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Mamablog: TrauerbewältigungWenn die Grosseltern sterben

Oder warum es so wichtig ist, mit Kindern über den Tod zu reden.

Traurige Endlichkeit: Den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten, braucht Zeit – und offene Gespräche.
Traurige Endlichkeit: Den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten, braucht Zeit – und offene Gespräche.
Foto: Getty Images

Eigentlich wollte ich ja nur schnell ein belegtes Brot holen, um es im Büro zu verspeisen. Doch als ich durch den Supermarkt hetzte, fiel mein Blick auf die Studentenschnitten, die in der Backwarenabteilung aufgetürmt waren, was mich jäh erstarren liess. Was hatte mein Vater dieses Gebäck aus Zimt und Schokolade geliebt! Um mich herum schwirrte die Mittagshektik, ein Ellbogen landete in meiner Hüfte, Einkaufswagen rasten unkoordiniert an mir vorbei. Doch ich stand nur da, mit verlangsamtem Puls, eingefroren in mir selbst. Und genau in diesem Augenblick, Monate nach dem Tod meines Vaters, sackte etwas in mir zusammen und eröffnete mir in einer tieferen Schicht, dass er nicht mehr da ist.

Eine Nummer zu gross

Wenn ich unseren Kindern zuschaue, wie sie ihrerseits mit der Erfahrung des Todes umgegangen sind, denke ich, dass es ihnen ähnlich ergangen sein muss. Die zwei haben innert sechs Monaten zuerst eine Grossmutter und dann einen Grossvater verloren. Der erste Tod kam überraschend, jäh, traumatisch. Der zweite war gezeichnet von Krankheit, Abschiednehmen und des Wissens um ihn.

Vom überraschenden Tod meiner Schwiegermutter hatte ich per Handy an der Migroskasse erfahren, just in dem Moment, als die Kassiererin nach meiner Cumuluskarte fragte. Zitternd zu Hause angekommen, musste ich den Kindern sagen, was passiert ist. Und mein erster Schock löste sich durch meine Wut, als meine Tochter mich auf meine Offenbarung hin erst verständnislos anschaute und dann lapidar fragte: «Dörf ich jetzt game?».

Ich erfuhr das Begreifen des Todes nicht linear, sondern als etwas, das zunächst abstrakt über mir schwebte.

Erst viele Tage später begriff ich, wie viel Weisheit eigentlich in ihrer Frage steckte. Wie intuitiv sie erkannt hatte, dass ihr das, was ich da eben Unverschämtes von mir gegeben hatte, eine Nummer zu gross ist. Dass sie sich nun als ersten Schritt etwas Gutes tun muss, was in ihren Augen eben gamen war. An diese Strategie hatte ich in der folgenden Zeit oft gedacht, wenn ich nicht begreifen, nicht verstehen, mit dem Tempo des Geschehens nicht mithalten konnte. Ich wollte zwar nicht gamen, versuchte aber, es ihr gleichzutun und erst mal gut zu mir zu schauen. Denn auch ich erfuhr das Begreifen des Todes nicht linear, sondern als etwas, das zunächst abstrakt über mir schwebte, bevor es Schicht um Schicht seinen Weg in mein Inneres fand.

Grabinschriften zur Namensinspiration

Die Kinder gingen in der folgenden Zeit sehr unterschiedlich mit den Todesfällen um. Während die Tochter oft schluchzend und klagend in meinen Armen lag, sprach der Sohn nicht oft über die Verluste. Doch er fand ein Playmobilfigürchen, das wie sein Grossvater aussah, und machte für «Grosspapi» jeden Abend ein Nest zum Schlafen. Noch viele Monate später konnte es sein, dass er irgendwo, an einem Fest, im grössten Trubel, im lautesten Gelächter, plötzlich in Tränen ausbrach, weil er an seine Oma oder seinen Grosspapi denken musste. Er erlebte dann wohl genau solch einen sackenden Moment, wie er mir vor den Studentenschnitten widerfahren ist.

Doch in all der Trauer hatten wir einen gemeinsamen Boden. Dieser war über Jahre auf dem nahen Friedhof gewachsen. Weil in unserer Gegend ausgerechnet dieser Ort die grösste Grünfläche bietet, hat er in verschiedenen Familienphasen stets eine wichtige Rolle gespielt. Während den Schwangerschaften liess ich mich von seinen Grabinschriften zur Namensfindung inspirieren. Als Babys machten die Kinder dort ihren Mittagsschlaf, während ich tief durchatmete. Darauf folgte die Zeit, in der wir auf den Gräbern die aufgestellten Ängeli suchten und dann jene der Gespenster zählten (sie waren sicher, welche zu sehen, ich sah nie eins). Und durch alle Phasen hindurch beobachteten wir die quietschlebendigen Eichhörnchen, die auf den Bäumen turnten. Ganz selbstverständlich entstanden dabei Gespräche über den Tod. Löcher begannen sie mir in den Bauch zu fragen, wie mit:

«Mama, was ist denn, wenn man tot ist?»

«Tut es weh, wenn einen die Würmer auffressen?»

«Komme ich vielleicht als Eichhörnchen wieder zur Welt, wenn ich gestorben bin?»

«Ich weiss es nicht»

Keine dieser Fragen konnte ich ehrlicherweise mit was anderem als: «Ich weiss es nicht», beantworten. Gab sie aber immer mit einem: «Was glaubst denn du?», zurück. Und dieses gemeinsame Aushalten des Nichtwissens, exakt diese frühe Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens, war die grösste Hilfestellung in jener Zeit der Abschiede von den Grosseltern. Früh hatte auf unseren Spaziergängen der Tod ein gleichermassen reales wie unerklärbares Gesicht erhalten. Und dieses konnten die Kinder nun, irgendwo zwischen tiefstem Glück und grösster Traurigkeit, abrufen.

Ihre Wechsel zwischen Lachen und Weinen haben mich dabei immer wieder berührt. Denn genau auf diese Weise tanzt doch das Leben zwischen seinen Gegensätzen. Auf diese Art bewegen wir uns ständig zwischen den Polen von Geburt und Tod. Doch während eine Geburt tief im Bewusstsein ist, betrachten wir den Tod höchst ungern, verdrängen ihn, wann immer das Leben es zulässt. Und doch macht gerade auch er uns zu dem, was wir sind.

Und weil er das Einzige ist, was uns mit Sicherheit allen widerfahren wird, sollten wir uns und unseren Kindern nicht vorenthalten, laut über ihn nachzudenken. Wenn wir die Gedanken der Kinder über das Sterben aushalten, statt sie lieblich wegzureden, tragen sie einen Schatz fürs Leben in sich, der ihnen helfen wird, wenn sie eines Tages mit dem Tod eines geliebten Menschen in Berührung kommen. Denn das werden sie. Wie wir alle.

9 Kommentare
    Tamar von Siebenthal

    Ich sehe das anderst: Kinder haben ein viel unkomplizierteres Verhältnis zum Tod als Erwachsene, wenn man sie denn lässt. Selbst schwerkranke Kinder sehen ihrem eigenem Tod gelassen entgegen.Es ist die Tabuisierung, welche Kinder verunsichert und traumatisiert.

    Was mich seit Kind auch immer wieder stört ist, dass plötzliche Todesfälle bei alten Leuten als traumatisieren empfunden werden, weil nur wenn der/die Versorbene lange genug gelitten hat, hatte man genug Zeit um sich zu verabschieden und sich "darauf vorzubereiten". Ich empfinde diese Haltung schlicht als egoistisch und verstörend. Für mich ist es einfacher zu wissen, dass der Verstorbene gut und schmerzlos gestorben ist, als wenn ich mitansehen muss, wenn jemand Schmerzen leidet und dahinsiechen muss.