«Wir sind nur Marionetten»

Joana Hählen wurde der 2. Platz von Crans-Montana aberkannt. Sie spricht über ihren Frust und sagt, wie Corinne Suter reagierte, die stattdessen aufs Podest kam.

Bei Joana Hählen wird die Zeit bei der Zieleinfahrt in Crans-Montana nicht gestoppt. (SRF)
René Hauri@tagesanzeiger

Die Abfahrt von Crans-Montana vom Samstag hatte ein absurdes Nachspiel. Bei den vier Schweizerinnen Joana Hählen, Lara Gut-Behrami, Jasmine Flury und Priska Nufer funktionierte die Zeitmessung nicht. Drei Stunden nach Rennende wurde bekannt, dass Gut-Behrami, erst auf Rang 4 geführt, Nicole Schmidhofer als Dritte ersetzen würde, hinter Sofia Goggia und Hählen.

Der österreichische Skiverband legte daraufhin Protest ein. Am Dienstag gab der Internationale Skiverband (FIS) bekannt, dass ein Rechenfehler geschehen sei. Neu liegt Goggia vor Schmidhofer und Suter – Hählen rutschte auf den vierten Platz ab und steht damit weiter ohne Weltcuppodestplatz da. Sie sagt: «Das ist unfassbar und sehr bitter.»

Drei Tage nach dem Rennen in Crans-Montana wurden Sie vom Podest gestossen: Was ging Ihnen durch den Kopf? Wir waren im Flugzeug Richtung Sotschi. Als ich nach der Landung mein Handy einschaltete, ratterte es vor Nachrichten und Anrufen. Als ich mitbekam, was geschehen war, dachte ich: Schade.

Schade? Natürlich dachte ich auch anderes. Es ist schon unglaublich, und mir fehlen irgendwie auch die Worte. Dass meine Zeit dreimal geändert wurde, dass so viele Fehler passieren, das ist schon unfassbar und sehr bitter.

Welche Gefühle haben Sie gegenüber den Zeitmessern und der FIS? Es ist unerklärlich, und ich frage mich, wieso die Zeitmessung ausgerechnet bei vier Schweizerinnen nicht funktionierte. Sie sagten uns, wir seien unter der Lichtschranke durchgefahren. Das ist eine ziemlich seltsame Erklärung. Aber am Ende sind wir halt nur Marionetten im ganzen Spiel. Wir können nur Ski fahren, alles andere haben wir nicht in der Hand. Wir sind solchen Dingen ausgesetzt.

Welche Erklärung haben Sie dafür, dass die Anlage bei vier Schweizerinnen nicht funktionierte? Es gab eine Theorie, dass es am Renndress lag. Aber das kann nicht sein, weil wir nicht alle den gleichen trugen. Ich weiss es also nicht. Für mich ist es einfach schade: Da habe ich einmal einen so guten Lauf, und dann gibt es ein grosses Drama. Mich trifft es am meisten, es wäre mein erster Podestplatz gewesen.

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An Ihrer Stelle steht nun Corinne Suter auf dem Podest – auch sie das erste Mal im Weltcup. Wie reagierte sie? Für sie ist das auch unwürdig. Sie hätte doch gerne gefeiert. Sie ist gut gefahren und wurde nicht belohnt dafür.

Was sagte sie Ihnen? Als ich es hörte, ging ich gleich zu ihr, umarmte sie und gratulierte. Sie sagte, ihr tue es leid und dass sie das alles nicht wirklich ernst nehmen könne.

Für Sie wäre der erste Podestplatz eine Krönung gewesen für einen schwierigen Weg mit drei Kreuzbandrissen. Wie schwierig ist es für Sie, wurde Ihnen dieser genommen? Am meisten stört mich, dass ich gut gefahren bin und meine Zeit nicht genau ist, weil sie von Hand gestoppt wurde. Nach der neuesten Berechnung liege ich zwei Hundertstel neben dem Podest, vielleicht wäre ich auch drauf, wenn die Zeitmessung funktioniert hätte, wir werden es nie herausfinden.

Gehen Sie dagegen vor? Es wird sich kaum noch etwas ändern. Sie werden es vielleicht noch einmal anschauen, aber für mich ist das jetzt definitiv. Wobei: Schon am Samstag sagten sie mir, das Resultat sei offiziell. (lacht)

Was hätte Ihnen dieser Podestplatz bedeutet? Viel, aber jetzt kämpfe ich weiter. Ich weiss, dass ich sehr nahe dran bin, dass ich gut Ski fahre, daran ändert sich ja nichts. Das kann mir – im Gegensatz zum Podestplatz – auch niemand wegnehmen. Aber die letzten Wochen haben schon sehr viel Energie gekostet, erst die WM, dann in Crans-Montana die Kräfte zu bündeln, der Renntag selber mit dem Umsturz des Klassements und jetzt mit dieser neuerlichen Entscheidung. Es ist viel Arbeit, das alles zu verkraften.

Wer hilft Ihnen dabei? Ich arbeite eng mit einem Mentaltrainer zusammen, Personen im Team helfen mir, mein Umfeld unterstützt mich. Ich kann mit solchen Dingen eigentlich relativ gut umgehen, weil ich grundsätzlich ein positiver Mensch bin.

Fahren Sie in Sotschi mit der Wut im Bauch? Erst einmal bin ich froh, wurde das erste Training abgesagt, emotional war das etwas gar viel die letzten Tage, und ich war entsprechend müde. Aber das Gute ist, dass ich weiss, dass ich das Skifahren nicht verlernt habe. Und: Hätte mir vor einer Woche jemand gesagt, dass ich Vierte werde in Crans-Montana, hätte ich das noch so gerne geglaubt. Aber Vierte zu sein, nachdem man auf dem Podest gestanden ist, das ist weniger witzig.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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