Wanderer zwischen den Welten

Ein Fünftel aller Rugby-Profis hat seine Wurzeln in Polynesien – trotzdem können Fidschi, Samoa und Tonga kaum davon profitieren. Ihre besten Spieler kämpfen lieber für die grossen Nationen.

Den Grossen vergeblich hinterher: Fidschis Jale Vatubua gegen Wales. Foto: Shaun Botterill (Getty)

Den Grossen vergeblich hinterher: Fidschis Jale Vatubua gegen Wales. Foto: Shaun Botterill (Getty)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Nur weil einer lacht, heisst das noch lange nicht, dass er es nicht ernst meint. Denn: Fidschianer lachen ja oft und gerne, gerade mit dem Besucher von weit weg, und so tun sie das auch, während sie dieses Bonmot zitieren, das auf der kleinen Insel im Südpazifik herumgereicht wird. Es geht so: Auf Fidschi gibt es vier Religionen – Christentum, Islam, Hinduismus und Rugby.

Natürlich wurde der Sport nicht hier erfunden, sondern importiert durch die Nachfahren von James Cook, der 1774 als erster Brite an der Insel angelegt hatte. Aber im Südpazifik ist Rugby nun einmal mehr als nur ein Sport, kein Dorf auf der Hauptinsel Viti Levu ist ohne Rasenfeld und Rugby-Tore. Und was für Fidschi gilt, gilt genauso für Samoa und Tonga. Berechnungen des Weltverbandes World Rugby zufolge hat ein Fünftel aller Rugby-Profis weltweit Wurzeln hier, in Polynesien.

Chancenlos in Japan

Die grossen Erfolge im internationalen Rugby jedoch, die feiern andere. Fidschi und Samoa haben erst zweimal einen WM-Viertelfinal erreicht, Tonga überhaupt noch nie. Auch an der Weltmeisterschaft nun in Japan war die Vorrunde für alle drei das höchste der Gefühle. Tonga und Samoa blieben in ihren Gruppen chancenlos, Fidschi vermochte sich immerhin etwas zu wehren, brachte Wales im letzten Spiel am vergangenen Dienstag arg ins Schwitzen und hat sich dank des dritten Gruppenrangs schon für die WM 2023 in Frankreich qualifiziert.

Warum aber nur diese bescheidene Bilanz? Sie mag teilweise hausgemacht sein, die Infrastruktur kann nicht mit jener der grossen Rugby-Nationen mithalten. Doch für die Trainer der Mannschaften von Polynesien gibt es noch ein grösseres Problem: Sie können gar nicht auf ihre besten Spieler zurückgreifen. Denn Fidschianer, Samoaner und Tongaer – viele sind Wanderer zwischen den Welten und tragen die Trikots anderer Auswahlteams, für die sie nach drei Jahren in deren Liga spielberechtigt sind. Oder sie werden von ihren Clubs in Europa finanziell derart unter Druck gesetzt, dass sie es nicht wagen, für ihre Heimatländer aufzulaufen. Das jedenfalls behauptete kürzlich Samoas Trainer Steve Jackson.

Ein weiteres Dilemma sprach Tongas Coach Toutai Kefu an, nachdem seine Seeadler die Franzosen in der Gruppenphase mächtig erschreckt, aber schliesslich doch 21:23 verloren hatten. «Wenn wir jedes Jahr gegen solche Gegner spielen würden und nicht bloss bei Weltmeisterschaften, dann wären wir eine richtig gute Mannschaft», sagte Kefu. Er ist selbst ein Beispiel dafür, warum die Gruppenphase für die Insulaner fast immer Endstation ist: Wer mit Rugby Geld verdienen will, muss ins Ausland wechseln. Kefu ging einst nach Australien und bestritt 60 Länderspiele für die Wallabies statt für Tonga.

Seine Aussage bezog sich auf die fehlende Bereitschaft der grossen Nationen, sich mit den Insulanern zu messen. So hat England ausserhalb von Weltmeisterschaften noch nie gegen Tonga gespielt und nur einmal – 1991 – gegen Fidschi. Als Samoa 2017 in Twickenham antrat, spendete der englische Verband den Gästen rund ein Prozent der Einnahmen. Das sei, so die Kritiker, Arroganz in Hochpotenz. Neuseelands All Blacks machten sich trotz der engen Beziehungen und geringen Entfernung erst einmal in 95 gemeinsamen Länderspiel-Jahren, 2015, auf den Weg nach Samoa.

Einfach zu wechseln

Dabei profitieren die All Blacks wie kein zweites Team von Spielern mit Wurzeln in Samoa, aber auch in Tonga und Fidschi, ob das nun Einwanderer der ersten oder zweiten Generation sind. Der vor vier Jahren gestorbene Tonga-Neuseeländer Jonah Lomu war der erste globale Superstar des Rugbys. Mittelfeld-Ass Sonny Bill Williams, bereits zweifacher Weltmeister, betont immer wieder: «Ich spiele nicht nur für die All Blacks, sondern auch für Samoa.»

Derzeit ist ein Spieler nach drei Jahren Aufenthalt im Land spielberechtigt. Das ist für Neuseeländer, Australier oder Südafrikaner, die bei den All Blacks, Wallabies oder Springboks keine Chance haben, kein Problem. Sie unterzeichnen lukrative Verträge im Ausland und laufen dann nach drei Jahren für England, Schottland, Wales, Irland, Italien oder Japan auf, so, wie es bei dieser WM dreizehn Neuseeländer und sieben Südafrikaner tun.

Spenden für Samoas Spieler

Für Profis aus Samoa, Tonga und Fidschi dagegen gibt es in ihren Heimatländern mit Rugby kein Geld zu verdienen, und die Verbände nagen am Hungertuch. Die Subventionen durch den Weltverband – inklusive Förderprogrammen und Infrastruktur – liegen bei umgerechnet zwei Millionen Euro pro Verband und Jahr. Unter dem Strich bleibt für die Profis nicht viel übrig. Während jeder All Black während der WM in Japan knapp 5000 Franken Spesen pro Woche erhält, bekommt jeder Tongaer weniger als ein Zehntel. Vor der Endrunde fand in Sydney sogar eine Spendenveranstaltung statt, damit die Spieler von Samoa Muskel-Tape und Übergepäck nicht aus eigener Tasche bezahlen mussten.

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