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US-Talkshow «Ellen DeGeneres»Vor dem Ende

Die Anschuldigungen am Set von Ellen DeGeneres wiegen schwer: vergiftete Arbeitsatmosphäre, Rassismus und sexuelle Belästigung. Die Moderatorin muss ihre Show wohl aufgeben.

Nach 17 Jahren könnte die mehrfach preisgekrönte Talkshow von Ellen DeGeneres bald zu Ende sein – zahlreiche Mitarbeiter haben sich über eine vergiftete Arbeitsatmosphäre beschwert.
Nach 17 Jahren könnte die mehrfach preisgekrönte Talkshow von Ellen DeGeneres bald zu Ende sein – zahlreiche Mitarbeiter haben sich über eine vergiftete Arbeitsatmosphäre beschwert.
REUTERS

Natürlich klingt diese Entschuldigung, die Ellen DeGeneres da per Mail an ihre Mitarbeiter verschickt hat, aufrichtig betroffen. «Es tut mir leid», schreibt die Moderatorin der in den USA überaus erfolgreichen Talk-Sendung «The Ellen DeGeneres Show» nach den Klagen Dutzender Mitarbeiter über eine vergiftete Unternehmenskultur mit Rassismus, Einschüchterung und sexueller Belästigung: «Als jemand, der ich beinahe alles verloren hätte – nur weil ich bin, wie ich bin –, habe ich tiefes Verständnis und Mitgefühl für jene, die schief angesehen, unfair behandelt oder – noch schlimmer – übergangen worden sind.»

Das Problem: Dieses Mail klingt zu aufrichtig und zu betroffen. Es steht genau das da, was da stehen muss, wenn jemand einen Skandal verarbeiten und seine Marke schützen muss.

DeGeneres, 62, ist nicht nur Moderatorin der Sendung, von der es mittlerweile mehr als 3000 Folgen gibt. Sie ist selbst zur Marke geworden. Ellen ist ein Appellativ, es dürfte keinen Amerikaner geben, der bei diesem Begriff nicht an DeGeneres denkt.

Sie setzt sich mit ihrer Ehefrau Portia de Rossi für LGBTQ-Rechte und Gleichberechtigung ein, sie kämpft gegen die Jagd auf vom Aussterben bedrohter Tiere. Sie taucht regelmässig auf Listen einflussreichster Menschen auf, ihre Sendung gilt als Wohlfühl-Oase für Zuschauer, Promis – und für Leute, die durch Auftritte in der Sendung reich und berühmt geworden sind.

Das Ehepaar Portia de Rossi und Ellen DeGeneres engagiert sich für Gleichberechtigung und bedrohte Tiere.
Das Ehepaar Portia de Rossi und Ellen DeGeneres engagiert sich für Gleichberechtigung und bedrohte Tiere.
REUTERS

Ein Skandal betrifft deshalb nicht nur die Sendung, er beschädigt die Marke Ellen, und aus dem Umfeld der Sendung heisst es deshalb, dass DeGeneres nach 17 Jahres ans Aufhören denke, weil es angesichts der Dimension des Skandals nicht weitergehen könne.

Dieser begann bereits im April, als die Moderatorin klagte, sich angesichts der Ausgangssperre wegen der Coronavirus-Pandemie «wie im Gefängnis» zu fühlen – von ihrer 27-Millionen-Dollar-Villa aus und trotz Vorwürfe ihrer Angestellten, dass sie keinerlei Informationen von ihr bekommen hätten, ob sie noch einen Job haben. DeGeneres stand plötzlich als unsensible Chefin dar, obwohl sie doch, wie nun auch im Mail steht, «vom ersten Tag an klar gemacht» habe, «dass die Show ein Ort der Glückseligkeit sein soll».

Ellen DeGeneres’ TV-Show hatte im September 2003 Premiere, seither sind mehr als 3000 Folgen produziert worden.
Ellen DeGeneres’ TV-Show hatte im September 2003 Premiere, seither sind mehr als 3000 Folgen produziert worden.
Foto: Keystone

Zehn ehemalige Mitarbeiter beklagen sich anonym

Am 16. Juli veröffentlichte die Plattform Buzzfeed einen Text, in dem zehn ehemalige Mitarbeiter ein feindseliges Arbeitsklima beklagen, ein Vorwurf zum Beispiel: «All dieser ‹Sei nett›-Mist passiert nur, wenn die Kameras laufen.» Oder: «Niemand darf mit Ellen reden. Komm ihr nicht zu nahe, sieh sie nur nicht an.» Es wird das Bild einer abgehobenen Chefin gezeichnet, und es wird noch schlimmer: In der vergangenen Woche legte Buzzfeed nach mit einem zweiten Text, in dem 36 ehemalige Angestellte auch von Rassismus und sexueller Belästigung berichten und dabei hochrangige Mitarbeiter wie Chef-Autor Kevin Leman und Produzent Ed Glavin beschuldigen.

«Wir sind exponentiell gewachsen. Es war mir nicht mehr möglich, mich um alles zu kümmern; ich habe mich deshalb darauf verlassen, dass andere so ihren Job machen, wie ich es von ihnen verlange – das haben einige eindeutig nicht getan», schreibt DeGeneres, und da wird das Problem sichtbar. Es ist keine Entschuldigung, sondern vielmehr das Abwälzen von Schuld: Sie habe sich ja nicht um alles kümmern können und deshalb nichts von all dem gewusst. Das ist problematisch für jemandem, der sich bei Erfolg dafür rühmt, für alles verantwortlich zu sein und sich auch um kleine Dinge zu kümmern.

Das wohl berühmteste Selfie der Welt, aufgenommen von Ellen DeGeneres an der Oscar-Verleihung 2014, mit dem damaligen Hollywood-Traumpaar Jolie/Pitt. Mittlerweile ging nicht nur deren Ehe in die Brüche, auch Kevin Spacey und nun Ellen DeGeneres haben nicht mehr so viel zu lachen.
Das wohl berühmteste Selfie der Welt, aufgenommen von Ellen DeGeneres an der Oscar-Verleihung 2014, mit dem damaligen Hollywood-Traumpaar Jolie/Pitt. Mittlerweile ging nicht nur deren Ehe in die Brüche, auch Kevin Spacey und nun Ellen DeGeneres haben nicht mehr so viel zu lachen.
Ellen DeGeneres/Twitter via Getty Images

Der Schauspieler Brad Garrett («Everybody Loves Raymond») schrieb etwa auf Twitter: «Sorry, aber das kommt von ganz oben – es ist allgemein bekannt, dass Leute schrecklich von ihr behandelt werden.» Ein Mitarbeiter sagte der Zeitschrift «Variety», dass man sich von diesem E-Mail nur ja nicht in die Irre führen lassen solle: «Sie hat es zugelassen und sogar gefördert. Sie tut selbst nicht, was sie anderen predigt.» Die Produktionsfirma Telepictures habe ohnehin genug von ihr.

Bleibt die Frage, wie jemand, der sich selbst als Marke (die pro Jahr mehr als 80 Millionen Dollar verdient) mit den Pfeilern Empathie, Hilfsbereitschaft und Nettigkeit aufgebaut hat, einen Skandal verarbeitet, der die Marke als Gegenteil dessen zeigt, was sie sein will. Eine aktuelle Mitarbeiterin sagte zu der «Daily Mail»: «Die Wahrheit ist, dass sie wusste, was los war. Sie kann jeden auf Gottes weiter Welt beschuldigen, aber sie trägt die Schuld. Und sie ahnt, dass sie sich als Marke nur erholen kann, wenn die Sendung abgesetzt wird.»