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Neuer Präsident der Kirgisischen RepublikVom Knast in den Präsidentenpalast

Sadyr Schaparow hat die Wahlen in der Kirgisischen Republik haushoch gewonnen. Mit dem scharfzüngigen Volkstribun verabschiedet sich das zentralasiatische Land von einem Demokratie-Experiment.

Er steht für ein System mit einem starken Präsidenten: Sadyr Schaparow, künftiger Staatschef der Kirgisischen Republik.
Er steht für ein System mit einem starken Präsidenten: Sadyr Schaparow, künftiger Staatschef der Kirgisischen Republik.
Foto: Keystone

Die Nacht war noch nicht vorüber, als auf einem Grundstück in der zentralasiatischen Kirgisischen Republik ein weisses Auto anhielt und ein dunkel gekleideter Mann ausstieg. Er war Stunden zuvor aus dem Gefängnis befreit worden. Sadyr Schaparow wurde vor dem Haus erwartet. Er blieb stehen, beugte sein Haupt, über dem nun eine ältere Frau mit Kopftuch dreimal eine kleine weisse Schale kreisen liess. Dann spuckte Schaparow in die Schale, die Frau schüttete den Inhalt aus, und jemand setzte ihm einen weiss-schwarzen Hut auf. Es gab Umarmungen, Küsschen, Schaparow war zurück. Und frei.

Auf Youtube ist diese Sequenz von seiner Heimkehr zu sehen, aufgenommen am 6. Oktober. Nur drei Monate später wurde er ins höchste Staatsamt gewählt. Sadyr Schaparow (52) ist seit Sonntag Präsident der Kirgisischen Republik.

Die erstaunliche Wendung im Leben Schaparows könnte auch eine Zäsur in der Geschichte seines Landes werden. Erst vor zehn Jahren hatte sich die gebirgige Kirgisische Republik nach dem Sturz des Präsidenten zu einem Experiment entschieden. Das gab es noch nie: Umgeben von zentralasiatischen Despoten schuf das Land eine parlamentarische Demokratie.

Schaparow beendet diese Phase nun. Denn am Tag seiner Wahl stimmte die Bevölkerung auch für die Rückkehr zum System mit einem mächtigen Präsidenten – Schaparow sieht keinen Grund für Bescheidenheit.

Rebellion nach Parlamentswahl

Er gewann die Präsidentenwahl mit 79 Prozent der Stimmen. Aber dass er überhaupt antreten durfte, hat er einem Aufruhr im Herbst zu verdanken. Nach der offenbar manipulierten Parlamentswahl Anfang Oktober brach Chaos aus, es gab Plünderungen, Regierungsgegner stürmten das Parlament und den Sitz des Präsidenten.

Schaparow wurde aus dem Gefängnis befreit, «Sadyr, Sadyr», skandierte die entzückte Menge, denn Schaparow gilt schon lange als scharfzüngiger Volkstribun, der nun zupackte und die politischen Wirren nutzte. Die Parlamentswahl wurde annulliert, der umstrittene Staatschef Dscheenbekow aus dem Amt gedrängt. Und Schaparow drängte hinein.

Er will nun die weit verbreitete Korruption beenden. Und dazu sei nun mal ein starker Präsident notwendig, sagte Schaparow, der allerdings selber mit zwielichtigen Menschen in Verbindung gebracht wird. Kritiker befürchten, dass mit ihm nun jener Autoritarismus zurückkehrt, der immer wieder das Land geprägt hat. Mehrmals sind kirgisische Präsidenten gestürzt worden oder ins Exil geflüchtet. Die Spanne zwischen Macht und Knast kann kurz sein.

Die Parlamentswahl soll manipuliert worden sein: Proteste im letzten Oktober in Bischkek, der Hauptstadt der Kirgisischen Republik.
Die Parlamentswahl soll manipuliert worden sein: Proteste im letzten Oktober in Bischkek, der Hauptstadt der Kirgisischen Republik.
Foto: Keystone

Der neue Präsident stammt aus einem Dorf im wohlhabenderen Norden der Kirgisischen Republik. Nach dem Studium arbeitete Schaparow in einer sowjetischen Kolchose, wurde Chef in einem Landwirtschaftsbetrieb. Dann steigerte er seinen Einfluss. Schaparow leitete diverse Ölbetriebe, wurde Abgeordneter und Berater des Präsidenten.

Seinen Ruf als nationalistischer Einpeitscher erhielt er, als er sich 2012 dafür starkmachte, die grösste Goldmine zu verstaatlichen. Ein Jahr später gab es wieder Unruhen wegen der Mine. Schaparow wurde beschuldigt, zur Geiselnahme eines Gouverneurs angestachelt zu haben, setzte sich jedoch ins Ausland ab.

«Russland ist unser strategischer Partner»

Als Schaparow 2017 in die Kirgisischen Republik zurückkehrte, wurde er geradewegs am Flughafen festgenommen und wegen der Unruhen und der Geiselnahme zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Tragisch für ihn war, dass während seiner Haft beide Elternteile starben – dann auch noch sein Sohn bei einem Verkehrsunfall. Schaparow versuchte, sich die Venen aufzuschneiden, überlebte aber.

Nun ist er Präsident und muss erklären, wie er als glühender Nationalist das enge Verhältnis mit Russland halten will, das in der Kirgisischen Republik eine Militärbasis hat und lebenswichtig ist als Arbeitsmarkt für einen Grossteil der kirgisischen Wanderarbeiter. «Russland ist unser strategischer Partner», versicherte Schaparow nach der Wahl. Aus Moskauer Sicht war das schon ein guter Anfang.