Lohnkürzung trotz Schwangerschaft?

Muss ich die Ausbildungskosten meiner Kinder ausgleichen? Wann ist ein Zeugnis codiert? Muss die Schwangere eine Lohnkürzung akzeptieren? Diese und neun weitere Fragen wurden an der Hotline zum Arbeitsrecht gestellt.

1 In unserm Schreinereibetrieb bekommt die Hälfte der Belegschaft eine Gratifikation von 2000 Franken im Jahr. Die anderen gehen leer aus. Ist das nicht illegal? Eine Gratifikation ist eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Er kann sie auch nur an einzelne Mitarbeitende ausrichten und diese gegenüber den andern besserstellen. Die Schweiz kennt im Unterschied zur EU kein gesetzliches Gleichbehandlungsgebot im Berufsleben. Verboten ist einzig eine Diskriminierung wegen des Geschlechts.

2 In meinem Job habe ich unregelmässige Arbeitszeiten. Manchmal kommt es vor, dass ich erst um 22 Uhr Feierabend habe und am nächsten Morgen bereits um 7 Uhr wieder arbeiten muss. Ist das zulässig? Grundsätzlich ja. Das Arbeitsgesetz hält zwar fest, dass den Arbeitnehmern eine tägliche Ruhezeit von mindestens elf aufeinander folgenden Stunden zu gewähren ist. Allerdings kann die Ruhezeit für Erwachsene einmal in der Woche bis auf acht Stunden herabgesetzt werden, sofern die Dauer von elf Stunden im Durchschnitt von zwei Wochen eingehalten wird.

3 Mein Angestellter muss sich in zwei Wochen operieren lassen und wird im Anschluss aufgrund seiner Rekonvaleszenz vier Monate nicht arbeiten können. Die Krankentaggeld-Versicherung bezahlt erst nach einer Karenzfrist von 30 Tagen. Ich will mich korrekt verhalten. Was muss ich bei der Lohnfortzahlung beachten? Wenn der Arbeitnehmer aufgrund von Krankheit ohne sein Verschulden an der Arbeitsleistung verhindert wird, muss ihm der Arbeitgeber nach Obligationenrecht für eine beschränkte Zeit dennoch Lohn bezahlen. In der Praxis wurden für die Dauer der Lohnfortzahlung bei Krankheit die sogenannten Berner, Basler und Zürcher Skalen entwickelt. Dabei wird grundsätzlich an der Dauer des Arbeitsverhältnisses gemessen, wie lange die Lohnfortzahlung weitergehen muss. Bezahlt eine Versicherung mindestens 80 Prozent des Lohnes, ist der Arbeitgeber von seiner Lohnfortzahlungspflicht befreit. Gilt bei der Versicherung allerdings eine Karenzfrist, muss der Arbeitgeber während dieser Zeit noch mindestens 80 Prozent des Lohnes bezahlen.

4 Wie viele Wochen Ferien im Jahr habe ich? Meist steht die Anzahl Ferienwochen im individuellen Arbeitsvertrag, im Personalreglement, auf welches der Arbeitsvertrag verweist, oder in einem anwendbaren Gesamtarbeitsvertrag. Von Gesetzes wegen garantiert sind dem Arbeitnehmer pro Dienstjahr fünf Ferienwochen bis zum vollendeten 20.Altersjahr und danach vier Wochen.

5 Die tägliche Arbeitszeit beträgt achteinhalb Stunden. Am Mittag habe ich eine halbe Stunde Pause. Stehen mir am Morgen und am Nachmittag zusätzliche Pausen zu? Nein. Mit der halben Stunde Mittagspause erfüllt der Arbeitgeber die gesetzlichen Anforderungen. Erst wenn sie mehr als 9 Stunden pro Tag arbeiten, haben Sie eine Pause von mindestens einer Stunde zugute. Ist die Arbeitszeit kürzer, wie auch in Ihrem Fall, muss der Betrieb lediglich eine Pause von mindestens einer halben Stunde gewähren.

6 Ich bin im dritten Monat schwanger und arbeite in einem Restaurant. Mein Chef hat allen Mitarbeitenden einen neuen Vertrag mit einem tieferen Lohn vorgelegt, der ab November gelten soll. Als Grund gibt er an, der Betrieb laufe wegen des starken Frankens schlecht. Muss ich diese Lohnsenkung akzeptieren? Schwangere sind während der gesamten Schwangerschaft und in den ersten 16 Wochen nach der Niederkunft vor einer Kündigung geschützt. Dieser Schutz bezieht sich auf den gesamten Arbeitsvertrag. Das bedeutet: Eine Änderung des bisherigen Vertrags ist verboten, weil dazu ja auch der geltende Vertrag gekündigt werden müsste. Die finanziellen Schwierigkeiten Ihres Arbeitgebers heben diesen Kündigungsschutz nicht auf. Ihre Ansprüche aus dem Vertrag bleiben bis zum Ablauf des Kündigungsschutzes bestehen.

7 Ich arbeite 40 Prozent in einem Modegeschäft. Zusätzlich möchte ich in einer Papeterie eine 60-Prozent-Stelle annehmen. Muss ich das Modegeschäft um Erlaubnis fragen? Nein, das müssen nicht. Solange die zweite Erwerbstätigkeit die erste nicht tangiert, gibt es keinen Anlass dazu. Sie sind nur zu 40 Prozent beim bisherigen Arbeitgeber angestellt. Für die restlichen 60 Prozent sind sie ja nicht bezahlt, und Sie können darum frei über diese Zeit verfügen.

8 Ich bin schwanger und darf bis zur Geburt, die in drei Monaten ist, nur noch liegen. Kann der Chef nun meinen Ferienanspruch kürzen? Ja. Die Regel lautet: Für den ersten Monat, den ein Arbeitnehmer nicht arbeiten kann, darf keine Ferienkürzung erfolgen. Ab dem zweiten Monat darf für jeden vollen Monat der Arbeitsunfähigkeit ein Zwölftel des Ferienanspruchs gestrichen werden.

9 Mein Sohn studiert Medizin, die Tochter macht eine Lehre als Verkäuferin. Muss ich ihr die höheren Ausbildungskosten des Bruders ausgleichen? Die Finanzierung der Ausbildung ist eine elterliche Pflichtleistung. Sie ist damit kein Erbvorbezug, der bei der Erbteilung gegenüber den andern auszugleichen ist. Gemäss Gesetz wäre der Ausgleich geschuldet, wenn eines der Kinder eine Ausbildung bekommt, die über das übliche Mass hinausgeht. Davon kann aber in Ihrem Fall nicht die Rede sein. Es ist normal, dass nicht alle Kinder eine gleich lange Ausbildung absolvieren.

10 Ich arbeite im Stundenlohn und habe eine Sommergrippe. Bekomme ich keinen Lohn? eine Sommergrippe. Bekomme ich keinen Lohn? Doch. Bei Krankheit und Unfall sind Angestellte im Stundenlohn wie alle anderen geschützt. Ist der Lohn variabel, wird ein Durchschnittslohn ausbezahlt.

11 Muss der Kündigungsgrund im Zeugnis genannt werden? Der ein Zeugnis ausstellende Arbeitgeber muss sich fragen, ob es für den Mitarbeiter sinnvoll ist, wenn der Kündigungsgrund explizit erwähnt wird. Oft ist es besser, wenn signifikante Schwächen behutsam in die Leistungs- oder Verhaltensbeurteilung eingebaut werden.

12 Wie erkenne ich ein codiertes Zeugnis? Codierungen sind Formulierungen, die besser tönen, als sie sind. Solche Einschätzungen scheinen positiv zu sein, sind es aber nicht. Der Zeugnistext muss klar und unmissverständlich formuliert sein. Oft beinhalten codierte Aussagen Formulierungen, die nicht messbar sind, also Aussagen die nichtssagend daherkommen und überhaupt nicht zugeordnet werden können, weder zur Leistung, noch zum Verhalten. Codierungen sind verboten.

Berner Zeitung

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