Wenn der Traum zum Albtraum wird

Tom Lüthi kämpfte in der MotoGP mit Widrigkeiten – und scheiterte deutlich.

Letzte Runden auf der MotoGP-Maschine: Tom Lüthi. Foto: Getty Images
David Wiederkehr@DavidWiederkehr

In Zeitlupe flog er über den Lenker. Schlug hart auf dem Asphalt auf. Rutschte hilflos ins Kiesbett. Aus. Vorbei.

Beim Saisonfinale in Valencia verabschiedete sich Tom Lüthi standesgemäss aus der Königsklasse. In der 6. Runde schleuderte ihn ein Highsider vom Sattel seiner Honda. Der strömende Regen mag seinen Teil zum heftigen Sturz beigetragen haben, trotzdem stand dieser sinnbildlich für alles, was der 32-jährige Emmentaler in seinem ersten und letzten Jahr als MotoGP-Fahrer durchlitten hat. In aller Kürze: Er ist durchgefallen. Als erster Neuling der GP-Geschichte hat er in den 18 Saisonrennen keinen einzigen WM-Punkt gewonnen.

Schon vor vielen Jahren hatte Lüthi von der höchsten Kategorie geschwärmt und regel­mässig bekräftigt, wie gern er einmal in der MotoGP fahren möchte. Und bereits 2009 hätte es fast geklappt. Als die Pläne da platzten, beschwichtigte er: «In der Moto2 Erfahrungen zu sammeln, ist sicher besser, als in der MotoGP hinterherzu­fahren.» Er ahnte: Die Chance würde noch kommen.

Sie kam – mit etwas Verspätung – vor einem Jahr beim belgischen Rennstall Marc VDS. Für Lüthi ging ein Traum in Erfüllung. Doch was sich­ damals für ihn als bestmögliche Option anfühlte, weil kaum ein Team als so seriös geführt galt, entwickelte sich zum Albtraum.

Morbidelli kam besser klar

Zunächst verpasste Lüthi wegen einer Fussverletzung die wichtigen Wintertests und war beim Saisonstart chancenlos. Und dann wurde es richtig schlimm. Ein absurder Streit zwischen Teambesitzer Marc van der Straten und Team­manager Michael Bartholemy zerstörte jegliche Chemie, die Mechaniker igelten sich ein, die Fahrer waren auf sich alleine gestellt. Franco Morbidelli konnte damit besser umgehen als Lüthi, der nach dem Aufstieg mehr Hilfe benötigt hätte als der Italiener, ein Protegé von Valentino Rossi, der eigenständiger unterwegs ist.

Als sich Lüthi irgendwann gezwungen sah, für Familie und Freunde Tickets zu den Rennen selber zu besorgen, stellte er die Sinnfrage. «Wie soll ich Rennen fahren, wenn ich mich nicht darauf konzentrieren kann?» Auch wenn er nie aufgegeben hat, an eine Wende zum Guten zu glauben: Lüthis Scheitern in der Königsklasse ist auch diesen Wirrungen geschuldet, für die sein Manager Daniel Epp noch heute keine Erklärung hat.

Honda ist der Königstiger

Es zeigte sich aber auch, dass Lüthi zwar sehr wohl ein guter Rennfahrer ist, ihm aber doch Grenzen gesetzt sind. Er stürzte wieder und wieder – und regelmässig über das Vorderrad. «Nicht-Beherrschen des Fahrzeugs», käme vom Strassenverkehrsamt zurück. Der Aufstieg in die Königsklasse bringt höhere Tempi mit sich, andere Kurvenradien und eine Elektronik, die einen fordert. Und so kam es, dass einer der beständigsten Moto2-Piloten der letzten Jahre eine Liga höher überfordert war. Lüthi ist Filigrantechniker, der die Harmonie mit dem Motorrad braucht und die Zeit, es­ ­abzustimmen. Die Maschinen der Königsklasse sind schwierig zu bändigen – 240 PS treffen auf weniger als 160 Kilogramm. Und unter den ganzen Biestern ist die Honda der Königstiger.

Jedenfalls folgte Rennen für Rennen dieselbe Leier: Tom Lüthi – zero points. Selbst wenn er mal gepunktet hätte – es hätte kaum einen Unterschied mehr gemacht. «Ich fahre ja nicht, um 15. zu werden», sagte er in einem Gespräch bei ­Saisonhälfte. Schon da ahnte er: Seine Zukunft liegt wohl wieder in der Moto2.

Welch guten Ruf der Berner in der Szene unverändert ­geniesst, zeigte sich, als er und Epp im Sommer das Feld der Interessenten auszuloten begannen. Aus einer Reihe von Angeboten konnte sich Lüthi mit dem deutschen Rennstall Intact für ein Team entscheiden, das 2019 in der zweithöchsten Kategorie konkurrenzfähig sein dürfte. Dass er auf ein Fahrgestell der Marke Kalex zurückkehrt, gibt ihm zudem ein wohliges Gefühl: Auf Kalex war Lüthi vor seinem Aufstieg in die MotoGP zweimal WM-Zweiter geworden.

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