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Von Bauern zu Unternehmern«Wir Kibbuzniks sind die besten Kapitalisten»

Die israelische Kibbuz-Bewegung wurde als gelebte sozialistische Utopie bekannt. Heute hat sich dort vieles verändert. Ein Besuch bei Landwirten, Öko-Pionieren und Managern.

Arbeiterinnen installieren ein Bewässerungssystem rund um neu gepflanzte Dattelpalmen. Hier im Kibbuz Samar, in der Negev Wüste nahe der Stadt Eilat.
Arbeiterinnen installieren ein Bewässerungssystem rund um neu gepflanzte Dattelpalmen. Hier im Kibbuz Samar, in der Negev Wüste nahe der Stadt Eilat.
Ethan Welty

Von der Plattform eines Hubfahrzeugs blickt Biobauer Yoni Thorne über die Dattelplantagen des Kibbuz Ketura. Wer hier leben will, in der Tradition einer gelebten sozialistischen Utopie, braucht einen besonderen Geist und Tatendrang. Die Dattelplantage mit ihren 9000 Palmen ist noch immer die wichtigste Einkommensquelle des Kibbuz. Im 1973 gegründeten Kibbuz hat man die Vision von Israels Staatsgründer David Ben Gurion umgesetzt: die Wüste grün zu machen.

Aber längst setzt man hier nicht mehr nur auf traditionelle Landwirtschaft. Neben den Feldern mit den Dattelbäumen blitzen Solarfelder in der gleissenden Sonne auf. Dieser Kibbuz ist der Pionier in Israel bei Photovoltaikanlagen. Die Kibbuzniks versorgen inzwischen nicht mehr nur sich selbst mit Strom, sondern mit ihrer zweiten Anlage – der grössten im Land – liefern sie auch Elektrizität für die rund 50 Kilometer entfernt liegende Stadt Eilat am Roten Meer.

Von der Aussichtsplattform hoch über den Dattelplantagen ist eine weitere Anlage zu sehen. Hier werden Algen gezüchtet und kultiviert. 1998 wurde die Firma Algatech gegründet, die Mikroalgen für Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik herstellt. Inzwischen ist Algatech eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich Mikroalgen-Landwirtschaft, eine französische Firma hat sich eingekauft, dem Kibbuz gehören rund 20 Prozent. Von Ketura aus werden die Produkte in mehr als 30 Ländern verkauft. Die Firma liefert Einnahmen, Jobs und Zukunftsperspektiven.

«Der Kibbuz hat sich verändert im Laufe der Zeit. Früher haben wir 250 Kühe gehabt und alles angebaut, was wir gebraucht haben. Jetzt haben wir Agrotech. Finanziell haben wir uns verbessert, aber die Atmosphäre hat sich geändert, der Gemeinschaftssinn ist weniger geworden», meint Marc Lewi, der vor 35 Jahren von Paris in diesen Kibbuz mitten in die Wüste gezogen ist. Bereut hat er die Entscheidung nie: «Wenn ich am Morgen aufwache und aus dem Fenster schaue, denke ich noch immer: Wow!»

«Nach innen sind wir Sozialisten, nach aussen ist der Kibbuz ein kapitalistisches Unternehmen.»

Marc Lewi, Bewohner des Kibbuz Ketura

Aber vieles nerve ihn, gibt der 60-Jährige zu. «Alles muss diskutiert werden und wird gemeinschaftlich entschieden.» Im Kibbuz Ketura werden noch die sozialistischen Ideen einer selbstbestimmten klassenlosen Gesellschaft hochgehalten, die die Kibbuz-Bewegung über Israel hinaus bekannt gemacht haben. Dort wurden die Ideale der totalen Gleichberechtigung, des Verbots von Privateigentum und das Zusammensein im Kollektiv gelebt. Das hebräische Wort Kibbuz heisst Zusammenkunft. Auch viele Schweizerinnen und Schweizer verdingten sich für einige Monate als Melkerinnen oder Orangenpflücker, um für eine begrenzte Zeit im Kibbuz zu leben.

Massentourismus im Kibbuz

Diese Vision wurde erstmals 1909 am See Genezareth verwirklicht, als Juden eine kleine Gemeinschaft namens Degania Alef begründeten. Wie viele Kibbuzim setzt Degania inzwischen nicht mehr nur auf Landwirtschaft, sondern auch auf Tourismus und bietet ein Dutzend Gästezimmer an. Im nur elf Kilometer entfernten Kibbuz En Gev, der direkt am Ufer des See Genezareth liegt, gab es in der Vor-Corona-Zeit schon so etwas wie Massentourismus, wenn ein gutes Dutzend Busse Touristen ankarrten, die sich dann mit einem Bummelzug durch den Kibbuz fahren liessen und von diesem Gefährt aus das sozialistische Experiment bestaunten.

Die Kibbuzim mussten sich gezwungenermassen erneuern. Wirtschaftskrisen und gesellschaftliche Umwälzungen haben der Bewegung schwer zu schaffen gemacht. Vor allem junge Menschen wanderten ab. Inzwischen sind rund drei Viertel der 273 verbleibenden Kibbuzim privatisiert. In diesen sogenannten «erneuerten Kibbuzim» werden Gehälter gezahlt, sind Privatautos zugelassen, und der Speisesaal wird nur noch in Ausnahmefällen benutzt.

Yoni Thorne kam vor elf Jahren mit seiner Frau und zwei Töchtern aus den USA in den Kibbuz Ketura. Er betreibt dort ökologische Landwirtschaft.
Yoni Thorne kam vor elf Jahren mit seiner Frau und zwei Töchtern aus den USA in den Kibbuz Ketura. Er betreibt dort ökologische Landwirtschaft.
Foto: Alexandra Föderl-Schmid

Im Kibbuz Ketura dagegen werden weiterhin die traditionellen Ideale hochgehalten: Es wird gemeinsam gegessen, die Häuser gehören allen, auch für die Gesundheitsversorgung kommt der Kibbuz auf. «Egal, ob du durch deine Arbeit einen Schekel oder eine Million bringst: Alles geht in die Kasse des Kibbuz», erklärt Marc Lewi. «Und jeder kriegt die gleiche Summe raus, das ist wie Taschengeld.» Für ein Paar sind das 3200 Schekel, umgerechnet 860 Franken. Davon müssen Kleidung und Elektrizität bezahlt werden. Ausserdem die Benutzung von Fahrzeugen, es steht ein Pool von 15 Autos zur Verfügung. «Nach innen sind wir Sozialisten, nach aussen ist der Kibbuz ein kapitalistisches Unternehmen. Die Vorgabe ist, dass wir im Plus sind. Es gibt auch Manager, aber das letzte Wort hat die Generalversammlung», erklärt Lewi.

In den vergangenen zwei Jahren verzeichnen die Kibbuzim in Israel wieder Zuzüge. Vor allem junge Familien zieht es wegen der Kinderbetreuungseinrichtungen in die Gemeinschaftssiedlungen. «Wir wollten, dass unsere Kinder in einer gesunden Umwelt aufwachsen», sagt Yoni Ben Hai, 32. Bis vor Kurzem war er noch Manager in einem Betrieb in Tel Aviv, nun arbeitet er in der Essensausgabe im Speisesaal.

Sicherer Hafen vor Antisemitismus

Die Zahl der Haushalte ist im Kibbuz Ketura binnen zehn Jahren von 105 auf 152 gestiegen. Lewi, der für die Häuserverwaltung im Kibbuz zuständig ist, sieht noch einen weiteren Grund für den Zuzug: den wachsenden Antisemitismus in Europa und den USA. «Der Kibbuz ist wie ein sicherer Hafen.» Auch das Coronavirus werde sich auswirken, davon ist er überzeugt. «Wo, wenn nicht hier, mitten in der Wüste, ist man sicher?» Das Coronavirus hat auch das Gemeinschaftsleben durcheinander gebracht. Der Speisesaal wurde fast drei Monate geschlossen, die Küche blieb aber offen, sodass sich jeder die Mahlzeiten für den Verzehr zu Hause holen konnte. Gekocht wird koscher – auch das ist nicht in jedem Kibbuz so.

Denn in Ketura gibt es ein Miteinander von religiösen und säkularen Juden. «Wir zünden am Schabbat im Speisesaal Kerzen an. Das ist sehr ungewöhnlich für einen eigentlich säkularen Kibbuz. Am Samstagvormittag gehen dann die einen in die Synagoge, die anderen an den Strand», sagt Sarah Cohen, die Rabbinerin. Für viele, «sehr viele», fügt sie hinzu, sei ein weiblicher Rabbiner ein Problem. «Das macht mich traurig. Obwohl dieser Kibbuz eigentlich von Anfang an auf Gleichberechtigung gegründet war.»

Yair Arzi ist Manager und weiss: Ökonomisch florierende Kibbuzim sind beliebt bei Zuzüglern.
Yair Arzi ist Manager und weiss: Ökonomisch florierende Kibbuzim sind beliebt bei Zuzüglern.
Foto: Alexandra Föderl-Schmid

Der Grundsatz der Gleichberechtigung wird auch im Kibbuz Mischmar Haemek hochgehalten, auch wenn man den Eindruck hat, sich hier in einer Reihenhaussiedlung aufzuhalten, die von der oberen Mittelklasse bewohnt wird. Dieser Kibbuz im Norden des Landes gilt in Israel als einer der wohlhabendsten und florierendsten. Das liegt vor allem an der Entwicklung der 1950 gegründeten Firma Tama, die sich zu einem der weltweit führenden Lieferanten für Ballenverpackungen entwickelt hat. Tama hat sich darauf spezialisiert, landwirtschaftliche Produkte wie Heu in Plastikfolien zu verpacken. Das Unternehmen, das dem Kibbuz gehört, hat inzwischen Produktionsstätten auf allen Kontinenten mit 1750 Mitarbeitern und erzielte 2019 einen Jahresumsatz von 670 Millionen US-Dollar, die Wachstumsraten in den vergangenen fünf Jahren waren zweistellig.

«Wir sind uns unseres Erbes als landwirtschaftliche Pioniere bewusst», sagt Yair Arzi, der CEO von Tama. «Als Unternehmen, das einem Kibbuz gehört, haben wir eine einzigartige Position. Wir haben den Konsumenten im Blick und haben keinen industriellen Hintergrund.» Der 45-Jährige ist in diesem Kibbuz geboren, mit Mitte zwanzig ist er nach dem Studium ins Unternehmen eingestiegen und seit fünf Jahren leitet er die Geschicke der Firma.

«Die Leute wollen einen Beitrag leisten, es geht ihnen nicht nur um ihre Karriere.»

Yair Arzi, Manager und Bewohner des Kibbuz Mischmar Haemek

Wie alle der rund 200 bei Tama beschäftigten Kibbuz-Mitglieder bezieht er kein Gehalt, das Unternehmen überweist jeden Monat eine fixe Summe an den Kibbuz und liefert auch 70 Prozent des Gewinns ab. Wie viel, das will der Manager nicht sagen. Aber umgerechnet rund 2150 Franken Taschengeld beziehe eine fünfköpfige Familie pro Monat. Nicht nur die Häuser sind von beachtlicher Grösse und Ausstattung, der Carpool umfasst 200 Fahrzeuge. Auch der Firmenmanager hat kein eigenes Auto. «Das ist für alle sehr komfortabel, solange wir erfolgreich sind.» Der Kibbuz Mischmar Haemek ist nicht zuletzt wegen seiner ökonomischen Perspektive attraktiv für Zuzügler: Die Einwohnerzahl ist binnen zehn Jahren von 973 auf 1200 in diesem Jahr angestiegen.

Was ein im Eigentum eines Kibbuz stehendes Unternehmen von anderen Firmen unterscheide? Für Arzi sind es vor allem Teamwork und Teamgeist. «Die Leute wollen einen Beitrag leisten, es geht ihnen nicht nur um ihre Karriere. Aber auch wir müssen wirtschaftlich gute Ergebnisse liefern.» Ähnlich sieht es Marc Lewi im Kibbuz Ketura: «Wir Kibbuzniks sind die besten Kapitalisten, weil wir mit unserem Geld Dinge vorantreiben, die die Welt verbessern. Mit etwas anderen Methoden, als die Gründer das getan haben.»