Tuesday for Töffli

Wohl jeder Schweizer kann von den ­Versuchen erzählen, sein Töffli zu frisieren.

Ich habe zwei junge Töchter, zusammen ­waren wir schon so auf einigen «Friday for Future»-Demos – die beiden als Demonstrantinnen, ich als störender Vater. Vor etwas mehr als einem Monat fuhren wir, da ich zufällig gerade in der Nähe zu tun hatte, nach Kopen-­hagen. Greta Thunberg hielt vor dem dortigen Rathaus eine Rede. Als wir diese so unglaublich konzentrierte und entschlossene Person auf der Bühne sahen, waren wir begeistert. Wir jubelten so laut, dass die anwesenden ­Dänen uns freundlich um etwas mehr Contenance baten.

Ich denke, abgesehen von der SVP sind sich alle einig: Momentan ist nichts von derart existenziellem Interesse wie der Klimaschutz. Trotzdem will ich hier das Wort für das Töffli ergreifen. Für die Leserinnen und Leser, die nicht in der Schweiz aufgewachsen sind: So nennen wir hier ein Fahrrad mit Hilfsmotor, ein Mofa, eine Art primitiven Motorroller. Ein Töffli fährt um die 25 Kilometer pro Stunde, verbreitet ist es vor allem auf dem Land.

Das klingt eher unspektakulär, kulturtechnisch gesehen, ist das Töffli jedoch der Gangsterrapper der Motorwelt. Seine fehlende reale Gefährlichkeit macht es mit Lärm und Gestank wett. Gemäss Wikipedia ist «bereits das Warten hinter einem Töffli an einer Ampel hochgradig gesundheitsschädlich». Das Töffli ist damit das zugleich lächerlichste und nervigste Requisit der hiesigen Jugendkultur. Wohl jeder Schweizer kann von den hoffnungslosen Versuchen erzählen, sein Töffli zu frisieren. Nach tagelangen Schleiforgien am Kolben fuhr das Töffli dann eben nicht 25, sondern 35 Kilometer pro Stunde.

Im St. Galler- und Appenzellerland sind es meist die alten Bauern, die  geduldig auf ihrem Töffli die steilen Hügel hinauffahren.

Bekanntlich gilt: je kleiner der Mann, desto grösser sein Geltungsdrang. Viele basteln aus ihrem Töffli Harley-Davidson-Verschnitte, behandeln den Auspuff für noch mehr Geknatter. Die Helmpflicht wird natürlich sowieso konsequent ignoriert: Nichts verkörpert die zugleich unfertige und herausfordernde Lebenshaltung eines Teenagers mehr als dieses Relikt der 60er-Jahre. Seinen Besitzer nennt man deshalb freundlich herablassend den «Töffli-Buben».

Der für mich liebste Töfflifahrer ist aber gar kein Bub. Im St. Galler- und Appenzellerland sind es meist die alten Bauern, die geduldig auf ihrem Töffli die steilen Hügel hinauffahren. Begegnet man einem Töffli-Bauern, dann riecht der jeweilige Waldweg noch Minuten später so erstickend nach Abgas, als wäre eine Tankstelle explodiert. Verkehrstechnisch sind die Töffli wie die alten Backstein-Fabriken, die hier und da in der Landschaft stehen: absurde Überbleibsel des fossilen ­Zeitalters.

Deshalb hoffe ich, dass das Töffli vom Green Deal verschont bleibt. Klimaschutz ja! Aber was wäre mit einem Tag pro Woche, an dem die Töffli ausfahren dürfen? Was wäre mit einem Tuesday for Töffli? Oder auch nur einem Tuesday-Nachmittag? Ich hoffe auf eine breite Unterstützerbasis für dieses Anliegen. Des Weiteren hoffe ich, dass diese Kolumne meinen Töchtern nie zu Gesicht kommt.



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