Zum Hauptinhalt springen

Missbrauch im Turnsport«Wenn sie wirklich fett ist, kann sie keinen Doppelsalto»

Erniedrigungen, Übergriffe, Drill – immer mehr Turnerinnen wehren sich. Doch einige verteidigen selbst die unwürdigsten Trainingsmethoden – sogar eine zweifache Olympiasiegerin.

Alexandra Eade siegte an den Commonwealth-Games 2018. Ihr Trainer nannte sie «ein dickes, faules Schwein».
Alexandra Eade siegte an den Commonwealth-Games 2018. Ihr Trainer nannte sie «ein dickes, faules Schwein».
Foto: Getty Images

Sie gingen durch die Hölle – und erfahren nun Hass. Und Häme. Und ihrerseits Schuldzuweisungen statt Hilfe oder Support.

Für besonderes Aufsehen sorgte der Missbrauchsskandal um den amerikanischen Mediziner Larry Nassar, der während mehr als zwei Jahrzehnten Hunderte von Turnerinnen und weitere Sportlerinnen missbraucht hat. Doch längst nicht nur die amerikanische Turnprominenz wie Simone Biles, Alexandra Raisman oder Gabrielle Douglas gehört zu Opfern machtgieriger und übergriffiger Trainer. In den letzten Monaten trauten sich auch in anderen Ländern immer mehr Turnerinnen (und weitere Sportlerinnen), Missbrauch anzuklagen. #MeToo in der Turnhalle.

So kamen Ermittlungen in aller Welt in Gang, in Belgien oder Mexiko oder Australien – oder in Grossbritannien durch die Schwestern Becky und Ellie Downie, beide noch aktiv und mehrfache EM- und WM-Medaillengewinnerinnen. In den Niederlanden gestand ein Trainer, seine Turnerinnen jahrelang seelisch gepeinigt zu haben. Und in der Schweiz wurde mit Felix Stingelin der Chef Leistungssport des Schweizerischen Turnverbandes suspendiert, nachdem – durch Medienberichte – die unwürdigen Trainingsmethoden im Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik öffentlich geworden waren, als Folge dessen die Trainerinnen gehen mussten. Ausgang der Affäre: offen.

Doch wie reagiert die Turnwelt auf immer noch mehr Enthüllungen? Auf immer noch mehr Fälle? Die meisten zeigen Mitgefühl. Ein paar stellen sich jedoch standhaft hinter die Turnfamilie. Und outen sich so als besonders herzlos.

Die Ikone – Hass gegenüber den Opfern

Kein Herz für die Opfer: Swetlana Chorkina, zweifache Olympiasiegerin, gab kürzlich ein Interview, das vor Hass gegen die Opfer der Übergriffe trieft.
Kein Herz für die Opfer: Swetlana Chorkina, zweifache Olympiasiegerin, gab kürzlich ein Interview, das vor Hass gegen die Opfer der Übergriffe trieft.
Foto: Sergei Savostyanov (Tass)

Sie war die «Grande Dame» des Frauenturnens und wird bis heute als Ikone wahrgenommen. 47 Medaillen gewann Swetlana Chorkina an internationalen Grossanlässen, und an ihrem Paradegerät Stufenbarren turnt bis heute jede Turnerin, die etwas auf sich hält, ein nach ihr benanntes Element: einen besonders eleganten Holmenwechsel. Auch Giulia Steingruber.

Weniger gefühlvoll zeigt sich die heute 41-jährige Russin in einem Interview mit dem Portal «Sport-Express» (lesen Sie hier die Originalfassung in kyrillischer Schrift und hier die englische Übersetzung). Angesprochen auf die Missbrauchsvorwürfe in Australien oder im Vereinigten Königreich, sagte Chorkina: «Das scheint gerade in Mode zu sein. Zuerst die Filmregisseure, jetzt im Sport. Warum nicht gleich auspacken? Warum 50 Jahre warten? Es ist furchtbar, wie freiheitsliebend heutzutage alle geworden sind. Wenn du deinen Trainer nicht magst – wechsle ihn. Dir gefällt nicht, welche Opfer du für den Turnsport bringen musst? Hör auf!»

«Sie ist ein Nobody. Wahrscheinlich wollte sie nur Aufmerksamkeit.»

Swetlana Chorkina

Das Interview trieft regelrecht vor Hass gegenüber den Opfern. Auf die Frage, wieweit die Bemerkung eines Trainers zulässig sei, die Turnerin sei «ein dickes, faules Schwein», wie die Australierin Alexandra Eade anklagt, antwortet Chorkina: «Ich sehe ja selbst im Spiegel, ob ich dick bin. Wie wenig Respekt hat diese Turnerin vor sich selbst? Wenn sie wirklich fett ist, kann sie keinen Doppelsalto. Es ist einfach schrecklich.»

Dass Eade im internationalen Turnsport kaum Schlagzeilen erzeugt hat, abgesehen von einem Titel am Boden an den Commonwealth Games 2018, das genügt der Russin als Indiz: «Das macht Sinn. Sie ist ein Nobody. Wahrscheinlich wollte sie nur Aufmerksamkeit.» Chorkina wiederum wurde nach ihrer Karriere Politikerin und sass vier Jahre im russischen Parlament, auch strebte sie ein Amt beim Internationalen Turnverband (FIG) an. Erfolglos.

Die Verbandsvertreterin – Mitleid mit den Trainern

Es gehe bei den Opfern vor allem auch ums Geld: Nelli Kim, die Vizepräsidentin des Turnverbands.
Es gehe bei den Opfern vor allem auch ums Geld: Nelli Kim, die Vizepräsidentin des Turnverbands.

Fünffache Olympiasiegerin ist auch sie und inzwischen als Funktionärin mit viel Macht ausgestattet. Nelli Kim amtet als Vizepräsidentin des Internationalen Turnverbandes (FIG) und ist eine hoch angesehene Botschafterin des Sports, natürlich längst Mitglied der Ruhmeshalle. An den Sommerspielen 1976 in Montreal war die Russin die grosse Widersacherin von Nadia Comaneci, auch sie lebt längst in den USA.

Und wie die rumänische Wunderturnerin erlebte sie den knüppelharten osteuropäischen Drill am eigenen Leib – und scheint entsprechend geprägt. Jedenfalls tat sie kürzlich in einem Interview mit dem russischen Sportportal Sports.ru kund, was sie von den sich häufenden Missbrauchsvorwürfen hält. Grob zusammengefasst: wenig.

«Natürlich gab es zahlreiche Opfer, aber viele hängen sich da einfach mit ran.»

Nelli Kim

«Heute bewegt sich ein Trainer auf einem schmalen Grat. Wann ist er strikt und verlangt Disziplin, und wann ist er rüde und beleidigend? Das empfindet jede anders», sagt sie im Interview (hier das Original, hier die Übersetzung). Doch sie belässt es nicht nur bei Stilfragen, sondern fügt an: «Teilweise geht es um Geld. Natürlich gab es zahlreiche Opfer dieses Doktors, aber viele hängen sich da einfach mit ran, obwohl sie gar nie mit ihm gearbeitet haben.» Sie bedauere das, denn wenn Turnerinnen oder Eltern selbst zehn Jahre später noch mit Vorwürfen kommen könnten, litten Trainer und Turnclubs darunter.

Der Internationale Turnverband mit Sitz in Lausanne äussert sich auf Nachfrage dieser Zeitung nicht zu den Aussagen ihrer Vizepräsidentin. Im Rahmen des Prozesses gegen Larry Nassar hatte Präsident Morinari Watanabe noch gesagt: «Mir bricht das Herz. Wir dürfen den Opfern jetzt nicht den Rücken zuwenden.»

Der Choreograf – Schuld haben die Eltern

Und neben sich Justizia: Geza Pozsar hatte jahrelang mit dem berüchtigten Trainer-Ehepaar Karolyi gearbeitet. Jetzt verkauft er sich als «Guten», zum Beispiel in der Netflix-Doku «Athlete A».
Und neben sich Justizia: Geza Pozsar hatte jahrelang mit dem berüchtigten Trainer-Ehepaar Karolyi gearbeitet. Jetzt verkauft er sich als «Guten», zum Beispiel in der Netflix-Doku «Athlete A».
Screenshot: Netflix

Aus Osteuropa stammt auch Geza Pozsar. Als Chefkoordinator des berühmten Trainer-Ehepaars Bela und Marta Karolyi steht er für die goldene Epoche des rumänischen Turnsports und inspirierte Nadia Comaneci zu deren wunderbaren Übungen. Er erlebte aber auch, wie es dazu kam: Die Karolyis waren gnadenlos zu ihren Turnerinnen.

«Sie kontrollierten die Mädchen total. Bela schlug und beleidigte sie, sie hatten sehr, sehr grosse Angst vor ihm. Auch Marta war gewalttätig, und manchmal hatten die Mädchen Abdrücke ihrer Fingerringe auf den Wangen», sagt er in der eindrücklichen Netflix-Dokumentation «Athlete A». Zusammen mit den Karolyis setzte sich Pozsar 1981 in die USA ab.

«Wäre ich ein Mädchen, das missbraucht wurde, hätte ich meiner Mutter die Schuld gegeben.»

Geza Pozsar

Heute rechtfertigt sich Pozsar, er habe die Methoden der Karolyis mehrfach dem rumänischen Staatsdienst gemeldet. Ob er auch in den USA tätig wurde, dazu schweigt er sich aus – jedenfalls genoss das Trainerpaar in der Heimat den Schutz von Diktator Nicolae Ceausescu und danach den des amerikanischen Landesverbands USA Gymnastics. «Hätte ich meinen Job verloren, wären die Mädchen schlechter dran gewesen», sagt der edle Ritter: «Ich versuchte immer, der Gute zu sein.»

Und doch war Poszar den Karolyis treu geblieben und arbeitete auch nach dem Übertritt rund 20 Jahre weiter mit ihnen zusammen auf der inzwischen berüchtigten Trainingsbasis in Texas. Zudem machte er kürzlich in einem Interview deutlich, wem er die Verantwortung am Nassar-Skandal gibt: «Es war vor allem der Fehler der Eltern. Wäre ich ein Mädchen, das missbraucht wurde, hätte ich in erster Linie meiner Mutter die Schuld gegeben.»