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Berlin verunsichert auch den Schweizer Markt

Der Alleingang Deutschlands gegen die riskante Finanzmarktspekulation irritiert. Die EU-Kommission reagierte pikiert. Die Börsen rauschen in die Tiefe. Auch der SMI hat sehr schwach geschlossen.

Die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatte mitten in der Nacht völlig überraschend ungedeckte Leerverkäufe von Staatsanleihen aus der Euro-Zone sowie von Aktien von der zehn grössten Finanzkonzerne untersagt. Darunter fallen etwa der Versicherungsgigant Allianz oder die Deutsche Bank.

Verboten wurden auch der Handel mit ungedeckten Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) auf Staatsanleihen von Euro-Ländern. Dies ist bereits das zweite Verbot von Leerverkäufen, nachdem das erste in Folge des Untergangs der US- Investmentbank Lehman Brothers erst im Februar aufgehoben worden war.

Mit dem neuerlichen Verdikt wollen die deutschen Behörden hochriskante Börsenwetten untersagen, bei denen Spekulanten Wertpapiere verkaufen, die sie gar nicht besitzen. Geht bei diesen Geschäften die Wette der Spekulanten auf und die Kurse fallen, können sie die Papiere günstiger zurückkaufen und fette Gewinne einstreichen.

Damit können Wertpapiere massiv unter Druck geraten: Denn theoretisch können mehr Papiere verkauft werden als tatsächlich existieren. Dies setzt eine Spirale in Gang: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

Massenvernichtungswaffen

Als «Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte» hat der legendäre US-Investor Warren Buffett solche Strategien bezeichnet, die auch von Hedge-Fonds angewendet werden. Andere Kritiker sprechen bei Leerverkäufen von «Brandbeschleunigern».

Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe bleibe solange in Kraft, bis auf europäischer Ebene eine einheitliche Vorgabe erreicht sei, sagte Merkel am Mittwoch in ihrer Regierungserklärung im Deutschen Bundestag. Die Bundeskanzlerin will sich zudem für eine internationale Finanzaktivitätssteuer oder eine Finanzmarkttransaktionssteuer einsetzen. Sie kündigte zur Stabilisierung des Finanzmarkts auch nationale Alleingänge an.

Deutschland verunsichert Schweizer Markt

Der Schweizer Aktienmarkt hat sehr schwach geschlossen und unter dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe in Deutschland gelitten. Das Blue-Chips-Barometer SMI sank um 1,49 Prozent auf 6'374,43 Zähler. Der breite Swiss Performance Index (SPI) verlor 1,59 Prozent auf 5'623,29 Punkte.

Der Alleingang Deutschlands bei dem Thema habe erneute Sorgen um die Stabilität des europäischen Finanzsystems ausgelöst, hiess es am Markt. Die Regulierungsmassnahme der deutschen Finanzaufsicht rückte vor allem die Finanztitel wieder in den Fokus. Die Massnahmen schürten laut Händlern einerseits Angst vor einer Überregulierung des Bankensektors und würden andererseits Fragen in Bezug auf die derzeitige Gesundheit der Branche aufwerfen.

Der Markt zog jedenfalls negative Rückschlüsse auf die zukünftige Ertragssituation der Banken, hiess es. CS büssten 2,9 Prozent ein, UBS 2,7 Prozent, bei den Versicherern Swiss Life und Swiss Re waren es Rückgänge um 3,1 Prozent respektive 3,3%.

Wie ein Damoklesschwert hing auch die bevorstehende parlamentarische Diskussion zum UBS-Staatsvertrag über den Titeln der Grossbanken. Staatssekretär Michael Ambühl hat nach seinem zweitägigen Besuch in Washington und nach Gesprächen mit Vertretern des amerikanischen Justizdepartements und der Steuerbehörde IRS gesagt, dass der Schweiz politische, wirtschaftliche und rechtliche Probleme drohten, falls die eidgenössischen Räte den Vertrag mit den USA nicht genehmigen sollten.

Geteilte Meinung

Geteilt waren ebenfalls die Meinungen von Politikern und Finanzexperten. Die EU-Kommission wurde vom deutschen Vorstoss überrumpelt, wie EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier eingestand: «Diese Massnahmen werden effizienter, wenn sie auf europäischer Ebene koordiniert werden.»

Auch Deutschlands enger Verbündeter Frankreich reagierte irritiert. «Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen», sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Spanien und Österreich stellten sich indes auf die Seite Berlins.

Wirkungslos

Ein hochrangiger Investmentmanager kritisierte das Verbot ungedeckter Leerverkäufe als ineffektiv. Das hätten die Verbote von Leerverkäufen in den USA während der Finanzkrise gezeigt, sagte Bob Pozen von MFS Investment Management. Schliesslich hätten sie den Preisverfall nicht stoppen können.

Kritik äusserte auch der St. Galler Finanzmarktprofessor Manuel Ammann: Die Spekulanten seien nicht schuld an der Krise, sagte er gegenüber Radio DRS. Sie würden lediglich eine Wahrheit ans Licht bringen, die vielleicht noch nicht überall erkannt worden sei.

Mit dem Verbot dieser Geschäfte wolle man verhindern, dass diese Wahrheit ans Tageslicht komme. «Mit anderen Worten: Es kommt mir ein bisschen so vor, dass man den Boten köpfen möchte, der die schlechte Nachricht überbringt», sagte Ammann.

Etwas anders sieht dies der deutsche Bankenprofessor Martin Faust: «Die Massnahme an sich ist durchaus sinnvoll und wird eine gewisse Wirkung zeigen.» Allerdings bringe ein Alleingang Deutschlands wenig. Zumindest die Länder der EU sollten sich einig sein, sonst würden solche Massnahmen grösstenteils verpuffen. Commerzbank-Chef Martin Blessing forderte sogar noch eine weiterreichende Regulierung riskanter Marktgeschäfte.

In der Schweiz sind derweil keine Verschärfungen der Börsenregeln geplant. Ungedeckte Leerverkäufe sind bereits seit März 2008 verboten.

SDA/bru/mt

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