Eine Athener Megapleite strahlt in die Schweiz aus

Der griechische Detailhändler Folli Follie steht vor dem Aus. Der Niedergang könnte für hiesige Anleger schmerzhaft sein.

Da war noch alles in Ordnung: Folli Follie stellte 2010 an der Basler Uhrenmesse Baselworld aus.

Da war noch alles in Ordnung: Folli Follie stellte 2010 an der Basler Uhrenmesse Baselworld aus.

(Bild: Keystone)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Für viele Griechen war der Erfolg von Folli Follie ein Hoffnungsschimmer. Trotz Wirtschaftskrise gelang es dem Unternehmen, eine nationale Ladenkette aufzubauen und auch noch ins Ausland zu expandieren. 5000 Mitarbeiter beschäftigt der Detailhändler, der Börsenwert hat vor wenigen Wochen noch mehr als 1 Milliarde Euro betragen. Was in den Achtzigerjahren in einem einfachen Laden in Athen begann, war auf der ganzen Welt gefragt. Besonders in Asien wuchs der Umsatz mit dem Modeschmuck, Billiguhren und Accessoires rasant. Doch hat die Erfolgsgeschichte kein Happy End.

Die Wende kommt im Mai, als ein US-Hedgefonds Folli Follie angreift. Die Investoren erhielten wohl einen Insidertipp und präsentieren schwere Vorwürfe: Der griechische Detailhändler habe seine Geschäftszahlen frisiert, der Umsatz liege viel tiefer als angegeben. Dann geht es Schlag auf Schlag: Die Aktienkurse brechen ein, der Handel von Folli-Follie-Papieren an der Börse in Athen wird ausgesetzt. Externe Prüfer sollen den Vorwürfen nachgehen. Ende September erhärten sie den Verdacht, dass Folli Follie im Geschäftsjahr 2017 die Zahlen manipuliert hat.

Vor wenigen Tagen macht der nationale Buchprüferverband publik, dass die asiatische Follie-Einheit Millionendeals mit erfundenen Scheinfirmen durchgeführt hat. So sei der Umsatz rasant in die Höhe geschnellt. Dabei betrug der Absatz in Asien gerade einmal rund 100 Millionen Euro und nicht 1 Milliarde Euro, wie die Firma ausgewiesen hat. Die Bargeldbestände sollen gerade einmal 6 und nicht 290 Millionen Euro ausgemacht haben. Kurz: Die Zahlen von Folli Follie sind ein Debakel.

Die Verbindung nach Basel

Die Familie Koutsolioutsos, die wichtigsten Aktionäre und Gründer von Folli Follie, muss sich seither in Griechenland unangenehme Fragen anhören. Denn die Athener Behörden ermitteln und die Investoren wollen ihr Geld zurück. Kürzlich wurden die Konten von mehreren Mitgliedern der Eignerfamilie gesperrt. Einige von ihnen haben sich in den letzten Wochen aus der Firma verabschiedet. Unterdessen versuchen das verbliebene Management und die Investoren zu retten, was zu retten ist. Dafür sind sie rasch auf flüssige Mittel angewiesen.

Folli Follie wollte zum Luxus-Modehändler werden: Ein Model vor einer Fashionshow in Athen. Foto: Keystone

Helfen könnten die guten Verbindungen zum Schweizer Dufry-Konzern. Vor fünf Jahren übernahm der Schweizer Reisedetailhändler von Folli Follie 111 Duty-free-Läden für 200 Millionen Euro. Ein Teil davon wurde bar, ein Teil mit Dufry-Aktien bezahlt. Nach der Transaktion zog mit George Koutsolioutsos, bis vor kurzem Chef von Folli Follie, ein Mitglied der Eignerfamilie in den Dufry-Verwaltungsrat ein.

Mit einem Mitglied des Gremiums schien sich Koutsolioutsos besonders gut zu verstehen. Laut griechischen Medienberichten soll ihm eine Basler Beteiligungsgesellschaft einen Kredit über 36 Millionen Euro für den Kauf einer Villa auf der griechischen Ferieninsel Spetses gewährt haben. Die Gesellschaft zählt laut den Angaben der Schweizer Börse SIX zu den Aktionären von Dufry und wird von Dufry-VR Andres Holzer Neumann kontrolliert. Der Reisedetailhändler gibt dazu keine Auskunft, da diese Transaktionen nicht mit Dufry im Zusammenhang stünden, so ein Sprecher. Die Basler Firma reagierte auf eine Anfrage nicht.

Zwar ist Koutsolioutsos nicht mehr im Dufry-Verwaltungsrat. Kurz nachdem die Betrugsvorwürfe des US-Hedgefonds gegen die griechische Firma bekannt wurden, verliess er das Gremium mit sofortiger Wirkung. Als Grund wird angegeben, er wolle sich auf andere Aktivitäten fokussieren.

Doch Folli Follie besitzt noch Anteile am Schweizer Konzern im Wert von über 80 Millionen Franken. Ein Verkauf wäre eine willkommene Finanzspritze für den gebeutelten Detailhändler. Nur: Die Aktien können nicht leicht zu Cash gemacht werden. Ein Teil des Aktienpakets ist mit einem Escrow belegt, das heisst, für die Freigabe der Aktien müssen gewisse vertragliche Bedingungen erfüllt sein, so ein Dufry-Sprecher. Welche Bedingungen das sind, wird nicht offengelegt.

Haben CS und UBS zu wenig genau hingeschaut?

Vor einem Jahr gelang es Follie auf anderem Wege, frisches Kapital aufzunehmen, obwohl da die Zahlen schon frisiert gewesen sein dürften. Über die Schweizer Börse SIX wurden Firmenanleihen im Umfang von 150 Millionen Franken ausgegeben. Bei der Emission wurde die Firma von der UBS und der Credit Suisse unterstützt.

Der Skandal um Folli Follie hat auch den Wertpapieren geschadet. Sie haben in diesem Jahr 90 Prozent ihres Werts verloren und wurden vor wenigen Tagen zurückgerufen. Wie viel Geld die Anleger von ihrer Anleihe noch zurückerhalten, hängt nun von den Gläubigerverhandlungen in Griechenland ab.

Abgestürzt: Die Franken-Anleihen der Folli-Follie-Gruppe haben seit Bekanntwerden der Vorwürfe massiv an Wert verloren. Grafik: SIX

Die Emission wirft kein gutes Licht auf UBS und CS. Die Banken äussern sich auf Anfrage nicht. Offenbar schauten sich die Institute die Bücher der Unternehmen nicht vertieft an, sondern verliessen sich weitestgehend auf den vergleichsweise unbekannten Revisor. Dieser schrieb in den Ausgabeprospekt zur Folli-Follie-Anleihe: Es stehe nichts im Emissionsprospekt, das darauf schliessen liesse, dass mit den Angaben des Unternehmens etwas nicht stimmen könne. Die Offenlegungsstelle der Schweizer Börse SIX äussert sich dazu nicht.

Unklar ist, wer sich die Papiere gekauft hat und nun auf den Verlusten sitzt. Die Anleihe hat kein Rating einer bekannten Agentur und wurde am Markt daher als hochriskante Anlage angesehen. Grosse Investoren wie Pensionskassen und Versicherungen dürfen Papiere ohne solchen Stempel gar nicht kaufen. Eine Stückelung der Emission von 5000 Franken ziele auf den vermögende Privatkunden, sagt ein Branchenkenner. Bei Grossinvestoren liege die Minimalstückelung bei 100'000 Franken.

Es könnte daher sein, dass Banken ihren Kunden Folli-Follie-Anleihen ins Portfolio gelegt haben, die im Tiefzinsumfeld eine gut verzinste Anlage suchten. Das war die Folli-Follie-Anleihe mit 3,25 Prozent. Nur war auch das Risiko hoch. Die Pleite in Athen könnte also auch für einige Anleger ein böses Erwachen mit sich bringen.

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