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Unterwegs mit dem Profikiller

Krimi der Woche: Wie sieht das Arbeitsleben eines Auftragsmörders aus? Oft skurril, zeigt Meisterautor Lawrence Block in «Kellers Hitparade».

Hanspeter Eggenberger
Lawrence Block zählt zu den bedeutendsten lebenden Krimiautoren.
Lawrence Block zählt zu den bedeutendsten lebenden Krimiautoren.
Mary Reagan

Der erste Satz

In einer Hand ein Bier, in der anderen einen Hotdog, stieg Keller die Betonstufen zu seinem Platz hinauf.

Das Buch

Auftragskiller ist ein spezieller Beruf. Was der New Yorker John Keller in diesem Job erlebt, ist bisweilen entsprechend bizarr. Den Auftrag, einen Hund zu töten, der im Central Park die Hunde von zwei Freundinnen getötet hat, wollte er eigentlich lieber nicht annehmen. Doch er kann das Geld brauchen. Bevor er aber den Auftrag erfüllen kann, bezahlt ihn die eine Frau dafür, die andere umzubringen. Und diese wiederum beauftragt ihn, die andere umzubringen, und zwar zusammen mit ihrem eigenen Mann, der mit ihrer Freundin ein Verhältnis habe.

So wild geht es im Arbeitsalltag von John Keller zwar nicht immer zu und her, aber mehr oder weniger böse Überraschungen gibt es immer wieder. Die Hunde- bzw. Dreiecksgeschichte ist nur einer von neun Jobs, von denen der New Yorker Meisterautor Lawrence Block in «Kellers Hitparade» erzählt. Es ist eine Art Episodenroman, in dem die einzelnen Geschichten lose verknüpft sind.

Keller sieht das Töten als Business, mit moralischen Fragen will er sich da nicht auseinandersetzen.

Lawrence Block, 81 Jahre alt und immer noch aktiv, gehört zu den bedeutendsten Autoren der zeitgenössischen Kriminalliteratur. Seine in den Siebzigerjahren begonnene Serie um den melancholischen New Yorker Privatdetektiv Matthew Scudder brachte ihm viel Erfolg und Ehre. Neben diesem ernsten Stoff gibt es von Block auch eine witzige Reihe um einen New Yorker Buchhändler, der nachts zum Gentleman-Einbrecher wird. Über den Killer Keller schrieb Block ursprünglich in Shortstorys für den amerikanischen «Playboy», die er vor 20 Jahren zu einem Buch zusammenfasste («Hit Man», Deutsch: «Kellers Metier», 2018). Seither hat er weitere vier Keller-Bände geschrieben, drei gibt es bis jetzt auf Deutsch.

Keller sieht das Töten als Business, mit moralischen Fragen will er sich da nicht auseinandersetzen, auch wenn er sich durchaus an so etwas wie einen Ehrenkodex hält. «Für einen Soziopathen wäre so was wesentlich einfacher», denkt er schon mal. «Wirklich schade, dass es dafür keine Kurse gab, nach deren Abschluss man vielleicht sogar ein Zertifikat als geprüfte soziopathische Persönlichkeit bekam.»

Lakonie und staubtrockener Humor tragen bei «Kellers Hitparade» wesentlich zum Lesevergnügen bei. Und ein besonderer Reiz liegt darin, dass die Ausführung der meisten Auftragsmorde nicht direkt erzählt wird, sondern erst danach in Gesprächen zwischen Keller und seiner Agentin Dot bei einem Eistee auf der Veranda ihres Hauses in White Plains, einem Vorort von New York. Wobei Keller oft eher wortkarg bleibt. «Du bist mir vielleicht einer», sagt Dot einmal. Er habe doch gar nichts gesagt, antwortet er. «Es war die Art, wie du nichts gesagt hast», sagt sie. «Das hat Bände gesprochen.»

Die Wertung

Der Autor

Lawrence Block, geboren 1938 in Buffalo, New York, zählt zu den bedeutendsten lebenden Krimiautoren. Er wollte schon als Teenager Schriftsteller werden und veröffentlichte die erste Shortstory, bevor er 20 wurde. Neben Kriminalgeschichten schrieb er zunächst unter verschiedenen Pseudonymen, zum Beispiel Jill Emerson, auch Sexromane, dies einerseits zum Geldverdienen, anderseits um das Schreiben zu trainieren.

Unter seinem wirklichen Namen veröffentlichte er bisher weit über 50 Romane, die ihm nicht nur ein gutes Einkommen, sondern auch Ruhm und Ehre bescherten. Mit seiner Serie um den mit schweren Alkoholproblemen kämpfenden, melancholischen New Yorker Privatdetektiv Matthew Scudder schrieb er sich in die Geschichte der modernen Kriminalliteratur. Die Serie (seit 1967) umfasst 17 Romane, eine Shortstory-Sammlung und einen Kurzroman. 2 Scudder-Romane wurden verfilmt: «Eight Million Ways to Die» 1986 von Hal Ashby nach einem Drehbuch von Oliver Stone mit Jeff Bridges und «A Walk Among the Tombstones» («Ruhet in Frieden») 2014 von Scott Frank mit Liam Neeson.

Eher auf der witzigen Seite ist die 11-teilige Serie (1977 bis 2013) um den New Yorker Buchhändler und Gentleman-Einbrecher Bernie Rhodenbarr. Einer der Romane wurde 1987 von Hugh Wilson unter dem Titel «Burglar» («Die diebische Elster») mit Whoopi Goldberg als Bernice Rhodenbarr als Komödie verfilmt.

Lawrence Block ist mit zahlreichen Preisen für einzelne Werke, aber auch für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden, darunter mit den höchsten Auszeichnungen der wichtigsten Organisationen, etwa dem Grand Master Award der Mystery Writers of America (1994), dem Eye Lifetime Achievement Award der Private Eye Writers of America (2002) und dem Cartier Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association (2004). Block engagiert sich bis heute aktiv in der amerikanischen Kriminalliteratur-Szene und fördert junge Autoren. Er hat zudem mehrere Bücher über das Schreiben veröffentlicht.

Vor ein paar Jahren hat Lawrence Block begonnen, seine Werke als E-Books und Paperbacks in sogenanntem Self-Publishing selbst herauszugeben und zu vermarkten. Dies nicht nur in Englisch, sondern auch in weiteren Sprachen, darunter auf Deutsch. So wurde die ganze Scudder-Reihe, die auf Deutsch ursprünglich vor allem im Heyne-Verlag erschienen ist, von seiner eigenen LB Productions neu aufgelegt und ergänzt. Auf diesem Weg erscheinen nun auch die Bücher um den Profikiller John Keller erstmals auf Deutsch. Der eigene Vertrieb hat zur Folge, dass die deutschen Titel nur beim Versandhändler Amazon erhältlich sind.

Lawrence Block lebt und arbeitet seit Jahrzehnten in New York City, wo auch die Protagonisten seiner Werke zu Hause sind.

Lawrence Block: «Kellers Hitparade» (Original: «Hit Parade», William Morrow, New York 2006). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. LB Productions, New York 2019. 278 S., ca. 17 Fr. (via Amazon.de).
Lawrence Block: «Kellers Hitparade» (Original: «Hit Parade», William Morrow, New York 2006). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. LB Productions, New York 2019. 278 S., ca. 17 Fr. (via Amazon.de).

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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