«Wir wollen den Teufel Glyphosat ja nicht mit dem Beelzebub austreiben»

Heisswasser, Elektroschocks und Roboter: Die SBB testen, wie sie künftig Pflanzen in Gleisnähe entfernen können.

«Glyphosat ist seit Jahren in Verruf, weshalb reagieren Sie erst jetzt?»: Projektleiter Adolph Gunter im Interview. (Video: Anja Stadelmann)
Philipp Felber-Eisele@PhilippFelber

Die SBB setzen Glyphosat ein, um die Gleise möglichst unkrautfrei zu halten. Und das nicht zu knapp. Zuletzt waren es zwei bis drei Tonnen pro Jahr, je nach Wachstum der Pflanzen. Die Bundesbahnen sind denn auch einer, wenn nicht sogar der grösste private Glyphosatverbraucher in der Schweiz. Das soll sich nun ändern. Einen Versuch, Unkraut mit heissem Wasser zu bekämpfen, stellten die SBB nun vor.

Das Prinzip hinter der neuen Methode: Ein Zug fährt mit 40 km/h über die Gleise. Über angebrachte Sensoren merkt der Zug, wann eine Pflanze sich in Gleisnähe befindet. Daraufhin wird über Düsen 95 Grad heisses Wasser auf die Pflanzen gesprüht. Dadurch sollen diese bis auf die Wurzeln absterben.

Für die Entwicklung des Zuges haben die SBB 1 Million Franken ausgegeben und wurden dabei finanziell vom Bund unterstützt. In den nächsten Monaten soll das neue System getestet werden.

Ein ähnliches System setzen die SBB heute teilweise schon ein, um punktuell Glyphosat auszutragen. Doch der Wirkstoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Deshalb wollen die SBB bis 2025 gänzlich auf Glyphosat verzichten.

Seit 1993 sprühen die SBB nur noch Glyphosat. Vorher setzten sie grossflächig Bodenherbizide ein. In den 1970er-Jahren wurden über 16 Tonnen pro Jahr davon verbraucht. Der Grund für die Herbizide: Pflanzen in Gleisnähe sind gefährlich. So könnten Lokführer wichtige Signale nicht sehen, wenn diese überwuchert sind. Zudem könnten das Unkraut das Gleisbett instabil machen.

Jät-Roboter, anderes Herbizid ...

Dies wird aber mit der Heisswassermethode wohl nicht möglich sein. Parallel arbeiten die Bundesbahnen deshalb auch noch an anderen Projekten. So etwa könnten dereinst auch autonome Roboter in den Einsatz kommen. Noch seien aber die Kosten dafür schwer abzuschätzen, sagt SBB-Projektleiter Gunter Adolph. Zudem sei es erst ab 2025 realistisch, dass Roboter Unkraut jäten.

Auch der Einsatz von anderen Herbiziden ist weiterhin ein Thema. Diese sollen aber zuerst gründlich erforscht werden. Ein Problem: Die Stoffe dürfen nicht ins Grundwasser gelangen. Derzeit ist nur Glyphosat für den Einsatz im Gleisbereich überhaupt zugelassen.

... oder doch Stromstösse?

Die Deutsche Bahn arbeitet momentan daran, Unkraut mit Stromstössen zu bekämpfen. Die SBB sehen dafür aber noch keine grossflächige Einsatzmöglichkeit, weil die Stromstösse die in Gleisnähe eingebaute Elektronik nicht stören dürfen. Eine Einsatzmöglichkeit sind Rangierbahnhöfe.

Möglich wäre auch, dass die SBB in Zukunft Materialien verbauen, die das Wachsen der Pflanzen gar nicht erst zulassen oder zumindest hemmen. Ab 2020 sollen die ersten in den Einsatz kommen. In eine ähnliche Richtung geht die Idee, einen grünen Teppich neben den Gleisen anzupflanzen, die das Wachstum von schädlichen Pflanzen verhindern sollen. Da arbeiten die Bundesbahnen mit den französischen Kollegen von der SNCF zusammen.

Greenpeace erwartet enge Begleitung

Alle diese Methoden haben denn auch Nachteile. Gerade heisses Wasser kann die im Gleisbett lebenden Tiere gefährden: Etwa Eidechsen. Greenpeace erwartet deshalb, «dass die SBB die Einführung der Methode eng durch Expertinnen begleiten lassen, um die Anzahl der betroffenen Tiere zu minimieren», wie ein Sprecher sagt.

Grundsätzlich begrüsse man es aber, dass die SBB aktiv nach nicht chemischen Lösungen für die Unkrautbekämpfung suchten. Diesem Beispiel sollen andere Bahnen wie auch Gemeinden, Städte und öffentliche Betriebe Folge leisten.

Dass heisses Wasser Reptilien und Amphibien gefährden kann, ist den SBB bewusst. Sie betonen aber, dass mit dem punktuellen Einsatz möglichst wenige Tiere in Mitleidenschaft gezogen werden sollen. Und gerade auf viel befahrenen Strecken lebten wenig Eidechsen. «Wir wollen den Teufel Glyphosat ja nicht mit dem Beelzebub austreiben», sagt Projektleiter Gunter Adolph dazu.

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