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Warten auf Sportklettern bei OlympiaStatt an der Wand hängt sie unter dem Couchtisch

Kein Schweizer Athlet hatte das Ticket für Tokio so früh in der Tasche wie Petra Klingler. Doch aus der Wartezeit von elf Monaten wurden zwei Jahre.

Die Schweizer Nummer 1 der Sportkletterer: Petra Klingler, 28.
Foto: Alexandra Wey/Keystone

Wo vorher Sicherheit war, kamen Ende März Zweifel. Eine Frage war es, die Petra Klingler umtrieb: «Muss ich mich wieder neu qualifizieren?» Kurz zuvor hatte das Internationale Olympische Komitee zusammen mit den japanischen Organisatoren die Spiele verschoben, der weltweite Druck war innert Kürze zu gross geworden. Bald darauf war das Ersatzdatum fixiert. Am 23. Juli 2021 soll es losgehen. Das IOK sorgte damit für Klarheit – und für Verunsicherung. Denn die Erstellung der neuen Qualifikationsmodalitäten stand nicht zuoberst auf der Corona-Agenda.

Im August 2019 hatte Klingler mit einer starken Leistung an der WM in Japan im Dreikampf Lead-Bouldern-Speed die Olympianorm erfüllt, gleich im ersten Anlauf. Bald darauf selektionierte sie der Dachverband Swiss Olympic – als erstes Mitglied der Schweizer Delegation überhaupt.

Ein Teil der Koffer war schon gepackt

Sportklettern ist in Tokio erstmals olympisch, die Vorfreude bei der unbestrittenen Schweizer Nummer 1 war riesig. Die Saisonvorbereitung verlief wie geplant, die Athletin aus Bonstetten war bereit: «Ich hatte einen Teil der Koffer bereits gepackt.» An der EM in Moskau wollte sie zeigen, dass der Fahrplan in Richtung Olympia stimmt.

Und plötzlich war alles anders. Die Corona-Pandemie schien sogar die harte Arbeit in all den Karrierejahren zu gefährden. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Klingler wusste, dass sie nicht noch einmal von vorn anfangen muss. Gerade in den mental schwierigen Zeiten des Lockdown sei dieses Wissen dann aber Gold wert gewesen: «Die Erleichterung war gross, so konnte ich auch in dieser Zeit bewusst einmal ein wenig zurückfahren und mir etwas Ruhe gönnen, wenn es nötig war.»

Kletterwände waren in den folgenden Monaten tabu, die Trainings sahen ganz anders aus als normal. Klingler versuchte gar nicht erst, Adaptionen vorzunehmen, sondern entschied sich für ein komplett neues Programm: «Sonst hätte ich dauernd Vergleiche angestellt.» Manchmal musste dann halt der Couchtisch als Kletterhindernis herhalten.

Für einen willkommenen Ausgleich sorgte ihr Job. Bei der Swiss ist sie im Bereich «Sponsoring und Events» angestellt, normalerweise in einem 50-Prozent-Pensum. Während der Kurzarbeit waren es nur noch 20 Prozent, im Prinzip ein fixer Tag pro Woche. «Wenn sich meine Trainingspläne ändern, sind sie sehr flexibel», lobt sie ihren Arbeitgeber.

Es wäre auch in ihrem Sektor ein sehr intensives, aber umso spannenderes Jahr gewesen, gerade die Eishockey-WM im eigenen Land oder die Fussball-EM hätten ihr einiges an Ressourcen abverlangt. Doch Petra Klingler ist nicht der Typ, der mit dem Schicksal hadert: «Es war auch schön, für einmal ein etwas ruhigeres Dasein zu haben, mehr Zeit für Freunde und Familie.» Und fürs Kochen: Wassermelonen-Mozzarella-Salat und selbstgemachte Spätzli à la Betty Bossi zählten zuletzt zu ihren Favoriten.

Schon im Kindergarten war sie immer auf den Bäumen

Wer an Klettern dachte, sah früher oft Jungs vor sich, die in luftiger Höhe herumturnen. Klingler war da schon immer eine Ausnahme – quasi genetisch bedingt, schon Eltern und Grosseltern frönten dieser Passion. Und bei Klein Petra sei dies nicht anders gewesen, das beweist die Geschichte, die ihr unlängst ihre Kindergärtnerin erzählte: «Sie sagte mir, ich sei in der Pause immer auf die Bäume geklettert und hätte den anderen hoch- und wieder runtergeholfen.»

Die Liebe zum Klettern, sie hielt bis heute an. Und anders als in anderen Sportarten habe sie nie Nachteile wegen ihres Geschlechts erfahren: «Für meine Entwicklung war es eher ein Bonus, dass ich so viel mit Jungs trainieren konnte, und auch die Sponsoren haben in meiner Erfahrung nie Jungs gegenüber den Mädels vorgezogen, und auch bei Wettkämpfen wurde ich immer gleich behandelt.»

Bald will Petra Klingler wieder so schnell wie möglich die Wand hochklettern – wie hier an der WM in Japan 2019.
Bald will Petra Klingler wieder so schnell wie möglich die Wand hochklettern – wie hier an der WM in Japan 2019.
Foto: Jae Hong/Keystone

An der Wand ist sie es gewohnt, Probleme innert kürzester Zeit zu lösen. Dank dieser Qualität will sie nun auch gestärkt aus der überdimensionalen Wand Corona herauskommen: «Ich sehe es als zweite Chance. Ich habe ein Jahr mehr Zeit, kann mich optimal vorbereiten, die Schwächen ausmerzen und die Stärken ausbauen.»

Nächste Woche hat das Warten ein Ende, vom 9. bis 19. Juli findet in Innsbruck der erste Wettkampf statt. Die Resultate geniessen da allerdings noch nicht oberste Priorität: «Es ist wichtig, das Wettkampfgefühl wiederzufinden, und schön, dass wir uns alle wieder einmal sehen.» Die EM ist mittlerweile erneut verschoben worden, von Oktober auf November. Ob und welche Weltcup-Konkurrenzen sie bestreiten wird, steht noch nicht fest.

Der Traum vom Hauptbahnhof

Und wie geht es langfristig weiter? Im Sportklettern erreichen die Athleten gemeinhin ihr Leistungsmaximum zwischen 22 und 30 Jahren. Klingler ist nun 28, und ob sie im nächsten Sommer drei weitere Jahre bis zu den Olympischen Spielen in Paris anhängt, hat sie noch nicht entschieden: «Ich werde so lange weitermachen, wie ich glücklich bin und gern Wettkämpfe bestreite.» 2022 wäre dann ein Zwischenjahr, mit der Konzentration auf einzelne Anlässe, dazu würde sie vermehrt am Fels klettern. Im Jahr danach stünde bereits die Olympia-Qualifikation an, im Raum steht zudem, dass die WM in der Schweiz stattfinden könnte.

Im eigenen Land möchte sie sich einen weiteren Kindheitstraum erfüllen: «Ein Boulder-Wettkampf im Zürcher Hauptbahnhof wäre toll und auch gut durchführbar.» Wenn es bis dahin noch ein wenig dauern sollte, wäre dies kein Problem: Geduld hat sie nun schon zur Genüge bewiesen.