Von Federers verhängnisvollem Matchball bis zu Iouris Pause

Auch in diesem Jahr wurde gefeiert und gezittert, getobt und verloren. Ganz nah dabei: unsere Sportredaktion.

Freudentanz: Die russischen Fussballfans stürmen nach dem Sieg über Spanien den Roten Platz und feiern. Foto: Maxim Schemetow (Reuters)

Freudentanz: Die russischen Fussballfans stürmen nach dem Sieg über Spanien den Roten Platz und feiern. Foto: Maxim Schemetow (Reuters)

Ausgepowert

Die Macht war mit ihm

Goodbye: Phil Taylor. Foto: Getty

Flammend sagt der Zeremonienmeister den allseits bekannten Vers ein letztes Mal auf: «It’s time to meet the recordbreaking, ­historymaking, 16-time champion of the world.» Hunderte sprechen die Lobpreisung mit. Gänsehaut. Dann betritt Phil Taylor mit feuchten Augen die Bühne. Er, der dank des Darts vom einfachen Fabrikarbeiter zum Millionär und zur Legende aufstieg. Nach diesem Auftritt an Neujahr ist aber Schluss.

Zum Abschied steht Taylor nochmals im WM-Final – der 17. Titel greifbar. Seinem Spitznamen «The Power» kann er aber nicht mehr gerecht werden. Gegen Newcomer Rob Cross ist er machtlos. Taylor wird mit Konfetti verabschiedet. Aus den Boxen dröhnt «Viva la Vida» von Coldplay. Bei einem Satz singt der Darts-König inbrünstig mit: «I used to rule the world.» (cst)



Gelandet

Federers Matchball

Roger Federer während des Finals gegen Juan Martin Del Potro in Indian Wells. Foto: Jayne Kamin-Oncea, Reuters

Die Sache scheint geritzt. Ein Punkt fehlt Roger Federer, um auch seine 18. Partie der Saison zu gewinnen, seinen besten Saisonstart weiter zu veredeln. Er hat im Final von Indian Wells im 3. Satz zum 5:4 gebreakt, führt 40:15. Zwei Matchbälle, bei eigenem Aufschlag. «Zu 90 Prozent gewinne ich da», wird er später sagen. Verwirrt, ratlos, perplex.

Vieles macht er bei seinen insgesamt drei Matchbällen nicht falsch. Doch gegenüber steht ihm Juan Martin Del Potro, der Gigant aus Tandil, und der bestraft das kleinste Nachlassen sofort. Er ­attackiert, breakt, siegt noch.

Danach ist für Federer nichts mehr, wie es war. Der Gewinner von drei der letzten fünf Grand-Slam-Turniere ist zurück auf der Erde, verliert wieder häufiger und beendet das Jahr als Nummer 3. Höhenflüge im Sport können jederzeit abrupt enden. (rst)



Überholt

Grinsend vorbei

Tor: Tristan Scherwey. Foto: Keystone

Ich lerne Tristan Scherwey auf der Autobahn kennen. Zwischen Bümpliz und Niederwangen. Ich fahre zügig. Er fährt zügiger. Überholt mich. Sonnenbrille, Handbewegung, Grinsen. Alles inklusive. Neun Jahre ist das her.

Es ist die Zeit, als Scherwey beim SC Bern in die erste Mannschaft kommt. Als ihm Geschäftsführer Marc Lüthi Woche für Woche auf die Zehen steht. Als ihn Sportchef Sven Leuenberger mit Michel aus Lönneberga vergleicht. Als viele ihn mögen, aber wenige ihm etwas zutrauen.

Und jetzt? Scherwey ist Lausbub geblieben und Leader geworden. Sein Tor zum 1:0 für die Schweiz im WM-Halbfinal gegen Kanada ist mein Moment 2018. Dieses Tempo, wie er zwei Kanadier überholt – fast wie damals auf der Autobahn. Allein: Dieses Mal zieht er links vorbei. (rek)



Gefeiert

Liebesgrüsse in Moskau

Die Russen schreiben an der Fussball-WM ein (sportliches) Sommermärchen. Und am 1. Juli steigert sich die prächtige Stimmung in Moskau zum Höhepunkt, weil Gastgeber Russland sensationell nach Elfmeterschiessen den Achtelfinal gegen Spanien gewinnt. Moskau verwandelt sich in eine südländische Partystadt, was auch daran liegt, dass sich viele der aber­tausend lateinamerikanischen Anhänger auf Durchreise in der Stadt befinden.

Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und feiern die ganze Nacht gemeinsam, für ein paar Stunden ist in den Strassen Moskaus erlaubt, was normalerweise verboten ist. Die Begeisterung im Land hält noch sechs Tage an – dann scheitert Russland im Viertelfinal an Kroatien. Nach Elfmeterschiessen. (fdr)



Zugeschaut

Iouri Pechvogel

Es war mitten im Sommer, mitten auf dem Sechseläutenplatz. Iouri Podladtchikov sass auf einem Stuhl, redete über sein Leben und wurde immer wieder gestört. Von Touristen. Sie wollten ein Foto mit der Oper im Hintergrund und fragten den Olympiasieger um Hilfe – ohne zu wissen, dass sie eben einen Olympiasieger fragten. Es sind Szenen, die als Metapher für Podladtchikovs Saison stehen. Der Snowboarder darf nicht machen, was er am besten kann. Snowboarden. Erst muss er seinen Start bei Olympia absagen, Folgen einer Hirnblutung hindern ihn an der Titelverteidigung. Dann wird ihm ein Magentumor diagnostiziert und später auf Magengeschwür korrigiert. Im Dezember nun schlägt es ihn wieder schwer in den Schnee. Hirnerschütterung. Wieder Pause. (czu)



Überrascht

Rappi, der Cup-Schreck

Das «Hei, Rappi-Jona» hallt bis heute nach. So trieben die Fans ihre Lakers am 4. Februar im Cupfinal zum Triumph. 7:2 bezwangen die unterklassigen St. Galler den Rekordmeister aus Davos. Spieler und Anhänger vergossen Freudentränen, später feierten sie den Titel mit einer Freinacht in der Altstadt. Lugano (3:0), Zug (5:1) und Ajoie (4:0) waren auf dem Weg ins Endspiel ausgeschaltet worden.

Gut zweieinhalb Monate später führte Coach Jeff Tomlinson sein Team in der Ligaqualifikation gegen Kloten mit 4:3 Siegen zurück in die National League, worauf die Stadt nochmals glühte. In der höchsten Spielklasse gewann der Aufsteiger bis jetzt zwar nur vier Partien – dafür erwiesen sich die Lakers erneut als Cup-Schreck. Im Final im Februar wollen sie den Titel verteidigen. (ddu)



Belohnt

Fair gewinnt

Dominic Thiem liegt am US Open im dritten Satz 2:4 zurück, hat aber Breakball. Taylor Fritz serviert, der Linienrichter schreit «out». Da fordert Thiem seinen Gegner auf, den Videobeweis zu verlangen, was Fritz tut: Ass und Einstand statt zweiter Aufschlag und möglicher Servicedurchbruch. Nach dem Match sagt der Österreicher: «Wenn der Ball klar auf der Linie ist, dann sage ich das. So bin ich halt.»

Doping, Schwalben, Korruption, Wettbetrug – viel zu oft zeigt die schönste Nebensache der Welt ihr hässliches Gesicht. Da ist es schlicht herzerwärmend, wenn einer, obwohl viel Ehre und noch viel mehr Geld auf dem Spiel steht, echten Sportsgeist beweist. Was die Geschichte besonders schön macht: Thiem hat die Wende trotzdem geschafft. (ädu)



Versunken

Den Blick nach innen

Das Bieler Schachfestival ist schon für viele Talente eine wichtige Bühne gewesen. Auch Magnus Carlsen hat dort 2005 als 14-Jähriger debütiert. Diesen Sommer reiste er erstmals als Weltmeister an. Es war sein letztes Einzelturnier vor dem Titelkampf gegen Fabiano Caruana. Doch wie in den Monaten zuvor lief es ihm nicht rund.

Wenn den Norweger knifflige Varianten umtreiben, lässt sich das an seinem Blick ablesen, der sich selbst mitten in einer Unterhaltung nach innen kehrt. Das konnte man gut nach seinem zweiten Remis gegen Peter Swidler beobachten, als er Autogramme gab. Am Ende der Runde machte er sich in Begleitung seiner Mutter Richtung Hotel auf. Versunken in ein intensives Gespräch, eilte das Duo unbehelligt durch die Bieler Strässchen. (be)



Angenähert

An der Grenze

Die prägendste Erfahrung an den Olympischen Spielen in Pyeongchang ist für mich trotz aller Schweizer Erfolge keine sportliche, sondern die Bustour in die entmilitarisierte Zone zwischen Süd- und Nordkorea. Touristenführerin Kathy erzählt uns vom Leid, das der Konflikt über viele ­Familien brachte. Per Fernrohr spähen wir nach drüben.

Im Sport werden Grenzen ­hinausgeschoben, doch jene zwischen den beiden Korea ist seit 65 Jahren unverrückbar. Auch in Zukunft? Vielleicht war es ja nur eine politische Scharade. Aber die Spiele stehen auch im Zeichen der Annäherung. Kim Jong-un entsendet Cheerleader in den Süden, ein gemeinsames Frauen-Eishockeyteam tritt auf. Es mag naiv sein, doch es ist zu hoffen, dass die Winterspiele einen koreanischen Frühling begünstigt haben. (sg)



Gefrustet

Ein bitterer Abgang

Schlussgang: Matthias Sempach mit Familie. Foto: Raphael Moser

Es ist eine besondere Szenerie am Innerschweizerischen in Ruswil. In der Schwingarena ist es laut, weil Joel Wicki und der spätere ­Sieger Christian Stucki Spektakel bieten. Draussen ist es still, als sich Matthias Sempach nach dem 5. Gang zurückzieht. Nur ein Fan bittet um ein Autogramm. «Ich weiss nicht, wie ­lange es her ist, dass ich schon vor dem letzten Gang ohne Chance auf den Kranz war», hadert er. So sehr er sich aufs Comeback gefreut hat, so gross ist nun sein Frust. Rang 15c.

Was der Schwingerkönig 2013 und Kilchberger-­Sieger 2014 noch nicht weiss: Ruswil wird sein letztes Kranzfest bleiben. Sein lädierter Körper macht nicht mehr mit. Später, am ­Berner Kantonalen, hängt er die Zwilchhosen an den Nagel. In stilvollem Rahmen. Und doch ist es nicht der Abgang, von dem dieser grosse Schwinger geträumt hatte. (atr)



Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt