoffersen mit seiner Trophäe aus, die er vor vier Jahren als bester Slalomfahrer erhielt. «Es ist ein Traum, der in Erfüllung geht», sagt Caviezel. Aber ein bisschen speziell sei es schon, ohne Rennen geehrt zu werden.

Keiner war in diesem Winter im Super-G so konstant unterwegs wie Caviezel, wie seine Platzierungen (3., 5., 4., 4., 2., 2.) demonstrieren. Die Führung in der Disziplinenwertung allerdings hat er erst vor Wochenfrist und mit dem 2. Platz in Hinterstoder übernommen. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht fest, dass der Weltcupfinal in Cortina d’Ampezzo (ITA) wegen des Coronavirus abgesagt und Kvitfjell damit zum letzten Speed-Rennen der Saison würde.

Lange Leidensgeschichte

Caviezel ist der erste Schweizer seit Didier Cuche 2011, der die Super-G-Wertung für sich entscheiden kann. Etwas unterscheidet ihn allerdings erheblich vom Neuenburger: Er stand noch nie zuoberst auf einem Weltcuppodest. Bei der eingangs Text beschriebenen Szene handelt es sich deshalb um eine Premiere.

Denn ziemlich lange kämpfte Caviezel nicht in erster Linie um Weltcuppunkte, sondern mit seiner Gesundheit. Bereits der Blick in seine Krankenakte bereitet einem Schmerzen: Kreuzbandriss, Schulterluxation, Wadenbeinbruch (zweimal), Handbruch. In einem Interview mit der Tamedia-Sportredaktion sagte er im Dezember 2018: «Es gab eine Phase, da ging es mir nur noch darum, irgendwann wieder ein normales Alltagsleben führen zu können, weil ich nach anderthalb Jahren noch immer nicht Fussball spielen, nicht Treppen steigen konnte.» Als er sich bei einem Sturz im November 2011 das Kreuzband riss und gleichzeitig auch noch die Schulter beschädigte, stellte ihm das Pflegepersonal im Spital gar einen Rollstuhl ins Zimmer, weil er kaum an Krücken gehen konnte. Doch Caviezel gab diesen noch am gleichen Tag zurück, es war ihm unangenehm - jenen Menschen gegenüber, die wirklich einen Rollstuhl benötigen. Gesundheitlich geht es mit dem Bündner erst bergauf, als er mit dem Therapeuten Rolf Fischer, der unter anderem auch Carlo Janka betreut, zu arbeiten beginnt. Doch er muss sich gedulden, bis sich die Erfolge auf der Piste einstellen.

So erfolgreich wie nie

Dann gewinnt er 2017 an der Heim-WM in St. Moritz in der Kombination Bronze - ohne je zuvor im Weltcup auf einem Podest gestanden zu sein. Das holt er erst rund ein halbes Jahr später im Super-G in Aspen nach (3.). In dieser Saison nun ist Caviezel fünfmal in die Top 3 gefahren - so erfolgreich war er noch nie.

Der Gewinn einer Kristallkugel, es sei ein grosses Ziel gewesen, sagt der 31-Jährige im SRF-Interview. «Es steckt viel Arbeit dahinter. Nicht nur von mir, auch von vielen anderen. Deshalb ist diese Kugel für alle, die mich auf meinem Weg unterstützt haben.» Damals, im Dezember 2018, sagte er: «Die Resultate zeigen: Es hat sich gelohnt, auf die Zähne zu beissen, den Glauben ans Gute nicht zu verlieren, auch wenn es immer wieder Ohrfeigen gab. Ich musste viele Zusatzmeilen gehen. Nun kommt etwas zurück.» Es sind Worte, die auch jetzt, in der Stunde seines grössten Triumphs, Gültigkeit haben dürften.

Österreich leidet

Und so freut sich die Ski-Schweiz über den erfolgreichsten Winter seit 28 Jahren. Weil neben Caviezel auch Beat Feuz (Abfahrt) und Corinne Suter (Abfahrt und Super-G) Kristallkugeln entgegennehmen können. Derweil ist etwas weiter östlich Wundenlecken angesagt. Der erfolgsverwöhnte österreichische Skiverband blickt auf den schlechtesten Winter seit 25 Jahren zurück. Keine einzige Kristallkugel geht an Rot-Weiss-Rot. Und auch im Gesamtweltcup, den der ÖSV in den letzten 30 Jahren ohne Ausnahme gewinnen konnte, wird es zu einer Ablösung kommen. Denn die Schweiz führt mit 1038 Punkten vor Österreich, dieser Rückstand ist wegen des abgesagten Weltcupfinals nicht mehr wettzumachen. Einen Teil dazu beigetragen hat auch Caviezel, obwohl seine Karriere vor ein paar Jahren am seidenen Faden hing.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch