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Mamablog: Mein ErziehungsstilVerwöhnt? Nein, selbstbestimmt!

Die Angst vor «unerzogenen» Kindern, die einem auf der Nase rumtanzen, ist gross. Unsere Bloggerin sieht das anders.

Wir backen heute, Mama! Denn Kinder dürfen doch eigentlich viel zu selten mitbestimmen.
Wir backen heute, Mama! Denn Kinder dürfen doch eigentlich viel zu selten mitbestimmen.
Foto: Getty Images

Kürzlich sah ich im Schaufenster einen grünen Pullover und obwohl ich mich am liebsten schwarz kleide, wusste ich, dass dieses dunkle Grün meinen roten Haaren schmeicheln würde. Im Laden fragte ich nach meiner Grösse. Der Verkäufer händigte mir einen neongelben Pullover aus. Ich wies ihn drauf hin, dass ich eigentlich den grünen wollte. Er aber zuckte nur mit den Schultern: «Jetzt bitte kein Drama machen.» Schon lag der gelbe Pullover in meiner Einkaufstasche. Ich suchte die Filialleiterin, wobei mich diese genauso wenig verstand. Dass Gelb mich noch blasser machen würde, schien ihr völlig egal. Stattdessen stellte sie sich hinter ihren Mitarbeiter und meinte: «Richtig so, sonst tanzen uns diese Kundinnen noch auf der Nase rum».

Jetzt aber im Ernst. Wäre sie wahr, wäre die Geschichte ein Skandal. Für Kinder ist sie aber Alltag. Vor Kurzem auch für meine Tochter. Wir hatten Besuch. Ich schenkte uns gerade Wasser ein, als meine Tochter protestierte, weil ich ihr den gelben Becher reichte. Ohne gross zu überlegen, nahm ich ihren Lieblingsbecher aus der Geschirrmaschine, spülte ihn kurz aus und stellte ihn vor sie hin. Und dann kam er, dieser Satz, vor dem sich Eltern beinahe genauso fürchten, wie vor einem Kinderschrei mitten in der Nacht. Er lautete: «Na, sie tanzt Dir aber ganz schön auf der Nase rum.»

Warum ist die Angst vor Kindern, die einem auf der Nase tanzen, nur so gross? Kinder kommen ja nicht auf die Welt und wissen intuitiv, dass man Gutmütigkeit ausnutzen soll. Das schauen sie höchstens von uns Erwachsenen ab. Manche argumentieren, dass Kinder lernen müssen, nicht alles zu bekommen, was sie wollen. Im echten, «toughen» Leben sei das später schliesslich auch nicht so. Das würde dementsprechend heissen, dass Menschen besser mit Unglück umgehen können, wenn sie als Kinder absichtlich unglücklich gemacht wurden.

Unterschätzte Selbstbestimmung

Ausserdem bekommen Kinder nun wirklich selten alles, was sie wollen. Beispielsweise müssen sie ständig warten, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind: Mit waschen, telefonieren, kochen, einkaufen. Und nicht nur das. Kinder können allgemein extrem wenig mitbestimmen. Ob sie heute in die Kita gehen oder die Oma besuchen. Ob sie noch spielen dürfen oder schon ins Bett müssen. Ob sie 10 oder 20 Minuten am iPad (URL) sitzen dürfen. Was sie essen, wann sie Haare schneiden oder Zähne putzen sollen. Kinder haben auf ihr Leben praktisch null Einfluss.

Dabei wird Selbstbestimmung total unterschätzt. Es gibt Studien, die belegen, dass Selbstbestimmung – übrigens eines unserer wichtigsten Grundbedürfnisse – sich entscheidend auf unser Wohlbefinden und unsere Psyche auswirken. Auch die Pädagogik der einst für den Friedensnobelpreis nominierten Maria Montessori setzte auf die These: Je mehr Selbstbestimmung ein Kind bekommt, desto besser kann es später das Leben bewältigen. Selbstbestimmung macht Kinder also gesund, glücklich und stark. Und doch machen wir uns oft viel mehr Sorgen um Eltern, die ihren Kindern angeblich jeden Wunsch erfüllen, als um solche, die ihnen zu wenig Selbstbestimmung zugestehen.

«Ja» als Standardantwort?

Manch eine mag vielleicht im Anschluss kommentieren: Aber Kinder brauchen doch Grenzen! Klar. Aber halt solche, die auch wirklich Sinn machen. Wenn es beispielsweise um ihre Sicherheit und Gesundheit geht. Meine Fünfjährige kann nicht selber entscheiden, ob sie geimpft werden soll oder nicht. Aber sie kann sehr gut entscheiden, welche Farbe ihr Becher haben soll. Sie kann auch gut selbst bestimmen, wann sie baden oder ob sie ihre Jacke erst draussen anziehen möchte.

«Pick your battles wisely», schreibt Alfie Kohn in seinem Bestseller «Unconditional Parenting» (Deutsche Leseprobe hier). Überlegen Sie sich also gut, welchen Kampf Sie aufnehmen wollen und lassen Sie die Fünf auch mal gerade sein. Kohn empfiehlt ausserdem, dass die Standardantwort von Eltern immer «Ja» lauten müsste. Dazu ein Beispiel des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Markwort-Schulte: «Wenn es regnet und das Kind sich weigert, die Regenstiefel anzuziehen, geben Sie ihm einfach trockene Socken mit in den Kindergarten.» Denn jeder Machtkampf, den wir mit einem Kleinkind eingehen würden, sei ein verlorener Kampf.

Unnötig autoritäre Erziehung

Natürlich klappt das in der Praxis nicht immer. Oft fehlt die Zeit oder die Geduld für lange Verhandlungen. Noch öfter liegt aber die Ursache für eine unnötig autoritäre Erziehung im gesellschaftlichen Druck. Im Kult um wohlerzogene Kinder.

Nach meinen bescheidenen sechs Jahren als Mutter lautet mein vorläufiges Fazit: Wir ziehen das mit der Selbstbestimmung «plus ou moins» durch und ich habe kein einziges Mal erlebt, dass meine Kinder mir auf der Nase rumtanzen wollten. Im Gegenteil. Sie wollen mit uns kooperieren und finden es cool, ernst genommen zu werden. Ausserdem wollen sie uns Eltern glücklich machen. Uns lachen sehen. Am allerliebsten wollen sie aber mit uns zusammen kichern. Gerne auch tanzend. Und zwar nicht auf der Nase, sondern in der Küche.

Dieser Text erschien zuerst in längerer Form auf chezmamapoule.com.

28 Kommentare
    MarIsa

    Toll, wunderbar! Ihre Kinder sind glückliche Kinder und haben eine einzigartige Mom!

    Ich habe sehr spät ein Wunschkind bekommen und versuche dies jeden Tag so zu machen. Mein kleines Chögli zeigt mir auch jeden Tag, dass ich es gut mache. Sie strahlt, sie giggelet, sie ist ein Sonnenschein und unsere grosse Freude. Und wie Sie so treffend schreiben, sie wollen kooperieren und ernst genommen werden. Denn für die Kleinen ist dies ein Spiel und keine Erziehung. Irgendwann in 20 Jahren wird das Spiel nämlich dafür sorgen, dass sie erzogen wurden und ihr Leben meistern werden. Und bei allem ist es doch einfach wichtig, ihnen Freude zu vermittlen, Freude am Leben. Denn wenn wir es jetzt noch icht gemerkt haben, wann dann: DAS LEBEN IST EIN FEST! Feiern wir es, mit unseren Lieben!