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Nachwuchshoffnungen im Schweizer TennisWer folgt auf Federer und Wawrinka?

Wie die Corona-Krise die Karrieren der Junioren beeinflusst und wer die Chance hat, dereinst Grand-Slam-Turniere zu bestreiten – die wichtigsten Antworten rund um den Männer-Nachwuchs.

Am besten klassiert: Dominic Stricker liegt im internationalen Juniorenranking auf Platz 10.
Am besten klassiert: Dominic Stricker liegt im internationalen Juniorenranking auf Platz 10.
Foto: Christian Pfander

Wer sind unsere grössten Hoffnungsträger?

Im Kader des Schweizer Männer-Nachwuchses befinden sich vier der besten Junioren weltweit. Dominic Stricker (17, Grosshöchstetten), Leandro Riedi (18, Bassersdorf), Jeffrey von der Schulenburg (18, Küsnacht) und Jérôme Kym (17, Möhlin) stehen in den Top 25 des internationalen Juniorenrankings, wobei Stricker als Nummer 10 die beste Klassierung aufweist. Aber auch Riedi, der letztes Jahr am Australian Open im Junioren-Doppel triumphierte, von der Schulenburg, der zuletzt ein Turnier der N-Series in Neuenburg gewann, und Kym, der jüngste Schweizer Davis-Cup-Spieler, haben ihr Potenzial bereits unter Beweis gestellt. Klar ist: Eine gelungene Juniorenzeit ist keine Garantie auf Erfolg bei den Erwachsenen. Dies zeigt etwa das Beispiel des Zürchers Roman Valent, der 2001 das Juniorenturnier in Wimbledon für sich entscheiden konnte, danach aber durch Krankheiten und Verletzungen ausgebremst wurde. «Unsere Talente haben eine gute Basis gelegt, um auf der Profitour Fuss zu fassen», sagt Michael Lammer, U-23-Headcoach bei Swiss Tennis. «Aber bei den Erwachsenen weht natürlich ein anderer Wind.» Der Konkurrenzkampf ist grösser, mental werden die Spieler mehr gefordert, auch Rückschläge gehören dazu. «Damit können nicht alle umgehen», meint Lammer. «Wir dürfen die Spieler jetzt nicht unter Druck setzen und können nicht erwarten, dass sie schon nächstes Jahr an einem Grand-Slam-Turnier teilnehmen. Der Übergang zu den Erwachsenen ist ein Prozess über mehrere Jahre.»

Warum ist die Schweiz plötzlich auch im Nachwuchsbereich wieder erfolgreich?

In Form: Jeffrey von der Schulenburg hat im Juni ein Turnier der N-Series gewonnen.
In Form: Jeffrey von der Schulenburg hat im Juni ein Turnier der N-Series gewonnen.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

In den letzten 20 Jahren und seit Roger Federer und Stan Wawrinka schaffte nur Henri Laaksonen den Sprung unter die Top 100 des ATP-Rankings. Nun sind die Perspektiven wieder besser. «Wir sind ein Nachwuchsverband und legen unser Hauptaugenmerk auf die Junioren», sagt Lammer. Im nationalen Leistungszentrum in Biel profitieren die Jungen und Mädchen von Trainingsbedingungen, die sich während der letzten Jahre optimiert haben. «Wir verfolgen ein gutes System», sagt der Davis-Cup-Sieger von 2014. «Und wie sich zeigt, bringt unser Modell Erfolg.» Auch finanziell investiert Swiss Tennis viel in den Nachwuchs: Die vier Talente werden während der nächsten fünf Jahre grosszügig alimentiert. «Das haben sie sich hart erarbeitet», sagt Lammer, «und wir wollen die Spieler langfristig unterstützen. Sie sind auf einem guten Weg, wir haben grosses Vertrauen und werden sie nicht fallen lassen.» Aber: In diesen fünf Jahren müssen die vier Junioren den Durchbruch schaffen.

Wozu dienen die Alimente?

Der Junioren-Grand-Slam-Sieger: Leandro Riedi triumphierte in Australien im Doppel.
Der Junioren-Grand-Slam-Sieger: Leandro Riedi triumphierte in Australien im Doppel.
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

Die finanzielle Spritze ermöglicht den Nachwuchsspielern den nächsten Schritt in Richtung Profitennis. Sie lösen sich vom Verband und gehen ihren eigenen Weg mit einem persönlichen Trainer. Stricker arbeitet mit Sven Swinnen zusammen, der aber bei Swiss Tennis angestellt bleibt, Riedi wird von Yves Allegro gecoacht, Kym profitiert interimistisch von der Betreuung Severin Lüthis. Schon länger auf dieser Schiene ist von der Schulenburg unterwegs, der meist bei Roman Vögeli in dessen Akademie in Winterthur trainiert. Der Schritt aus den Verbandsstrukturen geschieht früher als erwartet. Alle vier haben zwar den gleichen Traum, aber verschiedene Bedürfnisse, welchen der Verband nicht mehr vollends nachkommen konnte. Die durch die Corona-Pandemie bedingte Pause hat den Prozess zusätzlich beschleunigt. «Die Spieler schon jetzt auszulagern, macht deshalb Sinn», sagt Lammer. Und damit wolle man auch den jüngeren Generationen zeigen, dass Swiss Tennis seine Talente auf dem Weg zum Profi bestmöglichst unterstützt.

Inwiefern beeinflusst das Coronavirus die Karriere der Junioren?

Der Jüngste: Jérôme Kym darf im Gegensatz zu den anderen nächstes Jahr nochmals an den Juniorenturnieren teilnehmen.
Der Jüngste: Jérôme Kym darf im Gegensatz zu den anderen nächstes Jahr nochmals an den Juniorenturnieren teilnehmen.
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

Für die ältesten Schweizer Junioren war der Unterbruch der Saison 2020 natürlich bitter. Während Kym auch 2021 noch bei den Junioren antreten kann, werden Stricker, Riedi und von der Schulenburg um die Chance gebracht, an den Junioren-Grand-Slam-Turnieren wertvolle Erfahrungen zu sammeln; sollte das US Open der Erwachsenen stattfinden, gäbe es voraussichtlich keine Juniorenwettbewerbe. «Am Anfang war es nicht einfach für sie», sagt Lammer. «Aber sie haben es relativ gut weggesteckt.» Auch, weil alle schon gute Leistungen an Junioren-Grand-Slams gezeigt haben. Während dieser Tage wären die vier eigentlich auf dem Weg nach Wimbledon, wo sie am Juniorenturnier dem erweiterten Favoritenkreis angehört hätten. Stattdessen starten sie morgen als Topfavoriten in die Junioren-Schweizer-Meisterschaft in Bern. «Ich kann mich an keine Schweizer Meisterschaft erinnern, die so gut besetzt war», sagt Lammer. Und aufgrund der zuletzt fehlenden Turniere ist es auch eine wichtige Standortbestimmung für die vier Nachwuchshoffnungen.