Japan fällt zurück in die Rezession

Ökonomen prophezeien Japan wegen des Erdbebens zwei Quartale mit sinkender Wirtschaftsleistung, den USA neue Finanzprobleme und uns noch höhere Benzinpreise.

Arthur Rutishauser@rutishau

Noch ist es zu früh, das ganze Ausmass der wirtschaftlichen Schäden vorauszusagen, die Erdbeben und Tsunami in Japan ausgelöst haben, und vieles hängt davon ab, ob sich das Debakel in den Atomkraftwerken begrenzen lässt. Doch erste Schätzungen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen liegen vor.

Erst einmal hat das Beben massive Auswirkungen auf die direkt betroffenen Provinzen Iwate, Miyagi und Fukushima. Sie tragen gemäss Susumu Kato, Chefökonom von Crédit Agricole, mit rund 230?Milliarden Franken etwa 4 Prozent zum Bruttoinlandprodukt (BIP) Japans bei. Damit ist das Erdbebengebiet ökonomisch weit weniger bedeutend als die Region zwischen Tokio und Osaka.

Yen schnellt in die Höhe

Verheerend sind die temporären Ausfälle der Stromversorgung in einem grossen Teil des Landes, sie lähmen die Produktion. Zudem passierte kurz nach dem Erdbeben Paradoxes: Der japanische Yen erlebte einen veritablen Höhenflug – ganz im Gegensatz zur Währung Neuseelands, die nach dem Erdbeben vom Februar einbrach. Der Grund dafür ist, dass die Japaner über riesige Auslandsguthaben verfügen, die sie zurück ins Land holen. Für die japanische Wirtschaft bedeutet dies zunächst nichts Gutes, denn es wird noch schwieriger, japanische Güter zu exportieren, als dies wegen der Produktionsausfälle in der Industrie ohnehin der Fall ist.

Insgesamt wird dies laut Kato dazu führen, dass die japanische Wirtschaftsproduktion (BIP) im ersten Quartal um 0,4 Prozent, im zweiten Quartal um 1,2?Prozent fallen werde. Trotz dem zu vermutenden Bauboom in den zerstörten Regionen gibt es für Japans Wirtschaft dieses Jahr kein Wachstum.

Es droht keine Schuldenkrise

«Für die Weltwirtschaft werden die direkten Einflüsse trotzdem nicht sehr stark sein», meint Ursina Kubli, Ökonomin bei der Bank Sarasin. Denn Japan sei schon länger kein Wachstumsmotor mehr. Auch hilft die Tatsache, dass die gigantische japanische Verschuldung in der Höhe von 10 000 Milliarden Franken – doppelt so hoch wie das BIP – vor allem inländisch finanziert ist. Damit ist die Gefahr einer Schuldenkrise gering.

Doch bereits zeichnet sich eine weitere massive Zunahme der Verschuldung ab. So hat die Regierung beschlossen, eine Reserve von 2,3 Milliarden Franken für Nothilfe einzusetzen. Bis Ende Jahr sollen aus derselben Quelle nochmals 4 Milliarden kommen. Die Analysten der Crédit Agricole schätzen, dass mit einem Nachtragskredit weitere 170 Milliarden (3 Prozent des BIP) lockergemacht werden, um für die notleidender Bevölkerung Häuser zu bauen.

Laut Schätzungen muss Japans Regierung neue Schuldscheine in der Höhe von über 100 Milliarden Franken herausgeben. Damit die Zinsen nicht massiv steigen und die Wirtschaft zusätzlich abgewürgt wird, wird die japanische Nationalbank einen Teil davon kaufen und somit den Staatshaushalt mit der Notenpresse finanzieren. Trotzdem rechnen Ökonomen mit höheren Renditen und fallender Bonität der Staatsanleihen. Befürchtet wird auch, dass die japanischen Banken, die bereits in der Finanzkrise viel Geld verloren haben, einen Teil ihrer Kredite abschreiben müssen. Seit dem Erdbeben ist ihr Aktienkurs entsprechend um gut 20 Prozent gefallen.

Gefahr der Inflation

Die Schweizer Firma, die da wohl am meisten zu verlieren hat, ist die UBS. Laut Geschäftsbericht hat sie 43 Milliarden Franken in japanische Wertpapiere investiert, 40 Milliarden in Staatsanleihen. Sie ist zuversichtlich, dass keine grossen Verluste anfallen werden.

All die Mittel, die die Japaner zum Wiederaufbau brauchen, werden den USA fehlen, die für ihre Defizitwirtschaft immer mit dem Geld der Japaner rechnen konnten. Das führt laut Steen Jakobsen, Chefökonom der Saxo-Bank, dazu, dass die Amerikaner auch ihre Notenbank dazu brauchen werden, um die Staatsschulden zu finanzieren. Quantitative Easing 3 wird das genannt. Die Europäer werden insofern nachziehen müssen, als dass sie die Zinsen nicht wie geplant anheben können, denn sonst riskieren sie einen Höhenflug des Euros gegenüber dem Dollar. Gleiches gilt für die Nationalbank. Damit steigt die Gefahr der Inflation.

Energiepreise werden steigen

Sicher steigen werden die Öl- und Gaspreise, denn in Japan sind 11 von 55 nuklearen Reaktoren aus dem Betrieb genommen worden. Das Land wird in nächster Zeit grosse Mühe haben, die Energienachfrage zu decken. Öl- und Gasimporte aus dem Ausland (insbesondere aus Russland) werden notwendig sein, was den Druck auf die Energiepreise auch bei uns erhöhen wird, meint Anastassios Frangulidis, Spezialist bei der Zürcher Kantonalbank.

Tages-Anzeiger

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