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LohnverzichtUnd wieder einmal ist Juventus Erster

Die Stars von Juventus Turin verzichten auf Lohn. Einen Anteil könnten sie wiedererstattet bekommen.

Cristiano Ronaldo und seine Teamkollegen von Juventus Turin verzichten auf einen Grossteil ihres Lohns. (Marco Alpozzi/LaPresse via AP)
Cristiano Ronaldo und seine Teamkollegen von Juventus Turin verzichten auf einen Grossteil ihres Lohns. (Marco Alpozzi/LaPresse via AP)
KEYSTONE

Die Turiner sind immer die Ersten, auch jetzt wieder. Wahrscheinlich werden sie allen anderen den Weg weisen, Avantgarde eben. Juventus Turin hat sich in kurzer Zeit mit seinem hochbezahlten Kader geeinigt. Der verzichtet auf einen schönen Teil seines Lohnes, um die Finanzbücher des Clubs vor einem gefährlichen Zerfleddern zu bewahren – nämlich auf die Entrichtungen für März, April, Mai und Juni. Vier Monate, ein Drittel des Jahresgehalts. Und da Juve für diese Saison die höchste Lohnsumme ausweist, die es seit Bestehen der Serie A jemals gegeben hat, sind das stattliche 90 Millionen Euro. Allein Cristiano Ronaldo verzichtet auf mehr als zehn Millionen Euro Nettogehalt, vorerst jedenfalls, von den technischen Kleinigkeiten muss gleich noch die Rede sein.

Das ist epochal, pure ‹Juventusness›.

«Gazzetta dello Sport»

Die «Gazzetta dello Sport» ist dermassen berührt von der Geste des portugiesischen Superstars, dass sie in einem Kommentar schreibt: «König Midas steigt herab zum Volk, der Held lädt die Probleme der kleinen Leute auf seine Schultern, er ist der Superman, der seine Privilegien abstreift und normal wird.» Das sei «epochal» und pure «Juventusness», ein Seelenbekenntnis zum Verein.

Nun, vor einigen Wochen hatte es noch anders getönt. Ronaldo war der Erste, der in einem Privatjet nach Hause nach Madeira «floh», wie es hiess, auf die Insel im Atlantik – weit weg vom Schrecken Norditaliens. Danach taten es ihm etliche Spieler gleich: Sami Khedira, Douglas Costa, Gonzalo Higuaín, alle weg in die Heimat. Andere blieben, etwa die argentinische Kreativkraft Paulo Dybala. Er steckte sich mit dem Coronavirus an, verbrachte einige schwere Tage und ist nun auf dem Weg der Besserung. Doch von der «Desertion der Söldner», wie man es in Italien nannte, redet jetzt niemand mehr. Als Ronaldo sein Okay gab, war der Deal beschlossen.

«Niemand ist immun»

Für Juventus ist der Lohnverzicht von Spielern und Trainer vital. Andrea Agnelli, der Präsident, hatte in den Tagen vor der Einigung gesagt: «Niemand ist immun, Timing ist alles: Das hier ist die grösste Herausforderung in der Geschichte unseres Spiels und unserer Industrie.» Das sollte wohl auch die Verhandlungen beschleunigen. Die Schlüsselrolle spielte der Captain der Mannschaft, Giorgio Chiellini, dem nicht nur der Ruf eines exemplarischen Profis vorauseilt: Neben seiner Anstellung als harter Abwehrspieler hat er Ökonomie studiert und abgeschlossen. Ein «Dottore» also. Seine These schrieb er über das Businessmodell von Juventus Turin. Er kennt die Zahlen, und er kennt seine Leute. Nach seiner Aktivkarriere soll Chiellini Mitglied der Direktion werden, jetzt ist das sowieso klar: Seine Vermittlung rettet Juve über den Sommer.

Juventus' Giorgio Chiellini  ist der «Dottore», er kennt die Zahlen, und er kennt seine Leute. EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA
Juventus' Giorgio Chiellini ist der «Dottore», er kennt die Zahlen, und er kennt seine Leute. EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA
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Der börsenkotierte Verein hatte schon im ersten Semester des Geschäftsjahres 50 Millionen Euro Schulden angehäuft. Sollte nun die Meisterschaft nicht zu Ende gespielt werden, würden noch einmal 45 Millionen an TV-Rechten für Serie A und Champions League wegfallen, ausserdem 40 Millionen von den Sponsoren und 20 Millionen vom Kartenverkauf. Dieses Geld war schon längst verplant gewesen.

Doch ganz so generös, wie es nun den Anschein macht, sind die Herrschaften in Wahrheit nicht. Real verzichten die Spieler und Maurizio Sarri, ein früherer Bankangestellter, wohl auf höchstens zwei Monatslöhne. «Sollte die Meisterschaft weitergehen», schreibt Juventus in seiner Dankesadresse an die Belegschaft, «werden Verein und Angestellte im Guten Glauben darüber verhandeln, wie sich ein Teil der Ausfälle kompensieren lässt.» Gesetzt, dass die Saison auch tatsächlich fertig gespielt wird und sich das Geschäft einigermassen erholt.

Der Chef erhält 6 Millionen Euro im Jahr

Wichtig ist zunächst nur, dass die hohen Lohnkosten nicht mehr auf die laufende Bilanz drücken, das würde weder den Anlegern noch den Finanzprüfern der Uefa gefallen. Im Juli beginnt dann ein neues Geschäftsjahr im Fussball und, wie man nicht nur bei Juventus Turin hofft, eine bessere Zeit. Für diese neue Zeit wird den Spielern also in Aussicht gestellt, dass sie mindestens einen Monatslohn, im Fall einer Vollendung der nun suspendierten Meisterschaft sogar zwei Gehälter zurückerstattet erhalten. Ausserdem, so nimmt man an, dürfte sich die Opferbereitschaft der Grossverdiener bei der Aushandlung neuer Verträge auszahlen. Überhaupt handelt es sich da natürlich um ein sehr relatives Opfer: Der «Correio de Manhã», eine portugiesische Zeitung, vermeldete in seiner Sonntagsausgabe, Ronaldo habe gerade eine «Bombe» bestellt – einen Bugatti Centodieci, ein Luxuswagen in limitierter Auflage. Er kostet acht Millionen Euro.

Ausgenommen vom Lohnausfall sind die Bediensteten des Vereins, die in aller Regel nicht auf dem Gruppenfoto zu sehen sind, sowie der Mitarbeiterstab des Trainers, die nur einen Bruchteil dessen verdienen, was der Chef erhält: Sarri verdient sechs Millionen Euro im Jahr.

Völlig unabsehbar bleibt, ob sich die Spielzeit der Serie A noch retten lässt. Italien ist immer noch mittendrin in der akuten Phase der Pandemie, der verordnete Shutdown der Wirtschaft betrifft alle nicht essenziellen Unternehmen im Land. Druck erfährt der Fussball nun auch von anderen Verbänden im Land, deren Sport vielleicht nicht ganz so populär und wirtschaftlich prägend sind wie der des Calcio: Die Meisterschaft im italienischen Rugby etwa wurde bereits definitiv beendet. Der Basketballverband überlegt es sich noch, ob es dem Beispiel folgen will.

Der Serie A droht ein Ausfall von 730 Millionen Euro

In der Serie A gehen die Interessen weit auseinander. Lazio Rom etwa möchte unbedingt bald weiterspielen: Im eingefrorenen Klassement steht man auf Platz zwei, nur einen Punkt hinter dem Serienmeister Juve – so gross war die Aussicht auf den «Scudetto» seit zwanzig Jahren nicht mehr gewesen. Die meisten anderen Clubs sind skeptisch: Der Betrieb müsste ja spätestens im Mai reaktiviert werden, damit überhaupt eine Aussicht besteht, dass der Sommer für alles reicht: Meisterschaft, Pokal, europäische Wettbewerbe, Pause, Wiederaufnahme. Niemand trainiert, viele ausländische Stars sind in die Heimat zurückgekehrt, damit da wieder etwas Schwung aufkäme, bräuchte es seine Zeit.

Lazio Rom um Topstürmer Ciro Immobile ist so nahe am Meistertitel dran wie seit 20 Jahren nicht mehr. EPA/CHRISTIAN BRUNA
Lazio Rom um Topstürmer Ciro Immobile ist so nahe am Meistertitel dran wie seit 20 Jahren nicht mehr. EPA/CHRISTIAN BRUNA
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Unterdessen werden sich die Vereine wohl am Krisenmanagement Juves orientieren, am Vorbild aus Turin, einmal mehr. Der gesamten Serie A droht ein Ausfall von 730 Millionen Euro, 430 davon allein aus den Fernsehrechten. Sky und Dazn, die zwei Bezahlsender auf dem Markt, haben von der letzten Tranche für diese Saison bereits 215 Millionen überwiesen, als Anzahlung – sie werden auch die zurückwollen, falls gar nicht mehr gespielt würde. Die beiden Vereine aus Genua, Sampdoria und Genoa, der AC Turin und Napoli bezahlen schon seit Februar keine Löhne mehr, um die Vereinsbücher zu schützen. Ohne Absprache allerdings, ist natürlich auch ein Modell.