Triichlern und Geistern auf der Spur

Oberhasli

Bräuche wandeln sich. Für den Ubersitz wurden die Triichlerzüge in den letzten Jahren kostümmässig schöner und mit neuen Figuren bereichert. Wie sieht es an den andern Tagen aus?

Mit Trommelschlag und Glockengeläut: Der Zug aus Innertkirchen marschiert am Gemeindehaus vorbei.<p class='credit'>(Bild: Anne-Marie Günter)</p>

Mit Trommelschlag und Glockengeläut: Der Zug aus Innertkirchen marschiert am Gemeindehaus vorbei.

(Bild: Anne-Marie Günter)

An jedem Dorfeingang im Oberhasli steht ein Gefahrensignal. Manchmal das klassische mit Ausrufezeichen im rotrandigen Dreieck, manchmal kleiner, mit blinkendem Rand. In Meiringen heisst es darunter Trychel-Umzug. Innert dem Kirchet heisst es dann nur noch Trychelzug. Trychel mit Ypsilon.

Im Haslitiisch werden lange I mit Doppel-«I» geschrieben, wie der Titel von Hans Dauwalders Kurzgrammatik zeigt: «Haslitiitsch. Wie mma s seid und cha schriiben». Schon bei der schriftlichen Bezeichnung des Vorgangs, der jedes Jahr in der Altjahreswoche im Oberhasli stattfindet, ist also nicht ­alles so klar: Trycheln oder Triicheln? Und eine korrekte Beschreibung des Anlasses selbst wird noch komplizierter. Vielleicht, weil die Hasler ihrem Brauch noch ein paar Geheimnisse lassen wollen.

Fast wie ein Tatzelwurm

Ein Fuchs quert auf dem Kirchet die Fahrbahn, kurze Zeit danach ein zweiter. Ziemlich dicht gesteckte rote Stangen warten darauf, im Schneetreiben den ­Strassenrand anzuzeigen. Felsformationen wirken in der Nacht ­geisterhaft.

Innertkirchen ist im Zentrum beim Grimseltor sehr gut beleuchtet, aber menschenleer. Eine Art Summen wird hörbar und schwillt an, erzeugt ein Echo. Der Gesamtton teilt sich, als der Trychelzug näher kommt: in den Trauermarschtakt der Trommeln, das dumpfe Dröhnen der Trycheln, der helle metallische Ton der Glocken. Leicht schwankend bewegt sich der Zug in vier Reihen über die Grimselstrasse, der Weg scheint lang, der Zug wirkt als Einheit.

Man könnte fast an den Tatzelwurm denken, der einst in der Aareschlucht gehaust haben soll. Beim Hotel Hof & Post löst sich der Zug auf und wird zu rund 80 Leuten aus Innertkirchen, von denen die meisten in Gaststube und Stübli gehen.

Jeder Zug hat Regeln

Am runden Tisch sitzt Christian Roth, Major des Innertkirchler Zugs. Sein Zug wird am Ubersitz in Innertkirchen unterwegs sein und erst am Silvestermorgen mit dem ersten MIB-Zügli nach Meiringen fahren. «Bei uns gibt die erste Reihe der Trychler den Takt an», sagt er. «Und bei uns sind Frauen willkommen», ruft einer in der Runde. Die Nachbargemeinde Schattenhalb hat einen reinen Männerzug.

Und wie steht es mit dem Zwischenschritt, der früher ein Merkmal des Oberhasler Treichelns war? «Ich glaube, er ist verloren gegangen», sagt Roth. Möglicherweise würden ihn noch einige Gadmer anwenden. Warum nimmt man es auf sich, nächtelang mit Trycheln und Glocken unterwegs zu sein? «Für mich ist der gesellige Aspekt wichtig», sagt Daniela Borer. Und immer wieder kommen die bösen Geister ins Spiel, die man vertreibt. Näher definiert werden sie nicht.

Berner Zeitung

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