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Der Beginn einer KarriereBerner Regisseur gewinnt in New York

David Oesch hat mit seinem Kurzfilm an Robert De Niros Tribeca Film Festival den Student Visionary Award abgeräumt.

Er muss eine Nase für brennende Themen haben. David Oesch, der 28-jährige Regisseur aus Thun, hat mit seinem Kurzfilm «Cru» am New Yorker Tribeca Film Festival den Student Visionary Award abgeräumt. Wohlgemerkt an einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt. Das 2002 von Robert De Niro gegründete Tribeca Film Festival wird oft gemeinsam mit Robert Redfords Sundance genannt.

Schon nur für eine Nomination musste sich Oesch gegen mehr als 6000 Einsendungen durchsetzen, und jetzt hat er nochmals rund zwanzig Kurzfilme in der Endausscheidung hinter sich gelassen. Der Preis wurde in der Nacht auf Donnerstag online verliehen, da das Festival Corona-bedingt abgesagt wurde.

Die Mailbox ist voll

Dass er gewinnen würde, wusste Oesch schon seit Anfang Woche, als ihn Sheila Nevins, die ehemalige Präsidentin für Dokumentarfilme beim amerikanischen Sender HBO, anrief, um mit ihm ein Interview per Videochat zu führen. «Es ist ein bisschen surreal, das Ganze», sagt David Oesch jetzt am Telefon. «Ich bin einfach unglaublich dankbar.» Dass er für die Preisverleihung nicht nach New York reisen durfte, kann er verkraften. «Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr eingeladen werde. Dann jedoch ohne Druck. Das ist eigentlich noch besser.»

Mit «Cru» hat Oesch sein Studium an der Hochschule der Künste in Zürich abgeschlossen. An allen wichtigen Filmfestivals der Schweiz war der Film noch abgelehnt worden. «Es macht mir aber vor allem Freude, dass ich meiner Crew sagen darf, dass sich die Arbeit gelohnt hat, dass der Film wahrgenommen wird

Kein schlechter Start für einen noch nicht einmal 30-jährigen Filmemacher: Der Thuner Regisseur David Oesch.
Kein schlechter Start für einen noch nicht einmal 30-jährigen Filmemacher: Der Thuner Regisseur David Oesch.
Foto: Marco Quandt

Freilich bedeutet der Preis noch ein bisschen mehr als das. Das Renommee wird ihm in Zukunft helfen, weitere Projekte zu realisieren. Es schafft eine vorzügliche Basis für Verhandlungen mit potenziellen Geldgebern. «Die Mailbox ist schon voll von Nachrichten von Produzenten und Publizisten, die sich für den Film, für mich und für mein Team interessieren», sagt er. Gerade die Amerikaner seien da eiskalt, meldeten sich schamlos, sobald jemand ein bisschen erfolgreich sei.

Eine feministische Lesart

David Oesch hat mit seinem zehnminütigen Film nicht nur einen Corona-Nerv getroffen, indem er darin den Leistungsdruck in der Gastronomiebranche thematisiert und über die Zukunft der Gesellschaft nach der Pandemie nachdenken lässt. Er spricht mit dem in atemlosen Bildern – unter anderem aus dem Berner Kornhauskeller – erzählten Thriller noch ein anderes drängendes Thema an.

In «Cru» verfolgt eine junge Köchin eisern ihre Karriere und wird von einer ebenso kalten wie furchteinflössenden Chefin unter Druck gesetzt. Er ist also auch ein feministischer Film. So begründet jedenfalls Jurymitglied Sheila Nevins den Entscheid: «Wir alle in der Jury konnten kaum glauben, wie gut der Film ist. Alles ist brillant. Die Story, die Bilder, das Licht», sagt Nevins im Videochat. «Vor allem aber zeigt er, was Frauen heute immer noch tun müssen, um erfolgreich zu sein. Wir alle kennen das.»

Neben dem Renommee darf Oesch auch auf einen finanziellen Zustupf hoffen. «Die letzten Jahre gab es 5000 Dollar», sagt er. «Ich würde gerne sagen, dass ich das Geld in meinen neuen Film investiere. Aber angesichts der Krise werde ich es wohl eher für Fischstäbli aus dem Coop ausgeben.»

Nächstes Jahr beginnt Oesch sein Masterstudium an der Hochschule der Künste in Zürich. Schon länger konzentriert er sich auf seinen ersten Langfilm, an dem er in seiner Freizeit, neben Brotjobs als Fotograf und Kinderbetreuer, gemeinsam mit dem Slam-Poeten und Drehbuchautor Remo Rickenbacher schreibt. Der Arbeitstitel lautet «Lügner», es ist laut Oesch eine Art Fake-News-Pinocchio-Geschichte, ein Film über Lügen als infektiöse Krankheit. Wieder einen Nerv getroffen?

Auf «Cru» muss noch gewartet werden. Dafür hat David Oesch seinen letzten Film, «Tote Tiere», zur freien Verfügung online gestellt, als Quarantäneprogramm. Hier geht es zum Film. Schon dieser Kurzfilm, mit Matto Kämpf in der Hauptrolle, hat viel Echo erhalten. Er wurde zum Dauerbrenner und gewann etwa am Filmfestival in Bogotá einen der drei Hauptpreise.