Von der Erfindung der Menschenrassen

Das Hygiene-Museum in Dresden zeigt in einer Sonderausstellung, wie tief Diskriminierung in der Gesellschaft verankert ist – und ist fast selbst in die Rassismus-Falle getappt.

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Felix von Luschan ist viel herumgekommen in der Welt. Der Österreicher reiste Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts durchs heutige Kroatien, Montenegro, Syrien, Russland und die Türkei. Als Anthropologe lernte er die Vielfalt der Menschen kennen – und beschränkte sie schliesslich auf äusserliche Merkmale. Luschan entwickelte eine Farbtafel, wie man sie heute aus dem Baumarkt kennt. 36 Farbtöne, von klinisch weiss über braun und orange bis tiefschwarz. Mithilfe dieser Kategorien konnte er die Hautfarbe von Menschen bestimmen. Unter Forschungsreisenden war sie sehr verbreitet.

Aber die Hautfarben-Tafel illustriert auch Rassismus. Und dass Rassismus von der Menschheit erfunden wurde. Ausgerechnet das Hygiene-Museum in Dresden widmet diesem Thema nun eine Ausstellung. Das hat mit der Geschichte des Hauses zu tun. Die Rassentheorie Felix von Luschan und anderen Wissenschaftlern legte den Grundstein für die Ideologie der Nationalsozialisten. Und bei deren Verbreitung spielte das Hygiene-Museum eine unrühmliche Rolle.

Zur NS-Zeit stellte das Museum Lehrmittel her

Seit der Gründung 1911 gab es im Haus, das zur gesundheitlichen Aufklärung beitragen sollte, eine Abteilung für Rassenhygiene. Zur Zeit des Nationalsozialismus lieferte das Museum Lehrmittel für Schulen, Wandtafeln, die die «Vererbung von Minderwertigkeit» und die «Vererbung hoher Begabung» zeigen. Sonderausstellungen hiessen «Blut und Rasse» oder «Ewiges Volk».

In dieser Zeit entstand auch der «Gläserne Mensch», eine Figur, unter deren durchsichtiger Hülle alle Organe sichtbar waren und per Knopfdruck beleuchtet werden können. Sie propagierte zur NS-Zeit die Vorstellung des Körpers als perfekt funktionierende Maschine. In der Rassismus-Ausstellung steht der Figur nun eine im Hygiene-Museum entstandene Nachbildung einer zerschossenen Schulter gegenüber – und damit die Verletzlichkeit des Menschen.

Die Ausstellung ist also Selbstreflektion über die eigene Vergangenheit in einem schwierigen Umfeld. Die Stadt Dresden ist als Geburtsstätte der Pegida-Bewegung und die Region als AfD-Hochburg auch gegenwärtig als Hort von Rassismus verschrien. Journalisten und Wissenschaftler versuchen gerade ihrerseits, die Dresdner zu verstehen, deren politische Einstellung in eine Art Farbschema zu pressen. In der Bewertung gibt es zuweilen so wenige Schattierungen wie in Felix von Luschans Hautfarben-Tafel.

Nervosität vor der Ausstellung

Sachsen im Allgemeinen und Dresden im Besonderen sind zutiefst zerrissen. Das Hygiene-Museum versucht seit Jahren einen Dialog zwischen den Lagern zu ermöglichen, öffnet die Türen für verschiedene Diskussionsformate. Der Gesprächsbedarf ist gross: 2015 kamen zu Veranstaltungen über Flucht und Asyl teils bis zu 300 Menschen. Der grosse Vorteil des Hauses besteht darin, dass es zu keinem wissenschaftlichen Institut und keiner politischen Stiftung gehört. Auch wenn sich das Museum mit einem Transparent an der Fassade zur Vielfalt bekennt, sollen Besucher das Gefühl haben, sich auf neutralem Boden zu bewegen.

Und doch ist das Terrain heikel. Bereits Monate vor der Eröffnung war klar, dass die geplante Sonderausstellung provoziert. Als der MDR im Dezember 2017 Museumsdirektor Klaus Vogel mit dem Satz zitierte, es gebe keine Menschenrassen, erreichten ihn die ersten Hass-Kommentare: Ob er zu viel Odol gesoffen habe, fragte jemand. Eine Anspielung auf den Erfinder des Mundwassers und Gründer des Hygiene-Museums. «Ich war noch nie so nervös bei einer Ausstellung», sagt Vogel heute.

Ihm sei es wichtig, dass die Schau nicht als Veranstaltung gegen Anhänger von Pegida oder der AfD verstanden wird. Sie soll aufklären und die Besucher auffordern, eigene Ressentiments zu hinterfragen. Sie sollen erkennen, dass Rassismus in der Gesellschaft tief verankert ist. Aber natürlich ist Vogel auch die Symbolik klar: eine Rassismus-Ausstellung an dem Ort, der gerade besonders mit Rassismus zu kämpfen hat.

Schönheitsideale von damals – heute noch aktuell

Dessen Wurzeln verortet die Ausstellung in der Aufklärung. Damals entstand ein ganzer Forschungszweig, der sich mit der menschenverachtenden Theorie der Rassen beschäftigte. Köpfe und Körperteile wurden vermessen. Plastiken zeigten Menschen verschiedener Abstammung, aber auch Verbrecher. Dahinter steckte die wahnwitzige Idee, Charaktereigenschaften vom Aussehen ableiten zu können. Eine Auswahl ist in der Ausstellung zu sehen. Zwischen ihnen stehen Büsten von Vordenkern des Rassismus – einer von vielen kleinen, feinen Kommentaren, die die Ausstellung setzt.

Auch wenn die Schau vor allem in die Vergangenheit schaut, blickt sie dank kleiner Installationen auch in die Gegenwart. Wie bestimmend in der Vergangenheit entworfene Schönheitsideale bis heute sind, zeigt der Ausschnitt eines Youtube-Tutorials, in dem eine Asiatin erklärt, wie man sich mit speziellem Leim die Lider fest klebt, damit die Augen grösser erscheinen.

Auch von Rassismus Betroffene kommen zu Wort. Eine afrodeutsche Künstlerin provoziert die Besucher zur Grenzüberschreitung, die sie im Alltag immer wieder erlebt. Ihre eigenen Haare hängen in einem Kasten ohne Glasscheibe. Wer es wagt, sie anzufassen, muss damit rechnen, dass plötzlich das Licht angeht und er sich in einem Spiegel ertappt sieht.

John und Joshua Kantara zeigen eine Film-Collage, in der Afrodeutsche aus drei Generationen über ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland sprechen. Die Italienerin Barbara Lubich konfrontiert die Besucher in einer Videoinstallation mit ihren eigenen Klischees: Sie zeigt Menschen verschiedener Herkunft und lässt den Betrachter deren Berufe erraten.

Auch weiss ist eine Hautfarbe

Aber, und das ist mindestens so interessant wie die Ausstellung selbst: Auch die Verantwortlichen sind vor Rassismus nicht gefeit. Bereits 2006 holte Direktor Klaus Vogel die Ausstellung «Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus» aus Washington nach Dresden. Vor wenigen Jahren entstand dann die Idee, sich genauer mit der eigenen Rolle bei der Entstehung der Rassentheorie zu beschäftigen. Dabei tappten die Ausstellungsmacher fast selbst in die Rassismus-Falle. Die Wissenschaftler, die sich zunächst mit dem Thema beschäftigten, waren alle weiss.

Erst als bereits das Ausstellungskonzept stand, fiel der fatale Fehler auf. Schliesslich liess sich das Museum im Rahmen von Workshops von verschiedenen Künstlern, Autoren und Aktivisten beraten, die den Ausstellungsmachern den geplanten Titel der Schau ausredeten: «Rassismus. Ein Phantom.» «Die waren völlig empört. Für sie sei Rassismus kein Phantom, wenn sie morgens in den Bus steigen und angepöbelt werden», sagt Museumsdirektor Vogel.

Wunsch nach einem weltoffenen Dresden

Für ihn war die Entstehung der Ausstellung ein wichtiger Lernprozess. An dessen Ende eine schlichte Erkenntnis steht. «Auch ich habe eine Hautfarbe. Ich bin weiss». Die Beschreibung trifft auch auf die meisten Dresdner und Sachsen zu, die im Hygiene-Museum die Mehrheit der fast 285 000 jährlichen Besucher ausmachen. Selbst nach dem Zuzug von Flüchtlingen ist der Migrationsanteil in Dresden gering, die Ängste dafür umso grösser.

«Und trotzdem glauben einige Dresdner, das Thema der Ausstellung habe nichts mit ihnen zu tun», sagt Susanne Illmer, die für die Veranstaltungen im Hygiene-Museum verantwortlich ist. Sie habe oft genug erlebt, dass sich Menschen auf die Ausrede zurückzögen, bei ihren Vorurteilen könne es sich nicht um Rassismus handeln, weil der Begriff in die Zeit des Nationalsozialismus gehöre. «Aber auch die Ablehnung von bestimmten Kulturen und Religionen ist Rassismus», sagt Illmer.

Dabei machen die Dresdner selbst derzeit Erfahrung mit Ausgrenzung. Dresdens schlechter Ruf reicht mittlerweile bis über die Landesgrenzen. Forschungseinrichtungen haben es schwer, im Ausland um Fachkräfte für den Standort zu werben. Das Hygiene-Museum selbst versuchte im Rahmen eines Förderprogramms eine neue Stelle zu besetzen, deren Schwerpunkt die Förderung der kulturellen Vielfalt im Haus sein sollte. Der favorisierte Bewerber mit iranischen Wurzeln sagte ab. Die Begründung: «Nach Dresden ziehe ich nicht.» Das Image der Stadt lässt sich derzeit ganz gut mit dem Farbton Nummer 27 auf Felix von Luschans Farbtafel beschreiben: dunkelbraun. Die Ausstellung ist ein gelungener Versuch, dieses Image aufzubrechen.

Süddeutsche Zeitung

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