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Start-up für nachhaltige LandwirtschaftVom Schulversager zum Überflieger

In der Schule fiel Marcel Florian durch, als Unternehmer reiht er Erfolg an Erfolg. Mit seiner dritten Firma hofft er auf den Durchbruch in der TV-Show «Höhle der Löwen».

Unternehmer Marcel Florian in seinem Gewächshaus, wo Salat und Gemüse in die Höhe und nicht in der Fläche angebaut werden.
Unternehmer Marcel Florian in seinem Gewächshaus, wo Salat und Gemüse in die Höhe und nicht in der Fläche angebaut werden.
Foto: Pino Covino

Hätte man den Teenager Marcel Florian nach seinen Zielen gefragt, hätte die Antwort gelautet: «Geld verdienen, um mir ein schnelles Auto kaufen zu können.» Heute, mit 27 Jahren, sagt Marcel Florian Dinge wie: «Die Landwirtschaft ist einer der grössten Klimasünder. Deshalb ist unser Ziel, durch ressourcenschonenden lokalen Anbau von Kräutern und Beeren möglichst viele Importe mit langen Handelswegen zu vermeiden.» Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Florians Karriere begann wie die vieler Unternehmer: schlechte Schulnoten, frühe Selbstständigkeit. Statt fürs Abitur zu lernen, programmierte er im Wohnzimmer Internetauftritte für Kunden. «Ich scheiterte an der Abiturprüfung, war aber mit meinem Hobby so erfolgreich, dass ich mir mit 18 Jahren einen 3er BMW leisten und einen Job bei Audi ergattern konnte», erinnert sich der Würzburger. Doch lange hielt er es nicht aus in der Konzernstruktur. Florian schrieb sich für den neuen Studiengang eCommerce ein, gründete nebenher zwei Firmen im Onlinebusiness. Vor drei Jahren zog der Unternehmer in die Schweiz, wurde Vater und fragte sich: «Was will ich noch, ausser Geld verdienen? Was braucht es wirklich in 10 oder 20 Jahren?»

Japan macht es vor

Florian begann, sich für die Nahrungsmittelindustrie zu interessieren, und war begeistert vom Konzept «Vertical Farming», das in Japan seit 20 Jahren genutzt wird, um die Bevölkerung der Metropolen mit frischem Salat und Kräutern zu versorgen. Angebaut wird nicht draussen auf Feldern in die Breite, sondern in automatisierten Indoor-Anlagen in die Höhe.

Seit einem Jahr gibt es auch in Basel eine solche «Robotic Vertical Farm». Zwar mangelt es in der Schweiz nicht an Landwirtschaftsfläche, doch viele Nahrungsmittel werden importiert und legen dabei Tausende von Transportkilometern im Flugzeug oder auf dem Frachtschiff zurück. Das ist nicht nur schlecht fürs Klima, sondern auch für den Nährstoffgehalt der Pflanzen. Florian will mit seiner Firma Growcer einen Teil dieser Billigimporte mit schlechter CO2-Bilanz ersetzen. Und er fand in der Migros Basel eine Projektpartnerin, die beim Bau der ersten Farm auf dem Wolf-Areal mithalf.

Schwamm als Erdersatz

Beim Gang durch die Produktionsanlage erläutert Firmenchef Florian, dass Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit exakt auf die Anforderungen der einzelnen Pflanzen angepasst werden können. Wasabi-Rucola, verschiedene Schnittsalat-Sorten, Thai-Basilikum und Randenblätter gedeihen hier in über drei Meter hohen Türmen, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, Wasser mit Nährstoffen wird gemäss dem spezifischen Bedarf der Pflanzen zugeführt und in einer Mischung aus Kokoswolle und Torf gespeichert. Bald soll ein wiederverwendbarer Schwamm als Erdersatz dienen.

Weil es drinnen weder schlechtes Wetter noch unkontrollierte Temperaturschwankungen gibt, wachsen die Pflanzen laut Florian doppelt so schnell wie draussen. Und schmackhaft – das zeigt ein Test vor Ort – sind sie auch. «Der Vitamin-C-Gehalt in unserem Rucola ist um 30 Prozent höher», sagt Florian und startet einen kleinen Exkurs über die Steuerung des Lichtspektrums. «Wir haben das erreicht, indem wir ihn zwei Tage vor der Ernte mit blauem Licht beleuchten.» Der Preis der Indoor-Erzeugnisse bewegt sich im Bereich des Bio-Produktesegments.

Erdbeeren im Winter mit gutem Gewissen

Seit Juni beliefert das 13-köpfige Growcer-Team täglich sechs Migros-Filialen im Raum Basel, bis Ende Jahr sollen es 40 Verkaufsstellen sein. In der Farm in Basel könnte die Jahresproduktion von derzeit 6 auf 20 Tonnen erhöht werden, doch mittelfristig peilt Florian ganz andere Ziele an:

Geplant ist eine zweite Farm in Gossau mit einer Produktionskapazität von 300 Tonnen – in unmittelbarer Nähe nicht nur zur Migros, sondern auch zu Coop und Spar. Und die Produktepalette soll wachsen: Auch Erdbeeren, Himbeeren, Tomaten und Gurken möchte Florian im Ganzjahresbetrieb anbieten. «So können wir ohne schlechtes Gewissen Erdbeeren zu Weihnachten konsumieren.»

Der Bau der automatisierten Indoor-Farmen, der Betrieb und die laufende Optimierung kosten eine Menge Geld. Eine halbe Million Franken hat Florian bei der Firmengründung vor 18 Monaten selber investiert, einen gleich hohen Betrag steuerten private Investoren bei.

Durch den Auftritt bei der TV-Show «Höhle der Löwen» an diesem Dienstag möchte Florian nun ein breiteres Publikum für die Möglichkeiten von «Vertical Farming» sensibilisieren. Und sollte einer der Juroren bei Growcer investieren wollen, käme das nicht ungelegen. «Von der Logistik-Erfahrung eines Roland Brack zum Beispiel könnten wir nur profitieren», sagt der Jungunternehmer – und fügt gleich an, dass Growcer sich nicht auf den Schweizer Markt beschränken wolle.

Chancen am Golf

«Wirklich interessant würde es, wenn wir uns in Dubai, Saudiarabien oder Katar etablieren könnten. In diesen Regionen wird Öl verbrannt für die Wassergewinnung, zudem wird ein Grossteil der Nahrungsmittel importiert», sagt Florian. «Das Interesse an platzsparendem Nahrungsmittelanbau mit 90 Prozent weniger Wasserverbrauch ist entsprechend hoch – und an Sonnenenergie für den Betrieb der Farmen mangelt es wirklich nicht im Mittleren Osten.»

Allerdings hat Florian auch gemerkt, dass europäische Unternehmen gegenüber der Konkurrenz aus Südkorea und Taiwan eher im Hintertreffen sind in Sachen Automatisierung und Robotik. Deshalb gibt er «Vollgas», arbeitet an sechs Tagen pro Woche rund 15 Stunden und zahlt sich dafür keinen Lohn aus – zum Glück werfen die anderen beiden Firmen genug Geld ab. Und was ist aus seiner Leidenschaft für teure Autos geworden? Florian grinst und deutet mit dem Daumen nach draussen, wo eine Tesla-Elektrolimousine in der Sonne glänzt. «Noch kann ich mir den Wagen leisten», sagt der 27-Jährige. «Aber sollte die Firma das Geld brauchen, würde ich ihn verkaufen.»

3 Kommentare
    Martina Widmer

    Wie konnte er sich an der Uni einschreiben, wenn er beim Abitur gescheitert ist?