Starbucks for President

Der Rücktritt von Howard Schultz als Präsident der Kaffeekette lässt die Spekulationen hochkochen. Wird er zum Herausforderer von Donald Trump?

Howard Schultz lässt sich nach seinem Rücktritt alle Optionen offen, einschliesslich einer US-Präsidentschaftskandidatur. Video: Reuters
Robert Mayer@tagesanzeiger

Zieht es Howard Schultz ins Weisse Haus? Die Frage zieht sich durch sämtliche Medienberichte, die dem Rücktritt des 64-jährigen Verwaltungsratspräsidenten von Starbucks gewidmet sind. Schultz selber, der in den letzten 36 Jahren aus einer kleinen Kaffeehauskette in Seattle einen Konzern mit 28'000 Lokalitäten und 350'000 Beschäftigten in knapp 80 Ländern formte, hatte diesen seit längerem kursierenden Spekulationen nie offen widersprochen.

Jetzt stiess er die Tür zu einer politischen Karriere gar erstmals etwas auf. Gefragt von der «New York Times», ob er eine Präsidentschaftskandidatur erwäge, antwortete Schultz: «Ich gedenke über eine Reihe von Optionen nachzudenken, das könnte auch ein öffentliches Amt mit einschliessen.»

Anders als die meisten seiner Managerkollegen scheut sich Schultz nicht, zu politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung zu beziehen, und dies mit einer prononciert liberalen Sicht. Dass er von Donald Trump wenig hält, versteht sich von selbst. Erst letzte Woche warf Schultz dem US-Präsidenten in einem Gespräch mit dem TV-Sender CNN vor, mit seiner Rhetorik zu Rassenthemen den Leuten einen Freipass zu ebenso abschätzigen Äusserungen zu geben.

Stets die Balance gehalten

Ironischerweise ist es gerade Trumps Werdegang vom Immobilienmagnaten und Reality-TV-Star zum Bewohner des Weissen Hauses, der den Fächer für mögliche Herausforderer des Präsidenten im Herbst 2020 weit über das bisherige Mass hinaus geöffnet hat. Neben Schultz werden auch Jamie Dimon, Chef der grössten US-Bank J.P. Morgan Chase, und die Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey immer wieder als Kandidaten für die Demokratische Partei ins Spiel gebracht.

Für seine politischen Aspirationen kann Schultz ein gewichtiges Argument in die Waagschale werfen: Aus Sicht vieler Beobachter ist es dem obersten Starbucks-Repräsentanten gelungen, die schwierige Balance zwischen einem sozial verantwortlich handelnden und einem betriebswirtschaftlich höchst erfolgreichen Management zu wahren. So werden die Mitarbeitenden zumindest in den USA über dem Mindestlohn bezahlt, und selbst Teilzeitbeschäftigte kommen in den Genuss einer Krankenversicherung.

Gleichzeitig sind die Starbucks-Aktionäre mehr als nur auf ihre Kosten gekommen: Wer 1992 – als die Kaffeehauskette an die Börse ging – 10'000 Dollar in das Unternehmen investierte, hätte diesen Einsatz bis heute auf über 2 Millionen vermehrt. Mit dem Vermögen von Schultz ging es noch steiler bergauf, wird dieses doch vom US- Wirtschaftsmagazin «Forbes» auf rund 2,8 Milliarden Dollar beziffert.

Reputationsschaden pariert

Aufgewachsen ist Schultz in sehr bescheidenen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Sein Vater arbeitete als Lastwagenfahrer und konnte die Familie mehr schlecht als recht durchbringen, vor allem als er wegen eines Fussgelenkbruchs den Job verlor. Diese Erfahrungen haben Schultz geprägt und ihn für die soziale Verantwortung eines Firmenmanagers sensibilisiert. Seine Vision war es, «ein Unternehmen aufzubauen, für das es meinem Vater nicht vergönnt war zu arbeiten».

Schultz’ Bestreben, ein weltweites Vorzeigeunternehmen zu führen und bezüglich Mitarbeiterführung, Respekt und gesellschaftlicher Toleranz hohe Standards zu setzen, konnte indes nicht verhindern, dass ausgerechnet Starbucks im April das hässliche Gesicht des latenten Rassismus in den USA offenbarte. In einer Filiale der Kaffeekette in Philadelphia wurden zwei Schwarze von der Polizei festgenommen, weil sie dort auf einen Bekannten warteten, ohne etwas zu konsumieren.

Das von einem Zeugen aufgenommene Video von der Verhaftung verbreitete sich im Nu um die Welt und sorgte für Empörung und Boykottaufrufe. Immerhin zeigten sich das Unternehmen und ihre Chefs in der Lage, mit einer schnellen und offenen Kommunikation angemessen auf den Reputationsschaden zu reagieren.

Damit nicht genug: Am Nachmittag des 29. Mai blieben alle gut 8000 Starbucks-Filialen in den USA geschlossen, um die Mitarbeitenden im unvoreingenommenen Umgang mit Kunden zu schulen. Für Howard Schultz mag die Philadelphia-Episode im Rückblick ein Lehrstück in effektivem Krisenmanagement gewesen sein, an das er sich als Politiker öfter noch erinnern dürfte.

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