Kritik am grünen Anstrich der Finanzindustrie

Die Finanzbranche setzt auf nachhaltige Anlagen. Doch handle es sich bei vielen Initiativen nur um ein Feigenblatt für die Industrie.

NGOs demonstrieren 2017 an der New Yorker Wall Street gegen die Finanzierung der Erdölindustrie.

NGOs demonstrieren 2017 an der New Yorker Wall Street gegen die Finanzierung der Erdölindustrie.

(Bild: Reuters Amr Alfiky)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Es ist eine riesige Summe: Mit 1,9 Billionen Dollar sollen laut der Studie «Banking on Climate Change» die globalen Grossbanken seit dem Pariser Abkommen die Erdölindustrie oder die Kohlebranche finanziert haben. In den Top 25 der von verschiedenen Umweltschutzorganisationen zusammengestellten Liste sind alle namhaften Grossbanken zu finden, also auch die Credit Suisse und die UBS. An der Spitze der Rangliste liegen mit grossem Abstand die US-Banken JP Morgan und Wells Fargo. Sie haben laut der Studie ihr Engagement in der Erdölindustrie in den letzten Jahren sogar ausgebaut.

Christian Leitz, Leiter Corporate Responsibility bei der UBS, sagt dazu: «Der Übergang zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft ist in unser aller Interesse.» Über die vergangenen Jahre habe UBS eine umfassende Strategie entwickelt, um diesen Prozess zu unterstützen. Der Anteil an CO2-relevanten Vermögenswerten in der Bilanz sei auf 1,2 Prozent oder 2,7 Milliarden Dollar gesunken. «Wir haben uns verpflichtet, weltweit keine projektspezifischen Finanzierungen für neue Kohlekraftwerke zur Verfügung zu stellen.» Finanztransaktionen von Kohlekraftwerkbetreibern würden nur unterstützt, falls deren Übergangsstrategie mit dem Pariser Klimaschutzabkommen vereinbar ist oder die Transaktion mit erneuerbaren Energien in Verbindung steht.

Die Credit Suisse anerkenne ihren Teil der Verantwortung bei der Bekämpfung des Klimawandels durch die Unterstützung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen und klimaresistenten Wirtschaft, so eine Sprecherin der Bank. Die CS habe ihre Richtlinien bezüglich sensitiven Industrien in den letzten Jahren verschärft. Die Bank sei zudem seit 2010 an rund 110 Transaktionen im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz im Wert von über 94 Milliarden Dollar beteiligt gewesen. Sie gehöre in diesem Bereich zu den weltweit führenden Banken.

Während sich die grossen Banken langsam Wandeln, steigt bei den professionellen Investoren wie Pensionskassen in der Schweiz die Nachfrage nach nachhaltigen Anlagen seit einigen Monaten stark. 2017 stiegen laut Swiss Sustainable Finance in der Schweiz die nach Nachhaltigkeitskriterien angelegten Vermögen um 82 Prozent 2017. Rund 390 Milliarden Franken sind so investiert. Auch die Zahl der Produkte steigt. Kaum eine Bank oder ein Vermögensverwalter, der kein nachhaltiges Anlagevehikel lanciert. In diesen Tagen hat etwa die Bank Raiffeisen die erste nachhaltige Anleihe im Schweizer Markt platziert. «Schweizer Investoren können damit in energieeffizienten, emissionsarmen und gemeinnützigen Wohnbau investieren», heisst es da.

Sich grün nennen zu einfach

Der Wildwuchs an grünen Anlageprodukten nährt den Verdacht, dass viele davon gar nicht so nachhaltig sind. «Es ist heute zu einfach, sich grün zu nennen», sagt Tobias Reichmuth, Gründer des auf nachhaltige Infrastrukturanlagen spezialisierten Unternehmens Susi Partners. Ihm fehlt die Konsequenz: Wenn zum Beispiel Banken konsequent nachhaltig sein wollten, sollten sie keine Firmen im fossilen Energiebereich oder Pipelines mehr finanzieren.

In der Finanzwelt haben Begriffe wie Nachhaltigkeit, Impact Investment oder soziale Anlagekriterien (ESG) gerade Konjunktur – sie sind aber kaum definiert. Reichmuth stört sich an den Feigenblättern der Finanzindustrie: «Jedes Unternehmen darf heute von sich behaupten, ein nachhaltiger Investor zu sein.» Auf vielen Anlageprospekten sei heute ein Windrad abgebildet – was dann drinsteckt, also wie das Geld angelegt wird, hat dann oft wenig mit Windenergie oder Nachhaltigkeit zu tun. Tariq Fancy, der beim weltgrössten Vermögensverwalter Blackrock für nachhaltige Investments verantwortlich ist, sagte jüngst dieser Zeitung: «Es gibt eine allgemeine Konfusion darüber, was nachhaltige Investments eigentlich sind.»

Kriterien fehlen

Eine Reihe von Brancheninitiativen, wie etwa ein Ausschluss von Waffenfirmen aus grossen Börsenindizes, oder politischen Vorstössen soll Klarheit bringen – gelungen ist es bislang nicht. Als ob es nicht schon genügend Initiativen gäbe, beschäftigt sich nun auch noch die EU mit dem Thema: Sie arbeitet derzeit daran, ökologische Anlageformen zu definieren.

Viele Investoren setzen auf weiche Nachhaltigkeitskriterien. Man kann bestimmte Sektoren wie beispielsweise Waffenhersteller ausschliessen oder etwa aus allen Ölfirmen diejenige auswählen, die am saubersten arbeitet. Grosse Staatsfonds wie etwa derjenige von Norwegen gehen dabei voran, auch in der Schweiz gibt es entsprechende Listen.

«Ich glaube, es gibt keine saubere Ölfirma», so Reichmuth von Susi Partners. Mit Ausschlusskriterien mache man zwar nichts falsch, doch ihm sind harte Zahlen lieber. «Wir messen, wie viel CO2 mit jeder Investition eingespart wird.» Dabei wird auch eingerechnet, wie viel CO2 zum Beispiel bei der Erstellung des Windparks verursacht wurde. «Netto lohnt sich ein Windpark bereits nach weniger als einem Betriebsjahr» sagt Reichmuth.

Unter den verschiedenen Anlagekriterien der Investoren sei Nachhaltigkeit oftmals gar nicht so wichtig. «Wieso jemand bei uns sein Geld anlegt, solange wir eine nachhaltige Wirkung erzielen können, ist schlussendlich nicht wichtig», so Reichmuth. Daher sind die Renditeerwartungen der Profianleger an das Unternehmen auch nicht tiefer als bei anderen Investments. Rund eine Milliarde Franken verwaltet die Firma derzeit. Dieser Betrag soll sich in den nächsten 12 bis 18 Monaten verdoppeln.

UNO warnt

Die Branche erhofft sich von einer Gesetzesänderung in der Schweiz einiges. Ab dem nächsten Jahr dürfen hiesige Pensionskassen stärker in Infrastrukturprojekte investieren, die entsprechende Quote wird dann gelockert. Im Ausland gibt es bereits Nachhaltigkeitsvorgaben. In Schweden oder den Niederlanden müssen Pensionskassen die Gelder zumindest teilweise nachhaltig anlegen.

Erst vor wenigen Tagen hat die UNO zur Reform des globalen Finanzsystemsaufgerufen. Zwar würden sich 75 Prozent der Anleger um die Auswirkungen ihrer Investitionen sorgen, doch würden ohne weitreichende Reformen des Finanzsystems Ziele wie die Eindämmung des Klimawandelns oder die Bekämpfung von Armut bis 2030 nicht erreicht.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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