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Die Börse hat das Virus abgehakt

Während die Infektions- und Opferzahlen weiter deutlich steigen, klettern an den Aktienmärkten die Kurse auf Höchstwerte.

Fast wieder business as usual – doch die Angst vor einer Ansteckung bleibt: Passanten in Hongkong. Foto: EPA
Fast wieder business as usual – doch die Angst vor einer Ansteckung bleibt: Passanten in Hongkong. Foto: EPA

Noch letzte Woche hat die Angst vor einer weltweiten Pandemie die Börsen belastet. Schaut man auf die Kursentwicklung seit dem Montag, traut man seinen Augen kaum: Die Börsen eilen wieder von einem Rekordstand zum nächsten. Der Einbruch des vergangenen Monats wurde fast überall wettgemacht. Auch am Donnerstag eröffnete der Schweizer Leitindex SMI mit mehr als 2 Prozent im Plus und notierte über der Allzeitrekordmarke von 11'000 Indexpunkten. Später reduzierte sich dann das Plus. Doch selbst in Ostasien und in China haben die Börsen seit dem Montag wieder zugelegt.

Angesichts dieser Entwicklung könnte man glauben, für die Börsen sei das Coronavirus bereits Vergangenheit. Dieser Eindruck drängt sich umso mehr auf, als selbst Aktien von Firmen jener Branchen wieder zulegen, die bisher am stärksten direkt von der Angst vor der Krankheit betroffen waren: Fluggesellschaften etwa oder Luxusgüter, die unter einer Kaufzurückhaltung in China leiden könnten.

Von einem Ende der Krise kann jedoch keine Rede sein. Die gemeldeten Zahlen zu Erkrankungen und Todesfällen steigen weiterhin stark an. Bis zum Donnerstag wurden mehr als 28'000 Krankheitsfälle und 565 Menschen gemeldet, die dem Virus erlegen sind. Damit haben sich beide Zahlen innert einer Woche beinahe verdreifacht.

Ausbreitung stockt

Ein Grund für die Gelassenheit der Börsen dürfte sein, dass sich das Virus bisher nicht wie ursprünglich befürchtet über die ganze Welt ausbreitet und auch ausserhalb Chinas zu einem massiven Anstieg von Krankheitsfällen und Opfern führt. Bisher sind nur 258 von insgesamt 28'276 Krankheitsfällen ausserhalb Chinas gemeldet, und es gab nur zwei Todesfälle im Rest der Welt.

Hinzu kommt, dass sich selbst in China die Krankheit weiterhin vor allem auf die Provinz Hubei und dort auf die 11-Millionen-Metropole Wuhan konzentriert. Die Lage für die Betroffenen ist gemäss Berichten dramatisch. Aber für die Weltwirtschaft stellt sie aus Sicht der Kapitalmärkte aktuell kein grosses Risiko dar. Doch Börsen sagen nicht die Zukunft voraus, sie spiegeln nur aktuelle Erwartungen.

In der Regel greifen Analysten aktuell auf die Erfahrungen mit dem Sars-Virus zurück. Diese Krise in den Jahren 2002 und 2003 entwickelte sich letztlich harmloser als anfänglich befürchtet. Nichts garantiert aber, dass die Corona-Krise einen ähnlichen Verlauf nimmt und dass die Krankheit weiterhin fast ausschliesslich auf China beschränkt bleibt.

Ein Grund für den Optimismus an den Börsen sind auch Meldungen von anstehenden Erfolgen in der Erforschung von Impfmitteln. Doch von Erfolgen in der Forschung bis zu einem anwendbaren Impfstoff dauert es in der Regel sehr lange. Gemäss einer von der Nachrichtenagentur Bloomberg zitierten Studie dauert es in China 639 Tage, in Europa 422 Tage und in den USA 333 Tage, bis die Gesundheitsbehörden ein neues Mittel freigeben. Und schon vor der Zulassung scheitern zahlreiche Wirkstoffkandidaten.

Waffenstillstand im Handelsstreit

Auch das anhaltende Vertrauen in die Notenbanken befeuert die Börsen weiterhin. Im vergangenen Jahr haben sie die Geldschleusen wieder geöffnet, nachdem das Fed in den USA zunächst Zinsen anheben wollte. Das hat Aktienmärkten ein goldenes Jahr beschert, trotz zwischenzeitlicher Verunsicherung wegen des Handelskonflikts zwischen China und den USA. Investoren sind überzeugt, dass die Notenbanken auch künftig alles tun werden, um eine harte Korrektur an den Börsen zu verhindern. Bestätigt sehen sich die Börsianer durch Aussagen von Jerome Powell, dem Chef der US-Notenbank.

Die positive Stimmung an der Börse wird aber auch durch Daten aus der Weltwirtschaft getrieben, die besser sind als erwartet. Ein deutlicher Wachstumseinbruch in China wegen der Krise könnte diesen Optimismus allerdings deutlich bremsen. Der Optimismus wurde vor allem durch das sogenannte Phase-I-Abkommen zwischen China und den USA genährt: Dieses stellt im Handelsstreit zwischen den beiden Supermächten eine Art Waffenstillstand dar. Dass am Donnerstag China einseitig seine auf US-Gütern erhobenen Zölle rund halbiert hat, sehen viele ebenfalls als Grund für das Börsenhoch.

Doch auch beim Handelsstreit verbleiben Risiken. Die USA haben bisher trotz Phase-I-Abkommen und Viruskrise keine Zölle auf chinesischen Gütern gesenkt, kündigen dies aber immerhin für einen Teil der Importe aus China auf Mitte Februar ebenfalls an. Offen ist, ob die Amerikaner auf der Klausel im neuen Abkommen beharren, gemäss der China innerhalb von zwei Jahren US-Güter im Umfang von 200 Milliarden Dollar kaufen soll. Angesichts der aktuellen Krise wird China das kaum erfüllen können, meinen Beobachter. Das schreiben auch chinesischen Staatsmedien.

Dort ist man zusätzlich erzürnt über eine Aussage des amerikanischen Handelsministers Wilbur Ross, der öffentlich erklärte, die Viruskrise werde helfen, die Rückkehr von Jobs in die USA und nach Mexiko zu beschleunigen.

Vielleicht legt sich die Krise um das Virus tatsächlich bald. Doch bisher gibt es keinen Hinweis dafür. Auch aus dem Hoch an den Börsen lässt sich dies jedenfalls nicht herauslesen.

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