Aktionäre verpassen Bayer-Chefs einen Denkzettel

Nach der Übernahme des Konkurrenten Monsanto verweigern verärgerte Aktionäre der Geschäftsleitung des Chemiekonzerns die Entlastung.

Schon vor der Bayer-Generalversammlung kündigten Demonstranten ihren Unmut an.

Schon vor der Bayer-Generalversammlung kündigten Demonstranten ihren Unmut an.

(Bild: Maja Hitij/Getty Images)

Es ist ein denkwürdiges Votum, das die Aktionäre Werner Baumann, dem Chef des Pharma- und Agrochemiekonzerns Bayer, beschert haben: An der Generalversammlung verweigerten 55 Prozent die Decharge oder Entlastung der Geschäftsleitung. Das bedeutet, dass die Gesellschaft nicht auf allfällige Schadenersatzansprüche gegen die Geschäftsleitung verzichtet.

Die Aktionäre hätten ein «deutliches Signal» gesendet, sagte Aufsichtsratschef Werner Wenning, als er am späten Freitagabend die Ergebnisse vorlas: «Der Aufsichtsrat nimmt dieses Votum sehr ernst.» Selbst der Aufsichtsrat wurde nur mit 66,4 Prozent des Kapitals entlastet.

Noch in der Nacht tagte der Aufsichtsrat und teilte dann mit, dass er «geschlossen hinter der Geschäftsleitung» stehe. In einem Brief an die Mitarbeiter schrieben Baumann und seine Kollegen, dass sie die Stimmung der Aktionäre verstehen und ihre Enttäuschung teilen würden. Die Geschäftsleitung werde nun sehr hart arbeiten, «um das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen».

13'400 Klagen eingereicht

Bayer hat in den vergangenen Monaten fast 40 Prozent an Börsenwert verloren. Der Kurs leidet unter der Übernahme des Konzerns Monsanto für 63 Milliarden Dollar. Das US-Unternehmen steht wegen des Unkrautbekämpfungsmittels Glyphosat in der Kritik. Viele Menschen machen den Wirkstoff für ihre Krebserkrankung verantwortlich. In den USA wurden rund 13'400 Klagen eingereicht. Zwei erstinstanzliche Verfahren hat Bayer verloren. Die Kläger bekamen jeweils rund 80 Millionen Dollar zugesprochen. Investoren fürchten, dass Bayer mehrere Milliarden wird zahlen müssen, um den Rechtsstreit beizulegen.

Welche Folgen hat dieser Aktionärsentscheid für die Geschäftsleitung? «Eine Nichtentlastung ist kein Kündigungsgrund», sagt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Den Aktionären gehört zwar die Firma. Doch kennt das deutsche Aktienrecht ein System der «Checks and Balances», es verteilt also die Verantwortung: Demnach wählen die Anteilseigner, ebenso wie die Arbeitnehmer, Vertreter in den Aufsichtsrat. Dieses Gremium beruft dann Manager in die Geschäftsleitung oder entlässt sie wieder. Eine Abberufung ist gemäss deutschem Recht möglich, wenn ein «wichtiger Grund» wie zum Beispiel eine grobe Pflichtverletzung vorliegt. Der Aufsichtsrat kann sich auch in beiderseitigem Einvernehmen vorzeitig von Geschäftsleitungsmitgliedern trennen; dann sind meistens Abfindungen fällig, oft in Millionenhöhe.

Nach Ansicht des Aufsichtsrats hat sich die Geschäftsleitung um Baumann aber nichts zuschulden kommen lassen. Zwei Gutachten, die der Aufsichtsrat in Auftrag gegeben hat, belegen ihm zufolge, dass die Geschäftsleitung bei der Untersuchung der Rechtsrisiken von Glyphosat «seinen Sorgfaltspflichten gerecht wurde».

Ein Novum

Bisher ist es noch nie vorgekommen, dass der Geschäftsleitung eines Konzerns, der im deutschen Aktienindex DAX gelistet ist, die Entlastung verweigert wurde. In anderen Fällen hatten schon weniger deutliche Entscheide ernsthafte Folgen: Im Mai 2015 wurden die damaligen Co-Chefs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, von der Hauptversammlung mit jeweils nur 61 Prozent der Stimmen entlastet. Jain verliess das Geldhaus Mitte 2015, Fitschen blieb noch bis zur Hauptversammlung im nächsten Jahr.

Übernahmen in der Grössenordnung von Monsanto sind nicht die Entscheidung eines Einzelnen. Der Vorstand diskutiert darüber, auch der Aufsichtsrat muss Zukäufen in einer solchen Höhe zustimmen. Würde dieser den Vorstand jetzt dafür kritisieren, wäre das auch eine Art Selbstkritik. Aufsichtsratschef Werner Wenning war selbst Vorstandschef von Bayer – von April 2002 bis Oktober 2010. Er setze alles daran, seinen «Zögling Baumann nicht zu beschädigen», sagt Corporate-Governance-Experte und Vermögensverwalter Christian Strenger: «Baumann ist sein Mann.»

Muss Baumann noch gehen?

Für Bayer gebe es nun «viel, viel zu tun», sagt Vermögensverwalter Strenger. Dennoch rechnet er nicht mit einem raschen Abgang Baumanns. «Ich bin auch nicht sicher, ob das die beste Lösung wäre.» Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) plädierte an der Generalversammlung dafür, dass der Vorstand im Amt bleiben sollte, um «den Karren wieder aus dem Dreck» zu ziehen. Die Deka, das Fondshaus der Sparkassen, warnte, dass Bayer mit neuem Management wichtige Zeit verlöre.

Indes berichtet die Finanzagentur Bloomberg, dass mehrere Grossinvestoren «frustriert» seien, nachdem sich der Aufsichtsrat hinter Baumann und dessen Strategie gestellt hat. Dies sei ein Zeichen, dass Bayer nicht willens sei, die Sorgen der Aktionäre ernst zu nehmen. Bayer müsse nun eine Erneuerung des Aufsichtsrats erwägen, zitiert die Agentur anonyme Eingeweihte, oder ein mögliches Ende der Konglomeratsstruktur.

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