Credit Suisse greift Handy-Banken an

Die Grossbank will cool werden und plant eine Produktoffensive. Dem Filialnetz drohen indes Kürzungen.

Eingang der Credit Suisse in Zürich: Die Bank will mehr Geschäfte online mit einfachen Produkten machen.

Eingang der Credit Suisse in Zürich: Die Bank will mehr Geschäfte online mit einfachen Produkten machen.

(Bild: Keystone)

Holger Alich@Holger_Alich

Sie heissen N26, Revolut oder Neon: sogenannte Neobanken, die auf einfache, günstige Produkte setzen und deren Webauftritt für das Smartphone optimiert ist. Als Einstiegsangebot gibt es reine Zahlungsverkehrskonti nebst einer Bankkarte meist gratis.

Die Schweizer Grossbank Credit Suisse bläst nun zu Gegenangriff. Sie gründet innerhalb der Schweizer Einheit einen neuen Geschäftsbereich «Direct Banking», der mit einfachen und günstigeren Produkten punkten will. «Wir wollen attraktiver für jüngere Kunden sein, um die vor allem die Neobanken buhlen», sagt Thomas Gottstein, Chef der Credit Suisse Schweiz.

Das Institut ist bei jüngeren Kunden momentan nur die zweite Wahl. Derzeit hat die Grossbank nach eigenen Angaben einen Marktanteil bei Schweizer Privatkunden (den sogenannten Retailkunden) von 7,5 Prozent. Bei den über 50-Jährigen sei der Marktanteil zweistellig, bei den unter 30-Jährigen ist er indes deutlich tiefer. Das soll sich ändern.

Credit Suisse plant Roboadvisor

«Bei den neuen Produkten denken wir zum Beispiel an einfach zugängliche digitale 3.-Säule-Angebote oder auch an Roboadvisor-Lösungen, die einen einfachen und günstigeren Einstieg in die Vermögensverwaltungswelt sein können», sagt Gottstein.

Ein Roboadvisor ist eine automatisierte Anlageberatung. Der Kunde gibt seine Risikopräferenzen ein, die Maschine errechnet einen passenden Portfolio-Mix. Das ist kostengünstiger als der Rückgriff auf Berater, entsprechend sind solche Angebote billiger. Zu Preisen oder Mindestanlagesummen des geplanten Angebots machte Credit Suisse aber keine Angaben. Bei der Konkurrenz sind Mindesteinlagen von 5–10'000 Franken üblich.

Bisher hält sich der Erfolg der automatisierten Anlagesysteme in der Schweiz aber in Grenzen. Derzeit buhlen 13 Roboadvisors um Kunden. Laut der Hochschule Luzern verwalten sie insgesamt nur 300 Millionen Franken. Zuletzt hatte Vontobel mit ihrem Produkt «Volt» eine automatisierte Vermögensverwaltung gestartet. UBS hatte in Grossbritannien ihr Angebot «Smartwealth» mangels Erfolgs eingestellt.

Dennoch gelten solche Lösungen als Einstiegsprodukt, gerade für junge Kunden. Daher will auch Postfinance bald eine automatisierte Anlagelösung starten, die deutsche Smartphonebank N26 ebenfalls.

Bank will Versicherungen verkaufen

Die Offensive von Credit Suisse soll zudem über reine Bankprodukte hinausgehen. «Wir prüfen auch, ob wir mit Versicherungspartnern einfache Versicherungsprodukte online anbieten wollen, etwa Risikolebensversicherungen zur Absicherung einer Hypothek oder Gebäudeversicherungen», erklärt Gottstein. Eine Rückkehr zur gescheiterten Allfinanzstrategie, im Zuge deren die Credit Suisse die Winterthur-Versicherung gekauft hatte, sei aber nicht geplant, versichert die Grossbank. Unklar ist derzeit noch, welche Versicherung die Grossbank mit Produkten beliefern soll. Andere wagen sich ebenfalls ins Versicherungsgeschäft: Erst kürzlich hat Postfinance eine Autoversicherung lanciert.

Ein Aspekt des neuen Angebots von CS umfasst auch eine bessere Erreichbarkeit. Wer Probleme mit dem Onlinebanking hat, kann die Bank von 8 bis 22 Uhr anrufen, doch die allgemeine Telefonberatung rund ums Banking macht bisher um 20 Uhr zu. «Das wollen wir ausdehnen und mindestens auch am Samstag erreichbar sein», sagt Gottstein.

Konkurrenten mit Problemen

Der Zeitpunkt der Attacke scheint gut gewählt. Derzeit macht Revolut damit Schlagzeilen, dass Kunden Opfer einer Phishing-Attacke geworden sind. Verbrecher hatten Kunden eine gefälschte SMS geschickt und sie aufgefordert, sich über einen Link in ihr Revolut-Konto einzuwählen. Wer das tat, ermöglichte den Dieben so den Zugang zum Konto, welches sie anschliessend plünderten. Ein Kunde verlor so 30'000 Franken. Betroffene beklagen, dass die Bank meist nur per Chat erreichbar gewesen sei, der nicht habe helfen können. Und in Deutschland hatte die Finanzaufsicht die Neobank N26 dazu öffentlich verdonnert, ihre Geldwäschekontrollen zu verbessern.

Doch allein mit längeren Öffnungszeiten bei den Callcentern und einfacheren Produkten werden die Platzhirsche wie Credit Suisse nicht gegen die neuen Player punkten können. Denn bei vielen Dienstleistungen, etwa dem Bezahlen im Ausland, sind diese sehr günstig. Ob und wie stark Credit Suisse bei den neuen Angeboten die Preise senken will, das war nicht zu erfahren.

Immerhin: Credit-Suisse-Schweiz-Chef Gottstein ist so ehrlich einzuräumen, dass der neue Fokus auf Online und Telefonbanking für normale Privatkunden auch Folgen für die 120 Schweizer Filialen der Grossbank haben dürfte. Nicht das grösste Filialnetz, sondern das beste digitale Angebot bei gleichzeitiger Verfügbarkeit der Beratung sei entscheidend, erklärt er. Und ergänzt: «Wir werden mit unseren Filialen weiterhin in allen Regionen der Schweiz vertreten sein, wobei es neue Formen von Filialen geben wird. Auch sind wir offen für die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Konsum- und Elektronik-Industrie», sagt er.

Kein Stellenabbau geplant

Einen neuen Stellenabbau soll es aber nicht geben – im Gegenteil. So brauche die Bank mehr Leute in den Callcentern. Zudem will die Bank mehr Leute im Kerngeschäft der Vermögensverwaltung einstellen. Bis Ende 2021 soll «eine hohe zweistellige Anzahl» neuer Stellen in der Beratung geschaffen werden, so die Ankündigung.

Investitionen in die Digitalisierung und die Beratung will sich Credit Suisse in den kommenden Jahren einen «hohen dreistelligen Millionenbetrag» kosten lassen. Das Geld dazu will Gottstein aus dem laufenden Geschäft verdienen, an den Finanzzielen werde dagegen nicht gerüttelt, versichert er.

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