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«Wer sein Urtalent erkennt, ebnet den Weg zu mehr Erfüllung»

«Übt jemand den falschen Beruf aus, verkümmert sein Talent zum Mauerblümchen», sagt Alfred Arm. Er setzt sich als Berufungsberater dafür ein, dass sich Erwerbstätige nicht primär an Lohn, Status und Leistungserwartungen anderer orientieren, sondern am eigenen Potenzial und den eigenen Träumen.

Herr Arm, was war Ihr Traumberuf?

Zunächst träumte ich von der Arbeit als Lokführer oder Privatdetektiv. Ab der dritten Klasse half ich oft auf dem Hof meines Onkels aus und wollte Bauer werden. Rückblickend kann ich sagen, dass sich in diesen Kindheitsjahren schon einiges abgezeichnet hat. Als Berufungsberater betreibe ich wie der Privatdetektiv Spurensuche, ich suche nach wichtigen Mosaiksteinchen im Leben meiner Kunden und frage nach ihrer Bedeutung. Und ich suche mit ihnen nach neuen Horizonten. Mein Drang nach Innovation und Grenzüberschreitung zeigte sich schon früh: Ich war der einzige, der von der Kartoffelernte weglief, um die Mondlandung zu sehen.

Entspricht die heutige Tätigkeit Ihrer Berufung?

Ja, ich kann heute meine wichtigsten Talente in meinen Beruf einbringen. Ich musste allerdings einen weiten Weg zurücklegen. An der Universität, wo ich Soziologie und Betriebswirtschaft studiert habe, übertrieb ich es oft mit der Grenzüberschreitung und galt als Provokateur. Später lernte ich, genauer zu fragen, in welchen Fällen Grenzbegehung sinnvoll ist. Beruflich war ich als körperorientierter Psychotherapeut, Journalist und Projektleiter im Gesundheitswesen tätig gewesen, bevor ich die sinnorientierte Beratung (Logotherapie nach Viktor Frankl) und den amerikanischen Unternehmensberater Dick Richards entdeckte. Er beschreibt in seinem Buch, wie der Genius jedes Menschen die prägende und treibende Kraft der Entfaltung sein kann. Das war für mich ein Aha-Erlebnis und ich entwickelte ein Konzept, wie Menschen ihr Urtalent finden und im Beruf ausleben können.

Was meinen Sie mit Urtalent?

Das Urtalent ist eine natürliche Kraft, ein Potenzial, das oft unter der Oberfläche wirkt. Es schlummert in jedem, ist mehr oder weniger stark wirksam; es ist eine Gabe, die wir weitergeben sollten. Wer sein Urtalent kennt und Tätigkeiten ausübt, die in enger Verbindung mit ihm stehen, erlebt mehr Erfüllung, hat das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun auf dieser Welt. Manche erkennen ihr Urtalent früh und intuitiv. Yehudi Menuhin etwa wurde so tief berührt, als er das erste Mal den Klang einer Geige hörte, dass er danach keinerlei Zweifel in Bezug auf seine Bestimmung mehr hatte. Viele andere wissen wenig um ihr Urtalent oder sie haben es sich ausreden lassen.

Viele Erwerbstätige üben ihren Beruf ohne grossen Enthusiasmus aus. Was hat es für Folgen, wenn man seine Talente nicht einbringen kann?

Übt jemand den falschen Beruf aus, verkümmert das Urtalent zum Mauerblümchen. Gemäss einer Untersuchung sind 25 Prozent der Arbeitenden mit ihrer Stelle so unzufrieden, dass sie eigentlich wechseln möchten. Menschen, die innerlich gekündigt haben, erfüllen höchstens Dienst nach Vorschrift und bleiben bloss der Sicherheit und des Lohnes wegen. Sie zahlen aber selber einen hohen Preis durch den Verlust von Energie, Freude und Lebensperspektiven. Rasch kommen Langweile und Demotivation auf, später Erschöpfungsgefühle und Burnout.

Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Einer meiner Kunden war acht Jahre lang sehr erfolgreich in einer dynamischen Branche tätig. Als er aus der Gruppenleitung ausschied und auf ein Nebengleis abgeschoben wurde, begann er, sich Fragen zu stellen. Er spürte, dass seine Energie und Motivation auf ein tiefes Niveau gefallen waren. Im Gespräch zeigte sich, dass er vor Jahren eher zufällig in diese Branche gerutscht war, sie hatte nichts mit seinem Studium und wenig mit seinem Urtalent zu tun. Er hatte bloss die Gelegenheit genutzt, seine rasche Auffassung unter Beweis zu stellen, Geld zu verdienen und Anerkennung zu erhalten. Und weil es äusserlich gut lief, blieb er auf diesem Nebengleis und vergass vorübergehend seine Motive und Träume.

Wie gehen Sie vor, um das Urtalent greifbar zu machen?

Ich frage nach starken Antriebskräften einer Person, was sie gerne macht, welche Erfolgsgeschichten sie erzählen kann, an welche Kindheitsträume sie sich erinnert, wie andere sie charakterisieren, wie sie sich in einer Gruppe verhält. Oft hilft auch ein Schritt auf die unbewusste Ebene, die Auseinandersetzung mit Träumen, psychosomatischen Symptomen oder Vorlieben in Kunst und Kultur. Oder ich frage, was jemand tun würde, wenn er nur noch drei Monate zu leben hätte und was dereinst auf seinem Grabstein stehen soll. Das alles hilft, das Urtalent benennbar zu machen und danach zu besprechen, wie es sich realisieren lässt.

In der Regel müssen Ihre Klienten wahrscheinlich kündigen und sich selbständig machen.

Selbständigkeit ist oft eine Option, aber sicher nicht die einzige. Auch in Grossbetrieben gibt es viel mehr Freiräume, als man glaubt – besonders für jene, die ihre Talente gut kennen und geschickt einbringen. Ich kenne jemanden, der sich in einem Grossbetrieb die Stelle auf den eigenen Leib hat zuschneiden können. Er ist kaum jemandem Rechenschaft schuldig, weil er genau weiss, was er besser kann als alle anderen, und dieses Talent zugunsten des Unternehmens verwirklicht. Aber ich will nicht bestreiten, dass es Mut braucht, konsequent nach seinem Urtalent zu suchen und es zu verwirklichen. Erstens ist es in unserer Gesellschaft üblich, dass man sich in erster Linie am Markt, am Lohn, am Prestige und an den Leistungserwartungen anderer orientiert und nicht so sehr auf sich selber hört. Und zweitens ist es immer ein Risiko, «seinem Ding» nachzugehen.

Inwiefern?

Wer nach seinen Urtalenten fragt, kommt unter Umständen zum Schluss, dass er sein Leben auf den Kopf stellen will. Die Veränderungsdynamik hat oft auch Auswirkungen auf das private Umfeld. Das kann zwar schmerzhaft sein, es ist aber in jedem Fall besser, als ein Leben lang vor den wesentlichen Fragen davonzulaufen. Ich ermutige meine Kunden dazu, sich Ruheoasen einzurichten, wo sie ihr Leben reflektieren und sich fragen können, welchen Weg sie gehen möchten. Wer sein Potenzial nicht nutzt, wird auf Dauer krank, wer seinem Ruf folgt, fühlt sich getragen von einer starken Energie und geht mit mehr Entdeckerfreude und Durchhaltewille durchs Leben.

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