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Sommerserie GrenzenWenn zwei Grenzgänger über die Grenze gehen

Auf einer Fernwanderung von Langenthal bis auf den Brünig werden Grenzen thematisiert. Es ist ein gemeinsames Projekt der vier Regionen rund um den Napf.

Sogar Gold findet man im Napfbergland: Jolande Unternährer und Werner Stirnimann im Gwunder-Platz von Romoos.
Sogar Gold findet man im Napfbergland: Jolande Unternährer und Werner Stirnimann im Gwunder-Platz von Romoos.
Fotos: Marcel Bieri

Sie sind sich den Gang über die Grenze gewohnt: die Vorstandsmitglieder der Interessengemeinschaft (IG) Grenzpfad Napfbergland. Denn wenn sie sich zur Sitzung treffen, steht dieser immer für die eine Hälfte des Vorstandes an. Entweder die Berner oder die Luzerner müssen auf die jeweils andere Seite der Kantonsgrenze.

Also setzen sich auch Geschäftsführer Werner Stirnimann und der Journalist in Langenthal ins Auto, um sich fürs Gespräch mit Präsidentin Jolande Unternährer zu treffen. Sie fahren zwischen Melchnau und Altbüron in den Nachbarkanton. Von dort weiter bis nach Wolhusen, zweigen, bevor es ins Entlebuch hochgeht, rechts Richtung Fontanne ab, durchqueren Doppleschwand und erreichen Romoos.

Der Gwunder-Platz

Dort schlägt die Präsidentin für den Fototermin den Gwunder-Platz vor, den sie in ihrem Dorf initiert hat: Als die Raiffeisenbank ihren Schalter im Napfdorf schloss, wurde darin ein Raum geschaffen, in dem alle Anbieter aus dem weitverzweigten Gemeindegebiet ihre Angebote gemeinsam vorstellen können: von der in traditionellen Meilern gewonnenen Holzkohle über den Honig und den Sirup sowie den für das Luzerner Napfgebiet typischen Birnenweggen des Dorfbäckers bis zum Naturbad im Hotpot beim Tipi.

Werner Stirnimann ist begeistert: «Das ist auf Dorfebene genau das, was wir mit dem Grenzpfad entlang der Wanderroute von Langenthal bis auf den Brünig anstreben: auf Besonderheiten und Angebote aufmerksam zu machen und sie zu bündeln.»

Ins Leben gerufen wurde der Grenzpfad Napfbergland 1995, als Initianten beidseits der Kantonsgrenze im Hinblick auf das 150-Jahr-Jubiläum der Bundesverfassung drei Jahre später einen Fernwanderweg entlang dieser alten Binnengrenze schaffen wollten. Sie war zwar mit der Einigung auf Bundesebene als Landesgrenze mit Zollstätten verschwunden, blieb aber in vielem noch spürbar. Die IG Grenzpfad konnte dabei von Mitteln aus der Regionalpolitik des Bundes profitieren und verfolgte drei Ziele:

  • Die Initianten wollten die wirtschaftliche Wertschöpfung in der Region vergrössern, indem sie die touristischen Angebote entlang der Grenze miteinander verknüpfen, ergänzen und professionell vermarkten.
  • Sie wollten die vielfältige Geschichte, Kultur und Landschaft des Gebietes sowohl der Bevölkerung der Region wie auch den Gästen von ausserhalb vermitteln, indem sie sie in einem geeigneten Informationsangebot bereitstellen.
  • Schliesslich wollten sie in Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr 1998 die Öffentlichkeit für das «vielfältige und höchst aktuelle Thema Grenzen» sensibilisieren.

War damals ein Führer mit handlichen Faltblättern das geeignete Informationsangebot, ist es unterdessen eine umfangreiche Website, die laufend aktualisiert wird. Und anders als auf Papier oder am Weg mit seinen Informationstafeln hinterlassen die virtuellen Wanderer im World Wide Web Spuren, die sich statistisch auswerten lassen.

1000 bis 4000 virtuelle Wanderer

Auf diese verweist Werner Stirnimann, wenn er danach gefragt wird, wer denn den Grenzfad begehe und das Angebot konsumiere. Zwischen 1000 und 4000 Besuchern pro Monat pendelt die Kurve, die sich mit den Zahlen zeichnen lässt. Die Tendenz ist jedoch leicht steigend. Stirnimann weist besonders auf Sprünge in der Kurve hin, die sich mit wesentlichen Ergänzungen begründen lassen – zum Beispiel als die IG die grosse Vielfalt der Käsesorten erhob und publik machte, die rund um den Napf hergestellt werden.

2008 wurde auf nationaler Ebene Schweiz Mobil lanciert, das Netzwerk für den Langsamverkehr mit zahlreichen Innovationen im Internet. Dank der Pionierarbeit der Gründer hätten sich die Regionen am Napf mit ihrem Angebot sofort in dieses einbringen können, sagt Werner Stirnimann. Mit der Nummer 65 ist der Grenzpfad seither dort integriert und preist sich als «einzige regionale Route» an, «die vom zentralen Mittelland direkt zu den Alpen führt».

Mit dem bernischen Emmental und Oberaargau sowie der Region Willisau und dem Entlebuch im Kanton Luzern arbeiten in der IG Grenzpfad touristische Anbieter mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen. Besonders das Entlebuch hat als Pionier der Unesco-Biosphären in der Schweiz bedeutend mehr Ressourcen zur Verfügung. Im Vergleich dazu spiele die IG Grenzpfad selbst mit einem durchschnittlichen Jahresbudget von 25’000 Franken in einer sehr bescheidenen Liga, hält Werner Stirnimann fest. Sie mache aber dank sehr schlanker Strukturen daraus das Möglichste.

Mehr als nur Tourismus

Jüngst haben fünf Grenzpfad-Gemeinden eine engere Zusammenarbeit über den Tourismus hinaus angekündigt: Hergiswil, Luthern, Romoos, Sumiswald und Trub. Am 17. Oktober wollen sie dafür einen Verein gründen und unter anderem jährlich eine Napf-Konferenz durchführen. Wie sich die Zusammerarbeit mit dem Grenzpfad ausgestalten werde, lasse sich noch nicht voraussehen, sagt Jolande Unternäherer. Als Gemeinderätin von Romoos ist sie direkt in die neueste Entwicklung involviert.

Werner Stirnimann indes spricht sich wegen seiner Erfahrung in der Rottaler Kulturlandschaft für Organisationen mit jeweils klar umrissenem Zweck und entsprechender Strategie aus: Dort wurde neben dem Verein Lebendiges Rottal mit seinen breit gefächerten Zielen die IG Rottaler Ernte für die Vermarktung regionaler Produkte lanciert. Beide sind sich einig, dass es gelten müsse, Synergien zu nutzen und Doppelspurigkeiten zu vermeiden.

Blick auf Romoos.
Blick auf Romoos.
Das Hotel Kreuz in Romoos.
Das Hotel Kreuz in Romoos.
Romoos weiss sich zu vermarkten.
Romoos weiss sich zu vermarkten.
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In der IG Grenzpfad steht derzeit ein grösseres Vorhaben an: Die Informationstafeln an der Wegstrecke sind in die Jahre gekommen und müssen erneuert werden. Die IG muss dafür durch Sponsoring und allenfalls aus den Lotteriefonds zusätzliche Mittel im rund doppelten Umfang ihres Jahresumsatzes beschaffen. Wegen der Corona-Pandemie stehe man dabei erst am Anfang, erklärt Werner Stirnimann.

Eigentlich sei es das Ziel gewesen, die Erneuerung dieses Jahr umzusetzen. Nun werde es wohl 2021, verweist er auf die besonderen klimatischen Bedingungen an einem Weg wie dem Grenzpfad. Immerhin bewegt man sich auf den 115 Kilometern zwischen Langenthal und dem Brünig auf Höhenlagen von 471 Metern über Meer am Ausgangspunkt und 2254 m. ü. M. auf dem Kulminationspunkt, dem Brienzer Rothorn.

Verknüpfen ist wichtig

Doch sind Informationstafeln noch das zeitgemässe Informationsangebot? Jolande Unternährer bejaht die Frage entschieden und verweist darauf, dass der Grenzpfad von vielen Familien begangen werde. Da sei eine Tafel praktischer, um sich gemeinsam zu informieren. Zudem seien attraktiv gestaltete Informationstafeln, wie die auf dem Grenzpfad, eine Bereicherung für eine Landschaft. Schliesslich gelte es zu berücksichtigen, dass viele Besucher im Napfbergland die Entschleunigung suchten und deshalb das iPhone bewusst abschalten würden.

Mit Werner Stirnimann ist sie sich aber einig, dass es eine Verknüpfung mit den modernen Medien braucht – zum Beispiel mit einem QR-Code, wie sie auch auf dem Romooser Gwunder-Platz nicht fehlen.