Darum sind die Löhne in der Schweiz höher

Wieso die Zuwanderung zu einer höheren Beschäftigung für alle führt – und zu mehr Einkommen.

Ausländische Arbeitskräfte sind laut Studie hauptsächlich im mittleren Qualifikationsbereich tätig. Foto: Keystone

Ausländische Arbeitskräfte sind laut Studie hauptsächlich im mittleren Qualifikationsbereich tätig. Foto: Keystone

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Im Vergleich zum Ausland sind die Schweizer Löhne im Durchschnitt sehr viel höher. Innerhalb der OECD – dem Club der Industrieländer – verdienen die Schweizer mit einem Durchschnittslohn von 88’000 Dollar nach den Isländern den zweithöchsten Lohn.

Durchschnittlicher Jahreslohn 2017: Der rote Balken zeigt die Schweiz an, die gelben Balken die Nachbarländer. Quelle IWF

Stark sind die Unterschiede auch zu den umliegenden Ländern: Die Deutschen, Franzosen und Österreicher verdienen im Schnitt nur rund halb so viel wie die Schweizer. Der Durchschnittslohn der Italiener entspricht sogar nur etwa einem Drittel eines Schweizer Lohns. Diese Daten weist der Internationale Währungsfonds (IWF) in einer Untersuchung zu den Lohndifferenzen aus, die am Donnerstag veröffentlicht wurden.

Regionales Bruttoinlandprodukt in Tausend US-Dollar pro Kopf. Quelle: IWF

Gemäss dem Bericht hat die Öffnung der Grenzen seit der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 den Lohnunterschied zum Ausland insgesamt nicht verringert, obwohl der Anteil der Ausländer am Schweizer Arbeitsmarkt von 22 Prozent zuvor auf rund ein Drittel angestiegen ist. Es geschah sogar das Gegenteil: Die Zuwanderung hat nicht nur zu einer höheren Beschäftigung von Schweizern geführt, sondern auch zu einem weiteren Anstieg des durchschnittlichen Lohnunterschieds zum Ausland.

Deutlich höhere Produktivität

Der wichtigste Grund für die höheren Löhne in der Schweiz ist die grössere Arbeitsproduktivität. Berechnet wird diese, indem man die wirtschaftliche Leistung etwa gemessen am Bruttoinlandprodukt durch die Anzahl der Beschäftigten teilt – oder alternativ durch die geleisteten Arbeitsstunden. Gemessen über die Anzahl der Beschäftigten zählt die Arbeitsproduktivität der Schweiz zu den höchsten innerhalb der OECD. Gemessen an den geleisteten Arbeitsstunden ist sie etwas geringer – weil die Schweizer länger als andere arbeiten –, aber sie ist auch so gemessen noch immer höher als in den Nachbarländern.

Ein Grund für die hohe Produktivität ist ein generell hohes Qualifikationsniveau der Beschäftigten in der Schweiz. Und die in den Jahren von 2003 bis 2017 geschaffenen neuen Jobs entstanden fast ausschliesslich im Bereich der Hochqualifizierten. Daran hat auch die Zuwanderung nichts geändert. Rund die Hälfte der neuen Jobs wurde von Ausländern besetzt. Sie arbeiteten hauptsächlich in Jobs im mittleren Qualifikationsbereich, die Schweizer nicht mehr ausgeübt haben, während der Anteil der Schweizer überproportional in Jobs mit höchsten Anforderungen angestiegen ist.

Beschäftigungswachstum in der Schweiz von 2003 bis 2017, links: Schweizer, Mitte: EU-/EFTA-Bürger, rechts: Andere Ausländer. Quelle: Seco

Weil zum grössten Teil Beschäftigte mit einer hohen Qualifikation in die Schweiz zugewandert sind, halfen sie gemäss der IWF-Studie mit, die Arbeitsproduktivität der Schweizer Wirtschaft zu steigern – und damit auch die Lohndifferenz der Schweizer Beschäftigten gegenüber jenen im Ausland.

Die Rolle der Lohnnebenkosten

Laut den Autoren der Untersuchung spielen allerdings auch weitere Faktoren eine Rolle für die Lohndifferenz. Zum einen verdecken die hohen Lohnkosten, dass in anderen Ländern andere Faktoren die Kosten der Arbeit deutlich stärker verteuern als in der Schweiz. So bezahlen Unternehmen dort in der Regel höhere Anteile für die Altersvorsorge der Beschäftigten und sogar die Krankenkassenbeiträge. Ausserdem sind die Unternehmenssteuern geringer.

Der Fokus auf Vergleichen von Durchschnittswerten verdeckt allerdings, dass die Lohnunterschiede und die Folgen der Marktöffnung nicht für alle gleich ausfallen. Darauf geht der IWF nicht näher ein. In einer Fussnote halten die Autoren lediglich fest, dass die Lohnunterschiede zum Ausland in Beschäftigungen, die eine geringere oder keine besondere Qualifikation benötigen, etwas geringer ausfallen. Schliesslich erwähnen die Autoren die flankierenden Massnahmen, die vor allem im Bausektor und im Gastgewerbe einen Lohndruck durch Zugewanderte verhindern.

Auch bei den Preisen top

Doch höhere Löhne nützen wenig, wenn auch die Preise deutlich höher sind als im Ausland. Und das ist in der Schweiz der Fall. Das Preisniveau ist hierzulande das zweithöchste von ganz Europa: Konsumgüter und Dienstleistungen kosten in der Schweiz 60 Prozent mehr als im Durchschnitt der EU. Zürich und Genf sind sogar die zwei teuersten Städte der Welt. Gemessen an der Kaufkraft der Löhne in der Schweiz, sinkt daher der Lohnvorteil gegenüber den Nachbarländern von 50 Prozent auf noch rund 30 Prozent. Damit ist er aber noch immer hoch.

Untersucht haben die Ökonomen des IWF schliesslich, wie die langfristige Aufwertung des Frankens sich auf die Entwicklung der Lohndifferenz ausgewirkt hat: Sie war sogar ihr wichtigster Treiber seit 1992. Die Lohnzunahme in der Schweiz in Franken und jene im umliegenden Ausland in Euro entwickelten sich dagegen in etwa gleich und neutralisierten so ihren Einfluss auf die Lohndifferenz.

Kumulativer Anstieg der Nominallohnlücke zwischen der Schweiz und angrenzenden Ländern seit 1991 in Tausend Euro. Quelle: IWF

Lohnsenkungen nach dem Frankenschock

Anders verhielt es sich aber nach übertriebenen Aufwertungen des Frankens – wie während der Eurokrise im Jahr 2011 oder nach der Aufhebung der Euro-Franken-Untergrenze im Jahr 2015. Der Lohnunterschied zum Ausland ist zwar wegen des überteuerten Frankens unmittelbar angestiegen, in den folgenden Jahren sind die Löhne aber zurückgegangen, weil viele Unternehmen unter massiven Wettbewerbseinbussen gelitten haben.

Aus der Studie der Autoren der IWF-Studie lässt sich zusammenfassend folgern, dass die Lohnunterschiede so lange ökonomisch gerechtfertigt und ungefährdet sind, wie die Schweizer Wirtschaft ihre gegenwärtige relative Stärke beibehält.

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