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ge-Pfeffer-te GedankenStop Social Distancing!

Zu Corona-Zeiten ist das soziale Auf-Distanz-Gehen zum Gebot geworden. Eine Tatsache, die Lara vom Peffer-Team bedauert.

Feierabend. Nun wartet nur noch die Strecke Zürich–Thun auf mich. Obwohl ich zu Stosszeit unterwegs bin, muss ich mich nicht durch den Bahnhof schlängeln und erblicke beim Eintreten in den Zug auch keine überfüllten Abteile. Angesichts der «ausserordentlichen Lage» muss ich auch nicht lange nach einem Grund dafür suchen. Vielleicht erfüllt sich ja mein Wunsch nach einem leeren Viererabteil, wo ich mich mit meiner Präsenz und Gedanken ausbreiten kann und mich weder ein schmatzender Sandwich-Esser noch eine laut telefonierende Grossmutter bei meinem alleinigen Dasitzen stört.

Sie stört mich nicht, ich sie nicht. Gut.

War wohl nichts, denke ich, als ich die weit gesäten Haarbüschel aus den separaten Sitzgruppierungen erblicke. Na ja. Ich suchte nach dem kleinsten Übel und setzte mich nach dem üblichen rhetorischen «Isch da no frei?» schräg zu einer Dame hin. Sie stört mich nicht, ich sie nicht. Gut. Aber die Nachbarn vom Abteil nebenan. Mehr oder weniger erfolgreich versuche ich, mich mit meinen Gummi-Ohrenstöpsel abzukapseln und zuerst meinem Handy, dann meiner Lektüre zu widmen. So ganz konzentrieren kann ich mich doch nicht, es geschieht zu viel um mich herum.

Meine scheinbar stille Abteilteilerin nimmt nämlich eine mit Perlen besteckte Kette aus der Tasche hervor und beginnt, unruhig ihre Lippen zu bewegen. Meine Konzentration nach einem Tag Arbeit ist dahin, und ich blicke einige kurze Male in die Diagonale. Da verspüre ich plötzlich unausweichlich den inneren Drang, sie anzusprechen.

Wieso digital Kommunikation suchen, wenn unmittelbar vor einem eine lebendige Story sitzt?

Ja, wieso eigentlich digital nach Kommunikation und Unterhaltung suchen, wenn unmittelbar vor einem eine lebendige Story aus Fleisch und Blut, mit einem Herz und einer Zunge sitzt? Weshalb die ewige paradoxe Suche nach physischer Selbst-Isolation in einer Menschenmenge und gleichzeitiger, virtueller Gemein- und Freundschaft? Ja nicht die heilige Privatsphäre des Mitreisenden bedrohen, während Social Media oder dessen Publikum alles von einem zum jetzigen Zeitpunkt wissen muss.

Nach einer inneren Blitz-Gedankenerörterung nehme ich meinen Mut zusammen und frage mein Gegenüber, ob sie Katholikin sei. Ein breites Lächeln und strahlende Augen schauen zu mir rüber, und die restliche Reisezeit waren wohl wir mit unserem tiefgründigen Gespräch über Gott und die Welt die ruhestörenden Nachbarn. Deshalb beschliessen wir, uns privat zu treffen. Wir wollen ja schliesslich niemanden an unseren Gedanken teilhaben lassen.