«Was spielen wir?»

Eben hat Cécile McLorin Salvant ihren dritten Grammy gewonnen. Am Jazzfestival Bern zeigte sie mit ihrem unverschämt guten Konzert, warum.

Jede von Cécile McLorins Geschichten ist ein Drama.

Jede von Cécile McLorins Geschichten ist ein Drama.

(Bild: Nicole Philipp)

Michael Feller@mikefelloni

Belangloser hätte das gar nicht anfangen können. Sullivan Fortner klimpert auf dem Flügel, man weiss nicht recht, ob er schon spielt oder noch die Fähigkeiten des lokalen Klavierstimmers in Zweifel zieht, dann stimmt Cécile McLorin «Let’s Face the Music and Dance» von Irving Berlin an, dessen Botschaft in etwa heisst: Möge es um uns herum Probleme geben, egal, lass uns tanzen! Dieses Duo will hier etwas reissen?

29 Jahre, 3 Grammys

Jaja, und wie! Aber gemach. «Was willst du spielen, Sullivan?», fragt die Sängerin mit dem Dreitagehaupthaar. Das Duo bleibt entspannt, als habe es bei der Geburtstagsparty in der Stube von Freunden das Klavier in Beschlag genommen, um ein paar Songs zum Besten zu geben. Doch bald hängt das Berner Publikum der Sängerin an den Lippen. McLorin Salvant ist noch keine dreissig und hat schon Preise gewonnen, als wäre sie eine alte Grösse im Jazzbetrieb – und sie tritt auch mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf.

Seit Februar steht der dritte Jazz-Grammy in ihrem Trophäenschrank, und es wird rasch klar, warum sie zu den Angesagten in der Szene gehört. Sie singt nicht nur glasklar in den Höhen und warm wie ein Cheminéefeuer in den Tiefen. Sie hat auch etwas zu erzählen. Ob sie in der Kiste der Musikhistorie gräbt (etwa Billie Holidays «You Go to My Head») oder eigene Songs singt von ihren auch schon vier Alben: Sie tut es wie eine Märchenerzählerin vor einer staunenden Kinderschar.

Jede Geschichte ist ein Drama. Etwa der «Sam Jones’ Blues», in dem ein Mann fremdgeht und dann vor der eigenen Haustüre merkt, dass ihn seine Frau rausgeschmissen hat. Dann wechselt sie die Sprache und singt zwei Chansons in einem so wunderbaren Französisch, dass es einen fast schon irritiert, wenn sie danach wieder Englisch spricht und ihren famosen Seitenmann am Klavier aufs Neue fragt, was er als nächstes Stück vorschlägt.

Politologin und Juristin

Die Mehrsprachigkeit und der kluge feministische Witz in den Texten, verbunden mit dem Drang zur Vermittlung: Das alles kommt nicht von ungefähr. Cécile McLorin Salvant aus Miami ist Tochter eines Arztes und einer Schulleiterin, ihre Mutter hat Wurzeln in Guadeloupe, dem französischen Überseegebiet in Südamerika. Die Sängerin hat in Aix-en-Provence Politikwissenschaft sowie Jus und gleichzeitig klassischen Gesang plus Jazzgesang studiert.

Wie hat sie das bloss geschafft? Mutmasslich mit Leichtigkeit. Leicht ist alles, was sie in Marians Jazzroom hinlegt, und wenn sie den Text vergisst, ist Pianist Sullivan Fortner auch ihr Souffleur. Nur: Kinderohrentauglich ist dann doch nicht alles. Ihre Interpretation von Bessie Smiths «You've Got to Give Me Some» aus den 1920er-Jahren ist gespickt von eindeutigen Zweideutigkeiten, die sie selbst so zum Lachen bringen, dass sie den Song fast nicht zu Ende singen kann. Am Ende lässt das Publikum die zwei kaum von der Bühne, das war unverschämt gut.

Weitere Konzerte: Bis Samstag in Marians Jazzroom, Bern. Am selben Abend spielt jeweils auch die Trompeterin Andrea Motis. www.jazzfestivalbern.ch

Berner Zeitung

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