Vom Patrizierleben ins Ungewisse

Fundiert und farbig erzählt Geneviève Lüscher (65) in «Achmetaga» die ungewöhnliche Auswanderungsgeschichte eines Patrizierpaares. Sie begann und endete in Hofwil bei Münchenbuchsee, wo im 19. Jahrhundert ein agronomisches und pädagogisches Pilotprojekt berühmt war.

Heute: Geneviève Lüscher auf dem Gelände des heutigen Gymnasiums in Hofwil bei Münchenbuchsee, wo ihr Dokuroman beginnt.

Heute: Geneviève Lüscher auf dem Gelände des heutigen Gymnasiums in Hofwil bei Münchenbuchsee, wo ihr Dokuroman beginnt.

(Bild: Raphael Moser)

Der Ort für den Fototermin war rasch gefunden: Die Protagonisten in Geneviève Lüschers historischem Roman sind geprägt von Hofwil (früher Hofwyl geschrieben). Inspiriert von den Reformideen der Aufklärung, hatte der Berner Patrizier Philipp Emanuel von Fellenberg (1771–1844) auf dem Areal des heutigen Gymnasiums einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb gegründet, dazu eine europaweit berühmte Bildungsanstalt für Söhne gehobenen Standes, aber auch eine ­Armenschule.

Damals: Im grossen Haus wurden die vornehmen Zöglinge unterrichtet, links befand sich das Gewächshaus. Foto: Burgerbibliothek Bern, Gr.B. 676 (Jürg Bernhardt)

Seine Frau Mar­garethe Tscharner betreute die Grossfamilie, zu der ausser den Institutszöglingen acht eigene Sprösslinge sowie Pflegekinder gehörten. Doch ihr Gatte war ein jähzorniger Despot, der sich mit allen verkrachte und seine Söhne ins Ausland trieb.

Emigration aus Idealismus

Auch seine Tochter Emma wanderte aus nach ihrer Heirat mit Charles Müller, den sie von seiner Schulzeit in Hofwyl kannte. Der Sohn eines Offiziers in der britischen Armee hatte zusammen mit seinem englischen Freund Edward Noel, ebenfalls ein ehemaliger Hofwyler, von einem türkischen Grossgrundbesitzer ein grosses Landgut auf der griechischen Insel Euböa gekauft: nicht aus materieller Notwendigkeit, sondern aus Solidarität mit dem Befreiungskampf der Griechen nach vierhundert Jahren osmanischer Herrschaft. Der Patriarch von Fellenberg teilte zwar diese ganz Europa erfassende philhellenische Begeisterung, verweigerte aber diesem Auswanderungsprojekt die Unterstützung.

Die Lebensbedingungen auf der Insel erwiesen sich als schwierig, vor allem für Emma: Das abgelegene Gut Achmetaga war heruntergekommen und das Klima harsch, sie litt unter Einsamkeit und Heimweh. Doch während Edward Noel und seine Frau bald aufgaben, brachte Charles die Land- und Forstwirtschaft, vor allem aber den Magnesitabbau zum Erfolg. Trotzdem kapitulierte er schliesslich vor den bedrohlichen politischen Unruhen und kehrte mit Emma zurück nach Hofwyl, das er von den zerstrittenen Erben des Gründervaters kaufen konnte. Die beiden liegen in der Familiengruft des (in Privatbesitz befindlichen) Schlossparks.

Aufwendige Recherche

Auf diese Geschichte stiess Ge­neviève Lüscher durch ihre Rezension einer Dissertation über die Familie Fellenberg in Hofwyl. «Mich faszinierte die europa­weite Ausstrahlung eines fortschrittlichen Sozialprojekts in der Nähe meines Wohnorts», sagt die in Bern lebende Wissenschaftsjournalistin. Zwei Jahre hat sie recherchiert. In der Berner Burgerbibliothek fand sie viele Briefe der Familie Fellenberg, in andern Bibliotheken und vor allem im Internet zwei Dutzend einschlägige Publikationen aus dem 19. Jahrhundert. «Ich konnte an einem Faden ziehen, und immer mehr Fakten kamen zum Vorschein», erzählt sie. «Diese Detektivarbeit machte mir grossen Spass.»

Es habe sie berührt, das ehe­malige Gut Achmetaga zu sehen, das heute Candili Estate heisst und von einem Nachfahren Edward Noels betrieben wird. Geneviève Lüscher und ihr Mann, als Archäologen mit altem Be­zug zu Griechenland, verbrachten ein Jahr auf Euböa, während sie ihren Roman schrieb. Deshalb wohl ist darin die Landschaft so präsent mit ihrem intensiven Pinienduft und den spektakulären Sonnenuntergängen. Als Nebenprodukt gibt es im Internet einen sehr persönlichen Wanderführer für die vom Tourismus wenig berührte Insel (www.wandern-griechenland.ch).

Und woher stammen die prägnanten Charakterzüge der Romanfiguren? «Das war eine Herausforderung, weil ihre Briefe zwar viele Details, aber wenig Gefühle enthalten», sagt die Autorin. Und sie gibt zu: «Einige Eigenschaften von Emma stammen eigentlich von ihrer Schwester Olympe, mit ihrem Mann – noch ein ehemaliger Hofwyler – auch Gutsbesitzer in Griechenland und viel positiver eingestellt.» Aber sonst gebe es kaum eine Erfindung, die sich nicht durch Berichte oder Bilder belegen lasse.

Verschiedene Schriftarten

Was all jene freut, die bei der Lektüre eines historischen Romans zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden möchten: Die suggestiven Erzähltexte, die ausgiebigen Briefzitate und die fundierten Hintergrundtexte erscheinen in verschiedenen Schriftarten. So wird man gefesselt von den farbigen Szenen und erwirbt zugleich viel verbürgt historische Kenntnis. So sollte ein Dokuroman sein!

Geneviève Lüscher: «Achmetaga. Ein Patrizierleben zwischen ­Griechenland und Bern». Mit histo­rischen Illustrationen, Karte und Stammbäumen. Stämpfli-Verlag, Bern. 251 S.

Berner Zeitung

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