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Googles buntes Kalkül

Zu Olympia wird das Logo bei Google noch bunter als sonst – ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Warum man nicht sofort in Begeisterungsstürme ausbrechen sollte, wenn ein Internetgigant Farbe bekennt.

Zum Start der Olympischen Winterspiele hat Google sein Logo ausgetauscht.
Zum Start der Olympischen Winterspiele hat Google sein Logo ausgetauscht.

Google ist mächtig. Die Suchmaschine weiss, was wir essen, wen wir lieben und was uns Angst macht. Sie wirkt neutral, auch wenn ein System von ausgeklügelten Algorithmen unser Denken steuert, denn Google ist für alle da. Politisch wertfrei – bis jetzt.

Sechs Farben und eine Botschaft gegen Diskriminierung prangen am Eröffnungstag der Olympischen Spiele in Sotschi auf der Startseite des Netzriesen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn es nicht die Regenbogenfarben in der gleichen Reihenfolge wären, wie sie die schwul-lesbische Bewegung verwendet. Google nützt damit seine enorme Reichweite raffiniert, um sich zu einer gesellschaftlichen Instanz zu machen. Das ist gefährlich. Der Internetanbieter lebt davon, dass er Dinge weiss, welche die Allgemeinheit nicht erfahren wird, den globalen Überblick hat. Dadurch kann er manipulieren.

In diesem Fall ist das Anliegen moralisch korrekt und findet grossen Zuspruch. Auf den zweiten Blick tun sich aber Ungereimtheiten auf. Etwa, dass sich Google in einem Atemzug für die Homosexuellen einsetzt und im nächsten gegen das Prinzip der Netzneutralität kämpft. Diese will jedem Menschen einen diskriminierungsfreien Zugang zum Netz ermöglichen. Es droht ein Zwei-Klassen-Internet, indem die Provider gewisse Anbieter nach Grösse und Finanzkraft frei bevorzugen können. Dies bringt die Meinungs- und Informationsfreiheit, die auf tönernen Füssen steht, zusätzlich in Gefahr.

Doch solange die User mitmachen und die Maschine fleissig benutzen, funktioniert das System Google.

Ein neues Internet ist im Bau

Seit einigen Monaten ist in der Google-Welt nichts mehr, wie es war. Der Überwachungsskandal hat das Vertrauen in die Technik zerstört. Menschen werden längerfristig keine Technik nützen, der sie nicht vertrauen. Nach den Enthüllungen des ehemaligen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zögerte der Internetgigant und ging auf Tauchstation. Erst letzten Dezember haben die führenden US-Internetfirmen eine Kampagne gegen die Spionageprogramme gestartet. Zu spät. Die Reputation hat gelitten.

Jetzt bauen Hacker an einem neuen Internet. Mit alternativen Suchmaschinen und Codierungssoftware kann man Erfolgsgeschichten schreiben. «Innovativ und jugendlich» war, was man früher mit Google assoziierte. «Überwachung und Algorithmen», denkt man heute. Google hat nun gehandelt und im wahrsten Sinne des Wortes Farbe bekannt. Das Bild auf der Startseite ist deshalb geschickt gewählt, weil es die Grenzen zwischen Selbst-Branding und echtem Statement verwischt. In den nächsten Stunden wird es als Profilbild bei Facebook, als Statusmeldung und in Blogs viele Male um die Welt reisen. Eine bessere Werbung gibt es nicht.

Marketing- und PR-technisch entspricht das Vorgehen dem Zeitgeist. Mit der Unternehmerverantwortung, der Corporate Responsibility, wollen global tätige Firmen die Lebensbedingungen weltweit verbessern. Sie verpflichten sich etwa, die Menschenrechte zu verkünden, bei der Abschaffung von Kinderarbeit mitzuwirken oder sich, wie im Fall von Google, gegen Diskriminierung einzusetzen. Dass viele der Probleme wie Lohndumping und Korruption, die die Unternehmen bekämpfen wollen, erst durch ihre weltweite Tätigkeit ausgelöst wurden, wird nicht offengelegt.

Den digitalen Mahnfinger erheben

Google kennt die Welt. Darum weiss die Marketingabteilung, an welchem Tag in diesem Jahr das mediale Interesse voraussichtlich am grössten ist. Das Rezept für die Aufmerksamkeit ist einfach: Man nehme ein Anliegen, das hohe Sympathie geniesst, und einen russischen Bösewicht, über den derzeit alle medial den Mahnfinger erheben. Kurz, plakativ, bunt. Ohne Einordnung, ohne ein Ziel, wirklich etwas zu verändern. Ohne Fragen zu stellen.

Das Regenbogen-Doodle wird wieder aus den Profilbildern gelöscht werden und in einem Archiv verschwinden. Die Journalisten, Politiker und Unternehmer werden, ihre Rollköfferchen hinter sich herziehend, wieder in die Flugzeuge gestiegen und der Kunstschnee an der russischen Riviera wird wieder geschmolzen sein. Die von den Massenmedien konstruierte Realität sucht sich einen neuen Schauplatz.

Das Leben der Homosexuellen in Russland hingegen wird sich nicht verbessert haben. Dafür werden die Leute wieder dieses frische, gute Gefühl haben, wenn sie das Wort Google hören. Und wenn man sie fragt, welche Farbe das Gefühl hat, dann werden sie «Vielleicht Pink?» sagen.

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