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1.20 Franken pro Euro – fünf Gründe für den heissen Seiltanz

Gefährlich nahe kommt der Franken-Euro-Kurs in diesen Tagen der Untergrenze. Hat die SNB schon interveniert? Kommen Negativzinsen? Und was hat Ungarn damit zu tun?

Das Gewicht des Frankens legt gegenüber dem Euro wieder zu: Münzen der beiden Währungen.
Das Gewicht des Frankens legt gegenüber dem Euro wieder zu: Münzen der beiden Währungen.
Martin Rütschi (Keystone)

Grund 1: Erwartungen zum Ausgang der Goldinitiative

Das grösste Problem der Goldinitiative ist, dass sie der SNB vorschreibt, kein Gold mehr verkaufen zu dürfen, während sie gleichzeitig einen zwingenden Anteil von 20 Prozent am Reservebestand der Notenbank fordert. Damit wäre die SNB gezwungen, bei notwendig werdenden umfangreichen Eurokäufen zur Abwehr einer übermässigen Frankenaufwertung stets auch Gold zu kaufen, das sie nie mehr abstossen könnte. Die damit verbundene tendenzielle Schwächung der SNB-Position auf den Devisenmärkten kann Spekulanten einen Anreiz bieten, die Entschlossenheit der Notenbank erneut zu testen. Da an den Devisenmärkten, wie an allen Kapitalmärkten, bereits Erwartungen die Preise bewegen, reicht schon eine genügend hohe Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs für die Goldinitiative aus, um für eine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro zu sorgen. Jedes weitere Umfrageergebnis zum wahrscheinlichen Ausgang der Abstimmung dürfte sich daher auf das Währungsverhältnis auswirken.

Grund 2: Erwartungen zur Politik der Europäischen Zentralbank

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist dabei, alle geldpolitischen Schleusen zu öffnen, um der schleppenden Entwicklung der europäischen Wirtschaft wieder auf die Sprünge zu helfen. Sie hat ihren Leitzins praktisch auf null reduziert (konkret sind es noch 0,05 Prozent) und weitere Programme zu einer direkten Geldversorgung der Banken gestartet. Die einzige sichtbare Wirkung dieser Politik hat sich bisher an den Devisenmärkten niedergeschlagen – vor allem gegenüber den USA. Seit dem Mai ist der Preis des Euro von rund 1.40 Dollar auf aktuell rund 1.25 Dollar gefallen. Wegen der Untergrenze in der Schweiz ergab sich keine ähnliche Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro. Weil die Massnahmen der EZB die Lage in der Eurozone bisher dennoch ungenügend verbessern können, steigt die Erwartung, dass die Zentralbank noch weiter geht und selbst Staatsanleihen im grossen Stil auf den Märkten kauft, so wie es die USA getan haben. Das erhöht den Abwärtsdruck auf den Euro und spiegelbildlich den Aufwertungsdruck auf den Franken. Eine potenzielle Schwächung des Abwehrpotenzials der SNB, wie durch die Goldinitiative, verstärkt diesen Effekt.

Grund 3: Massnahmen der ungarischen Zentralbank

In Zeiten als der Franken noch ausgesprochen billig war und die Zinsen in der Schweiz auch schon relativ tief, haben viele Ungarn ihre Hypotheken und andere Kredite in Schweizer Franken aufgenommen. Rund 60 Prozent aller Hypotheken in Ungarn sollen auf Fremdwährungen lauten, die meisten davon auf Franken. Mit der drastischen Aufwertung des Frankens hat sich daher die Verschuldung der Ungarn massiv verschärft und ist auch das Bankensystem dort unter Druck gesetzt worden. Um für Entspannung zu sorgen, hat daher die ungarische Zentralbank in der letzten Woche den heimischen Banken Kredite im Umfang von 7,8 Milliarden Euros zugesprochen, damit diese die ausstehenden Hypotheken in ungarische Forint tauschen können. Da die Schulden aber in Schweizer Franken bestehen, könnte eine weitere Aufwertung der Schweizer Währung gegenüber dem Euro die Hilfe relativieren. Um sich dagegen abzusichern, hätten ungarische Banken gleich im grossen Stil Franken mit den bereitgestellten Euros gekauft, meinen einige Beobachter der Devisenmärkte. Das könnte mit zur Aufwertung des Frankens beigetragen haben. Aber auch hier wieder muss die Entwicklung im Kontext der übrigen Gründe gesehen werden. Denn ohne Sorge vor einer möglichen weiteren Aufwertung des Frankens hätten die Banken keinen Grund zu einer solchen Absicherung gehabt.

Grund 4: Spekulation um eine SNB-Intervention

In den vergangenen Tagen wurde an den Märkten die Frage debattiert, ob die Nationalbank bereits zur Schwächung des Frankens auf den Devisenmärkten interveniert habe. Wie Maxime Botteron, SNB-Analyst der Credit Suisse, aus Mitteilungen der Nationalbank in einem «Research Alert» errechnet hat, sind die Einlagen der Banken bei der SNB in der vergangenen Woche so stark angestiegen wie seit dem Februar nicht mehr. In der Vergangenheit haben sich Deviseninterventionen der Nationalbank in starken Ausschlägen bei diesen Einlagen niedergeschlagen. Der Grund ist, dass die Notenbank die Devisen von den Banken kauft und ihnen die dafür bezahlten Franken auf ihren Einlagekonten gutschreibt. Trotz seiner Beobachtung glaubt Botteron allerdings nicht an eine Intervention der SNB. Im Vergleich zu den Interventionen im Jahr 2012 sei der Anstieg auf den Einlagenkonten dafür zu gering und könne auch andere Gründe haben. Constantin Bolz, Devisenanalyst der UBS, hält ebenfalls nichts von der These, dass die Nationalbank bereits interveniert habe. Das wäre an den Märkten aufgefallen, sagt er. Ausserdem hätte das Direktorium der Nationalbank gute Gründe, das auch öffentlich zu verkünden. Damit würde sie ihre Entschlossenheit besser demonstrieren können, was Spekulanten besser abschrecken würde. Dennoch stellt Bolz eine deutliche Zunahme der gehandelten Volumen im Euro-Franken-Handel fest. Er begründet das damit, dass vor allem die Absicherungskäufe gegen eine Aufwertung des Frankens zugenommen haben. Bisher waren Käufe aus diesem Grund wenig zu beobachten, weil die Absicherung durch die SNB als vollkommen glaubwürdig galt.

Grund 5: Spekulation um Negativzinsen

Negativzinsen würden bedeuten, dass die Schweizerische Nationalbank, wie die EZB, für Einlagen der Banken auf ihren Konten eine Gebühr erhebt. An den Devisen- und Zinsmärkten wird seit längerem darüber spekuliert, dass die Nationalbank diesen Schritt erwägen könnte. Dieser würde für sich gesehen zwar den Franken schwächen, doch die Spekulation darüber könnte als Zeichen dafür gewertet werden, dass die SNB die Untergrenze gegenüber dem Euro zur Verhinderung einer Frankenaufwertung für nicht mehr ausreichend hält. Die Sorge vor Negativzinsen zeigt sich an den Kapitalmärkten in der Nachfrage nach Anleihen. Das so geparkte Geld wäre nicht unmittelbar von Negativzinsen betroffen.

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