Abenomics hat versagt

Japans Premierminister Abe hat die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt in die Rezession geführt.

Die Japaner kommen nicht in Kauflaune – allen Massnahmen der Regierung zum Trotz. Foto: Bloomberg

Die Japaner kommen nicht in Kauflaune – allen Massnahmen der Regierung zum Trotz. Foto: Bloomberg

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

«Japan ist zurück», hat Premierminister Shinzo Abe vor nicht allzu langer Zeit verkündet. Zurück an der Weltspitze, meinte er. Knapp zwei Jahre nach dem Start seines Wirtschaftsprogramms, das gemeinhin Abenomics geheissen wird, ist Japan tatsächlich zurück in der Krise.

Nippons Wirtschaft ist im Sommerquartal um 1,6 Prozent geschrumpft, statt wie prognostiziert um 2,1 Prozent zu wachsen. Nach dem Einbruch vom Frühjahr – aufs Jahr hochgerechnet um 7,3 Prozent – steckt Japan offiziell wieder in einer Rezession. In Tokio sprach man gestern von einem Schock. Die Regierung Abe und die Notenbank hatten bisher fast alle Zahlen schön- und die Börse starkgeredet. Und die Medien hielten sich mit Skepsis zurück. Deshalb waren tatsächlich viele Japaner überrumpelt.

Abe nannte die Zahlen «nicht gerade ermutigend», gab sich aber kämpferisch: «Wir sind nahe dran, die langjährige Deflation zu überwinden, diese Chance dürfen wir nicht verpassen.» Er glaubt offenbar noch immer, dass die Deflation für die jahrelange Stagnation verantwortlich ist. Darauf basiert die simple Grund­idee von Abenomics: Wenn man Japan mit neu gedrucktem Geld überschwemmt und den Leuten einredet, es gehe aufwärts, dann hellt sich die Stimmung auf. Die milde Deflation, die Japan seit Jahren belastet, sollte so in eine Inflation verwandelt werden. Das gäbe den Verbrauchern und Unternehmern das Vertrauen in die japanische Wirtschaft zurück und ihnen mehr Yen in die Hände. Dieses Geld würden sie freimütig ausgeben. Aufgrund dieser Vision deutete die Regierung Abe die Wirtschaftszahlen lange positiv.

Die Rechnung geht nicht auf

Das ökonomische Perpetuum mobile hatte nur einen Makel: Die Japaner machten nicht mit; die Verbraucher nicht, weil sie heute weniger Geld in der Tasche haben als vor zwei Jahren. Anders als die Regierung glaubte, schoben viele Japaner gewisse Anschaffungen nicht wegen einer «Deflationserwartung» auf, sondern weil ihnen das Geld schlicht fehlte. Wegen der höheren Mehrwertsteuer, dem teureren Benzin und anderen Importen, die wegen des schwachen Yen mehr kosten, sind sie immer weniger flüssig. Zumal ihre Löhne höchstens um Promille gestiegen sind.

Die Unternehmen ihrerseits machten nicht mit, weil sie keine billigen Kredite brauchen. Sie hocken selber auf Reserven von mehr als 200 Billionen Yen, etwa 1800 Milliarden Franken.

Abenomics hat das Ziel verfehlt. Die Staatsverschuldung ist mit 255 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung Japans noch dramatischer als vor zwei Jahren; die Notenbank hat ihre Aufgabe, die Währung zu hüten, über Bord geworfen und ist in die Rolle eines Drogendealers geschlüpft. Inzwischen hängt Nippons Wirtschaft wie ein Süchtiger von ständig neuem Geld ab. Fazit: Abe hat den politischen Kredit verspielt, mit dem er umstrittene Reformen hätte durchsetzen können. Statt sich ernsthaft um die Ökonomie zu kümmern, vertrat er rechts­nationale Anliegen und verhedderte sich im Streit mit China und Südkorea.

Im Oktober 2015 sollte eine weitere Mehrwertsteuer-Erhöhung um 2 Prozent erfolgen. Das Vorhaben wird Shinzo Abe verschieben oder fallenlassen müssen. Damit gibt er die  letzte Fiktion auf, dass Japan seine Staatsschulden dereinst begleichen wird.

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