Zum Hauptinhalt springen

Wie lange lassen sich Sparer hinhalten?

Zyperns Banken werden mit Kapitalkontrollen vor dem Schlimmsten geschützt. Doch schon bald müssen diese aufgehoben werden. Und dann beginnt das grosse Zittern erst.

Zyperns Banken leiden unter der Eurokrise und unter griechischen Schuldpapieren, die ihren Wert verloren haben. Nachdem bekannt wird, dass zur Rettung des Landes auch Spargelder beigezogen werden, bleiben die Banken während fast zwei Wochen geschlossen. Kapitalkontrollen verhindern am Tag der Wiederöffnung einen Bank Run.
Zyperns Banken leiden unter der Eurokrise und unter griechischen Schuldpapieren, die ihren Wert verloren haben. Nachdem bekannt wird, dass zur Rettung des Landes auch Spargelder beigezogen werden, bleiben die Banken während fast zwei Wochen geschlossen. Kapitalkontrollen verhindern am Tag der Wiederöffnung einen Bank Run.
Reuters
Jahrelang sogen sich isländische Banken mit ausländischem Kapital voll. 2008 trafen die Schockwellen der Lehman-Pleite den kleinen Inselstaat trafen: Ausländer zogen ihr Geld ab, Landsbanki, Glitnir und Kaupthing kollabierten. Der Kurs der Krone brach ein. Einige der Kapitalkontrollen zur Stützung des isländischen Finanzsystems sind noch heute in Kraft.
Jahrelang sogen sich isländische Banken mit ausländischem Kapital voll. 2008 trafen die Schockwellen der Lehman-Pleite den kleinen Inselstaat trafen: Ausländer zogen ihr Geld ab, Landsbanki, Glitnir und Kaupthing kollabierten. Der Kurs der Krone brach ein. Einige der Kapitalkontrollen zur Stützung des isländischen Finanzsystems sind noch heute in Kraft.
AFP
Der Börsencrash von 1929 führt in Deutschland zur Bankenkrise. Nach den Kursstürzen beginnen amerikanische Banken, an europäische Länder vergebene Kredite zu kündigen, was Deutschland wegen der zu zahlenden Wiedergutmachungsleistungen hart trifft. Die Weimarer Republik wird destabilisiert, später werden Deutschlands Staatsschulden gestrichen.
Der Börsencrash von 1929 führt in Deutschland zur Bankenkrise. Nach den Kursstürzen beginnen amerikanische Banken, an europäische Länder vergebene Kredite zu kündigen, was Deutschland wegen der zu zahlenden Wiedergutmachungsleistungen hart trifft. Die Weimarer Republik wird destabilisiert, später werden Deutschlands Staatsschulden gestrichen.
Keystone
1 / 7

Zypern hat zwei Zeitprobleme. Eines davon schlummert in seinen Bankbilanzen: Die Institute nehmen kurzfristige Einlagen entgegen und verleihen diese Gelder als Kredite mit langem Zeithorizont. «Fristentransformation» nennt man diese Begebenheit im Fachjargon; in normalen Zeiten ist sie eine wichtige Funktion des Bankensystems. In der Krise wird aus dieser Leistung eine schwer lösbare Knacknuss: Wollen viele Sparer aus Furcht vor Verlusten gleichzeitig Geld abheben, so gerät die Bank in einen Liquiditätsengpass. «Bankrun» heisst dieses Phänomen, vor dem keine Bank der Welt zu hundert Prozent gefeit ist. In Zypern ist die Gefahr akut: Nur drakonische Kapitalverkehrseinschränkungen verhindern derzeit einen Sturm der Einleger auf die Banken, die heute um 11 Uhr ihre Pforten wieder geöffnet haben.

«Als zypriotischer Sparer würde ich alles versuchen, um meine Depositen abzuheben», sagt Filippo Brutti, ein auf Zahlungskrisen spezialisierter Wirtschaftsforscher an der Universität Zürich. Seiner Ansicht nach sind Kontobesitzer in Zypern mit einem klassischen Koordinationsversagen konfrontiert: «Keiner will der Letzte sein, der aus dem leeren Banktresor sein Geld holen will.» Und weil alle im gleichen Boot sitzen, will jeder als Erster an sein Guthaben kommen. Wie heute aus Zypern zu vernehmen ist, blieb der grosse Massenansturm vorerst aus. Der wichtigste Krisenjob ist damit erledigt: Das Vertrauen ist ein Stück weit zurück; durch die Beschränkung von Bargeldbezügen auf 300 Euro pro Tag wissen die Menschen, dass ihr Geld für einige Tage sicher ist.

Ein klassischer Fall

Fragt sich nur, was in einer Woche geschieht, wenn die Kontrollen wie angekündigt überprüft werden. Spätestens dann steht Zypern vor seinem zweiten Zeitproblem. Denn auf ewig kann das Land die Kapitalkontrollen nicht aufrechterhalten: Weder die Privatwirtschaft noch die europäische Politik wird ein Mitgliedsland mit eingeschränktem Zahlungsverkehr und Finanzmarkt auf die Dauer dulden. Auch Zyperns Banken selbst können nicht mit diesem Zustand leben: Jeder Tag, an dem Dinge wie die Umwandlung von Checks eingeschränkt bleiben, schadet ihrem Ruf. Jede Woche, in der Kreditkartenbezüge minutiös überwacht und Auslandsüberweisungen speziell bewilligt werden müssen, erodiert das Geschäft. «Es braucht eine klare Ansage über die Zeitdauer der Kontrollen», sagt Ökonom Filippo Brutti. Ob sieben Tage zur Abwendung des fatalen Sturms genügen werden?

Der Zeitkonflikt um die Dauer von Kapitalkontrollen lässt sich ohne Umschweife beschreiben: Werden sie zu früh aufgegeben, droht der erneute Bankensturm. Bleiben sie zu lange in Kraft, so verliert das Wirtschaftssystem weiter an Substanz, was das Land in noch grössere Schieflage bringt. Ökonom Brutti rechnet mit einer wahrscheinlichen Frist von mindestens zwei Wochen. «Problematisch wird es, wenn die Kontrollen länger als einen Monat in Kraft sind», sagt er. Dann wandert Zypern quasi von der Intensivstation auf die Abteilung für Palliativmedizin. Die klassischen Komponenten einer Zahlungskrise sind auch auf der Mittelmeerinsel präsent: Die Wirtschaft darbt, die Regierung ist überschuldet, die Währung überbewertet. Droht in gewöhnlichen Fällen die Abwertung der Währung von einem fixierten Kurs, so heisst die Gefahr im Fall von Zypern: Austritt aus der Eurozone.

Vom drohenden Staatsbankrott

Das Szenario bleibt eine reale Möglichkeit – trotz anderweitiger Beteuerungen aus Brüssel und Nikosia. Wie Zypern die bereits hinter den Kulissen einsetzende Kapitalflucht, einen Wachstumseinbruch von 20 Prozent und eine rapide steigende Schuldenquote verdauen soll, bleibt für viele ein Rätsel. Auch für Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. «Eigentlich ist Zypern gar nicht mehr im Euro», sagt er. Die Geschichte sei voll von temporären Massnahmen, die sich im Nachhinein nur als Verzögerung einer erzwungenen Währungsabwertung oder eines Staatsbankrotts entpuppten. Siehe etwa Deutschland 1931 oder Argentinien 2001. «De facto ist Zypern bereits bankrott», sagt Straumann. Helfen würde dem Land einzig ein Schuldenschnitt, gepaart mit einer durch Europa finanzierten, umfassenden Rekapitalisierung des Bankensystems.

Unter Ökonomen gilt als ausgemacht, dass der Schlüssel zur Bewältigung der zypriotischen Banken- und Staatskrise nicht nur in Nikosia liegt. «Mit den richtigen Signalen könnte Europa zur Stabilisierung beitragen», sagt Nicolas Véron, Ökonom beim Brüssler Thinktank Bruegel. Fatalerweise hat sich Europa in den letzten zwei Wochen auf eine harte Linie versteift. Zuletzt bekräftigte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem die Politik: Länder müssten ihre Bankenprobleme selbst in den Griff bekommen, Hilfskredite aus Brüssel liefen nur über den Staat. Den Link zwischen Banken-, Finanz- und Eurokrise scheinen Europas Finanzminister noch immer nicht richtig erfasst zu haben.

Ein Gespenst geht in Europa um

Dabei verfolgt das Gespenst des Bankensturms Europa schon seit mehreren Jahren. «Die grösste Gefahr für Europa ist ein Bankrun», sagte der amerikanische Ökonom und Spezialist für Wirtschaftskrisen, Kenneth Rogoff, 2011 im Interview mit der Zeitung «Die Welt». Die Warnung bewahrheitete sich kurz darauf in schleichender Form, als Griechenlands Zukunft im Euroraum auf der Kippe und die dortigen Banken wegen abziehender Guthaben vor dem Bankrott standen. 2012 verliessen Hunderte von Milliarden spanischer Euro das Land: Die Krise hatte ihre höchste Eskalationsstufe erreicht, die EZB sah sich zum Ausspruch einer Art umfassenden Garantie für die Integrität der Eurozone veranlasst. Immerhin in Frankfurt scheint man sich der Gefahr bewusst, die von einem Bankensturm ausgeht – auch wenn dieser, wie aktuell in Zypern, nur schleichend stattfindet.

Dass ausgerechnet die Währungshüter mit ihrem Ultimatum an die Politik die aktuelle Situation herbeiführten, spricht Bände. Auch die Zentralbank kann mit dem Zustand nicht glücklich sein: Wird der Einzug von Spargeldern und Kapitalkontrollen rund um ein Land zum festen Bestandteil der europolitischen Werkzeugschachtel, so könnte dies zum Trigger für Geldabzüge in weiteren potenziellen Krisenländern werden. «Permanente Kontrollen auf Zypern wären ein gefährliches Präjudiz», sagt Ökonom Filippo Brutti. Gerade das Beispiel von Aphrodites Insel zeigt, wie schnell sich die Strömungen innerhalb der Eurozone ändern können: Wurde Zypern in den Jahren 2009, 2010 und 2011 noch als sicherer Hort für griechisches Fluchtkapital angesehen, so steht in nächster Zeit eine massive Abnahme der 68 Milliarden an Depositen an. Die Zeit läuft nicht nur für den Einzelsparer – sie spielt auch gegen Zypern und gegen Europa.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch