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Protest befeuert CoronaStatt Kranke zu behandeln, sitzen sie im Gefängnis

Wer in Weissrussland über die Pandemie oder über Polizeigewalt spricht, lebt gefährlich. Dutzende dringend benötigte Ärzte und Krankenschwestern sind verhaftet worden.

Demonstranten werden in überfüllte Zellen gesteckt, als gebe es keine Pandemie: Verhaftungsaktion in Minsk.
Demonstranten werden in überfüllte Zellen gesteckt, als gebe es keine Pandemie: Verhaftungsaktion in Minsk.
Foto: Viktor Tolochko (AFP)

Tatjana arbeitet auf der Intensivstation. Aber eigentlich, sagt die junge Anästhesistin, könnte man über die gesamte Minsker Klinik «Intensivstation» schreiben. In den meisten der mehr als tausend Betten lägen Corona-Patienten, viele mit schwerem Verlauf. «Wir haben dieselben Probleme wie die ganze Welt», sagt sie im Videointerview. Aber in Weissrussland komme noch die politische Krise dazu.

Massenproteste und Polizeigewalt treffen die Spitäler zusätzlich: Die vielen Verletzten müssen behandelt werden. Und da sind Tausende Festgenommene, die in überfüllte Zellen gesperrt wurden, als gebe es keine Ansteckungsgefahr. Die Ärzte und Schwestern bringen sich in Gefahr, wenn sie offen über die Pandemie oder den Unterdrückungsstaat sprechen. Tatjana möchte ihren vollen Namen nicht nennen.

Viele wurden entlassen

Mindestens 180 Ärzte und Krankenschwestern seien bereits festgenommen worden, berichtet der Medizinische Solidaritätsfonds, eine neue gemeinnützige Organisation. Mehr als 20 Mediziner wurden zu mehrtägigen Haftstrafen verurteilt, fast genauso viele seien entlassen worden. In Weissrussland verstärken sich medizinische und politische Krise längst gegenseitig.

Machthaber Alexander Lukaschenko tat das Virus von Anfang an als Psychose ab, empfahl Wodka als Gegenmittel. Dass ihm Leben und Gesundheit der Weissrussen offensichtlich egal waren, dürfte ihn bei der Präsidentenwahl im August weitere Stimmen gekostet haben. Weil er die Abstimmung fälschen liess, protestieren seit Monaten Hunderttausende gegen ihn.

Will den Demonstranten nicht nachgeben und spielt Corona herunter: Präsident Alexander Lukaschenko.
Will den Demonstranten nicht nachgeben und spielt Corona herunter: Präsident Alexander Lukaschenko.
Foto: AP

Mediziner waren die Ersten, welche die Verletzungen, Schusswunden und Knochenbrüche von Protestteilnehmern sahen. Als sie gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte demonstrierten, wurden sie festgenommen. Kollegen von Tatjana sassen tagelang hinter Gittern. «Die meisten Ärzte kommen dann mit Corona aus dem Gefängnis und fallen für drei weitere Wochen aus», sagt sie. Die Anästhesistin nimmt selbst an Protestaktionen teil. Doch sie hat Angst vor Massenentlassungen und den Folgen für ihre Patienten.

Das Gesundheitsministerium berichtet von bisher 135’000 Corona-Fällen, 1151 Infizierte seien gestorben. «Ganz sicher stimmt die Statistik nicht», sagt ein Allgemeinmediziner aus Minsk, der ebenfalls unerkannt bleiben möchte. «Hier wissen das alle, sogar Kinder.» Die Spitalbetten, die während der ersten Welle ausgereicht hätten, würden nun knapp, es mangle an Personal, Corona-Tests und Sauerstoff.

«Das Gesundheitsministerium ist eine der verschlossensten Institutionen in Weissrussland.»

Andrei Wituschko, Neonatologe

Einer, der offen über das Virus spricht, ist Andrei Wituschko. Er ist Neonatologe, behandelt Neugeborene. «Das Gesundheitsministerium ist eine der verschlossensten Institutionen in Weissrussland», sagt er. Deswegen habe er Informationen mit Journalisten geteilt und auf Dinge hingewiesen, die ihm merkwürdig erschienen, wie die niedrige Anzahl von Corona-Toten etwa, trotz steigender Fallzahlen.

Vielleicht hat die Minsker Klinik, in der er arbeitet, seinen Vertrag deswegen nicht verlängert. Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass Wituschko selbst drei Tage in Haft sass. Im August war sein 16-jähriger Sohn auf der Strasse festgenommen worden, vor den Augen der Mutter. Als Andrei Wituschko und seine Frau den Jungen später von der Polizeistation abholen wollten, wurden sie selbst eingesperrt.

Ärzte widersprechen den Behörden

Die Repressionen gegen Mediziner nennt Wituschko «völlig absurd», besonders wenn die Ärzte stattdessen Corona-Patienten behandeln könnten. Weil er bald keinen Job mehr hat, möchte er sich in anderen Kliniken bewerben – doch auch die seien staatlich. «Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft.»

Wie ihm geht es vielen Ärzten. Ein Fall erschüttert die Menschen derzeit besonders: der des Anästhesisten Artjom Sorokin. Er hatte einen jungen Mann behandelt, der inzwischen zu einem Helden der Protestbewegung geworden ist: Roman Bondarenko war von maskierten Männern zusammengeschlagen worden. Sie hatten ihn in einem Hof angegriffen, der mit weiss-rot-weissen Bändern geschmückt war, einem Zeichen der Demokratiebewegung. Er kam mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus und starb kurz darauf.

Gedenken an ein Opfer der Revolution: Roman Bondarenko wurde von Sicherheitskräften getötet. Offiziell starb er an Alkoholvergiftung.
Gedenken an ein Opfer der Revolution: Roman Bondarenko wurde von Sicherheitskräften getötet. Offiziell starb er an Alkoholvergiftung.
Foto: Reuters

Der 31-Jährige habe eine Alkoholvergiftung gehabt, hiess es später von den Behörden. Doch die Ärzte hatten keinen Alkohol in dessen Blut gefunden, Sorokin soll diese Information an einen Journalisten weitergegeben haben. Nun droht ihm Gefängnis, weil er das Arztgeheimnis verletzt haben soll. Aus Solidarität stellen sich überall im Land Menschen in Gruppen an die Wand wie Gefangene. Sie halten Schilder mit der Aufschrift «Null Promille» hoch.

«Ihm droht Gefängnis, weil er die Wahrheit gesagt hat», sagt Anästhesistin Tatjana. Die Regierung konzentriere sich darauf, die Proteste zu unterdrücken. «Niemand interessiert sich für die Situation mit dem Coronavirus.» Alexander Lukaschenko hat unlängst eine Corona-Station besucht, sich mit Maske, aber ohne Schutzkleidung an ein Krankenbett gesetzt. Ob dort wirklich Covid-19-Infizierte lagen, darf bezweifelt werden. Lukaschenko nutzte die Gelegenheit, den Protestierenden eine Mitschuld an der Pandemie zu geben.

14 Kommentare
    N.Dettwiler

    ... und die Welt schaut weg?