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Brüssel entlässt Gurke in die Freiheit

Die Gurke darf wieder krumm sein. Nach 20 Jahren fällt die berüchtigte Verordnung.

Gurken dürfen wieder wachsen, wie die Natur es will. Die EU streicht die berüchtigte Verordnung 1677/88, die 20 Jahre lang den Krümmungsgrad der Gurke genau geregelt hat. Eine Gurke darf bisher auf zehn Zentimeter Länge eine maximale Krümmung von zehn Millimetern aufweisen. Eine Gurke in der «falschen» Form konnte im besten Fall verarbeitet auf den Markt gelangen oder musste weggeworfen werfen.

Ab kommenden Sommer werden in Europas Supermärkten neben geraden auch krumme Gurken im Angebot sein. «Dies bedeutet einen Neuanfang für die krumme Gurke», freute sich EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel gestern in Brüssel. Sie sprach von einem «glücklichen Tag für die Gurke». Es ist aber auch ein glücklicher Tag für die EU-Kommission unter dem Portugiesen José Manuel Barroso. Dieser kämpft gegen das schlechte Image der Bürokraten von Brüssel, und da spielt die Gurkenverordnung eine wichtige Rolle. Sie ist bei den knapp 500 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürgern das Symbol schlechthin für den «Brüsseler Regulierungswahn».

Barroso hat sich den Bürokratieabbau auf die Fahnen geschrieben, Entlastungen in Milliardenhöhe versprochen, kann aber bisher wenig Ergebnisse vorweisen. Immerhin, der Abschied von der Gurkenverordnung ist ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.

Neben der Norm für die Gurke fallen auch die Vorschriften für 25 weitere Gemüse und Früchte von Zwiebeln über Auberginen, Avocados und Rüben bis hin zu Aprikosen, Wassermelonen oder Haselnüssen weg. So dürfen Karotten künftig auch unförmig knorrig und der Blumenkohl mit weniger als elf Zentimeter Durchmesser ins Regal. «Es ist ein konkretes Beispiel für unsere Bemühungen, unnötige Bürokratie abzubauen», sagte die Landwirtschaftskommissarin Fischer Boel. Genau 100 der insgesamt 120'000 Seiten EU-Recht werden dank befreitem Obst und Gemüse ersatzlos gestrichen. Rege Lobby gegen die Abschaffung

Gurkenverordnung hatte auch Freunde

Beinahe wäre der Kampf gegen die Gurkennorm allerdings noch zum Flop geraten. Für Kriegserklärungen an die Bürokratie gibt es immer Applaus, doch sobald es konkret wird regt sich Widerstand. Die eigentlich so verpönte Gurkenverordnung hatte plötzlich viele Freunde. Bauernorganisationen und Konservenhersteller lobbyierten in Brüssel für geregelte Formen und Grössen von Gemüse und Obst. Händler lobten die gerade Gurke, die sich einfacher verpacken, in Dosen abfüllen und transportieren lasse. Nicht weniger als 16 der 27 Mitgliedsstaaten stimmten am Mittwoch dafür, die Normen beizubehalten, knapp zuwenig für die notwendige Blockademehrheit.

Dabei hatte die EU-Kommission zuvor schon Abstriche von ihren ursprünglich ehrgeizigeren Plänen in Kauf nehmen müssen. Die Normen für zehn weitere Erzeugnisse wie Äpfel, Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Trauben, Salate oder Peperoni werden beibehalten. Neu sind immerhin Abweichungen von der Norm erlaubt, wenn der Supermarkt die Produkte besonders etikettiert: So haben künftig auch kleine Äpfel eine Chance.

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